Oberflächlich betrachtet handelt es sich hier um die Geschichte eines einsamen Menschen. Es ist ein deprimierendes Leben, das Leben des Maxwell Sim. Seine Frau hat ihn verlassen, sechs Monate lang hat er sich zurückgezogen, ist nicht zur Arbeit gegangen, bevor er nach Australien reist, um seinen Vater zu besuchen. Der Versuch diesem Vater näher zu kommen scheitert jedoch. Das private Leben des Maxwell Sim steht in völligem Gegensatz zu seinem beruflichen Selbstbild: Maxwell ist ein Beauftragter für Nachkundenbetreuung. Jemand, der viel mit Menschen umgeht, der sich darauf versteht andere in eine entspannte Stimmung zu versetzen, so glaubt er zumindest.
Die Rückkehr nach England desillusioniert ihn vollends: von seinen siebzig Facebook-Freunden hat ihm kein einziger während seiner Abwesenheit eine Nachricht zugeschickt. Die Meldungen auf dem Anrufbeantworter stammen von seinem Zahnarzt und vom Arbeitgeber. Von einhundertsiebenunddreißig Emails stammt eine einzige von einem richtigen Menschen: seinem Freund Trevor Paige. Eben dieser Trevor bietet Maxwell später einen Job an: eine Promotionstour für aus Holz gefertigte Zahnbürsten. Diese Reise, die bis zu den Shetland Inseln führen soll, entwickelt sich für unseren Protagonisten zu einer Rückschau auf sein bisheriges Leben. Er trifft alte Bekannte und erfährt so nebenbei ein paar Wahrheiten über seine Freunde, auch über seinen Vater. Wahrheiten, die sein bisheriges Weltbild ins Wanken bringen, die aber auch die Chance für einen Neuanfang bieten.
Die Geschichte wird von Maxwell als Ich-Erzähler berichtet. Eingebunden sind vier Texte, die von anderen Personen stammen: ein Brief (Wasser), eine Kurzgeschichte (Erde), eine Selbstanalyse (Feuer), Erinnerungen (Luft). Der Brief enthält Informationen über
Donald Crowhurst. Ein Opfer des Erfolgs seiner eigenen Manipulationen und Übertreibungen, der am Ende keinen anderen Ausweg als den Tod sah. Eine wahre Geschichte. Wer mehr wissen will, braucht den Namen nur googeln. Was Donald Crowhurst mit Maxwell Sim gemein hat, wird im Laufe der Erzählung offensichtlich. Die Parallelen verblüffen.
Die anderen drei eingebundenen Texte betreffen das Leben unseres Protagonisten. Sie geben ihm Einblick in die Gefühle von ihm nahestehenden Personen und ermöglichen so einen Abgleich seines Selbstbildes mit dem Fremdbild, dem Eindruck, den er bei anderen hinterlässt. Es ist Teil seiner Reise zu sich selbst. Es sind Informationen, die ihm am Ende erlauben, sich der Realität zu stellen. Man könnte auch sagen, dass diese Episoden, die Enthüllung der Wahrheiten, ihm überhaupt erst die Veränderung ermöglichen. Wie soll man wissen, wie man reagieren soll, wenn man die Wahrheit nicht kennt? Wenn sie einem vorenthalten wird?
Interessant dabei ist, dass die Überschriften dieser vier Beiträge (Wasser, Erde, Feuer, Luft) mit den Zuordnungen der
vier Quartette des Schriftstellers T.S. Eliot übereinstimmen (Luft = Burnt Norton, Erde = East Coker, Feuer = The Dry Salvages, Luft = Little Gidding). Ein Werk, das übrigens in dem Buch auch erwähnt wird: auf Seite 235 von Ms. Erith, der Nachbarin, die den Zweitschlüssel zu seines Vaters Apartment besitzt. Worin die Verbindung besteht? Nun, ich gestehe, darüber habe ich lange gerätselt. Eliot selber beschreibt die Bedeutung seines Werkes in einem Brief vom 3. September 1942 an John Hayward wie folgt: It suggests to me the notion of making a poem by weaving in together three or four superficially unrelated themes: the "poem" being the degree of success in making a new whole out of them. Also drei oder vier oberflächlich unzusammenhängende Themen, die mit dem Ziel verbunden werden, etwas Neues zu gestalten. Ob das auch der Grundgedanke für dieses Buch ist?
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SPOILERWARNUNG - ANFANG - Bitte den nächsten Absatz überspringen, wenn Sie nicht zuviel wissen wollen.
Es ist sicherlich ein Buch über Lebenslügen, Manipulationen und Täuschungen. Einige Leser, so scheint es, betrachten das letzte Kapitel als überflüssig. Es ist jedoch dieses Kapitel, das die letzte, die ultimative Täuschung aufdeckt. Die Täuschung des Lesers durch den Autor. Nichts ist wie es scheint. Alles ist Lüge. Die Konsequenzen sind in diesem letzten Fall freilich nicht so drastisch wie im Leben des Donald Crowhurst. Maxwell Sim verlässt uns, das Kapitel ist zu Ende, das Buch geschlossen. Um es mit den Worten des Schriftstellers zu sagen, der dabei mit den Fingern schnipst: "Einfach so." Die Moral (zumindest die Moral, die ich daraus für mich gezogen habe): wie einfach kann das Leben sein ohne Lügen, ohne Manipulationen, ohne Täuschungen.
SPOILERWARNUNG - ENDE -
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Ein Buch, das man womöglich öfter lesen sollte, bis sich einem die Details erschließen. Die Frage ist nur ob man dazu bereit ist. Persönlich muss ich gestehen, dass mich die Geschichte nicht "packen" konnte. Zwar habe ich bis zum Schluss durchgehalten, es war allerdings mühsam. Insbesondere die "Gespräche" von Maxwell mit seinem Navigationsgerät Emma empfand ich als zäh und langatmig. Vielleicht lag es auch daran, dass ich so manches als sehr konstruiert empfunden habe. Womöglich ist dieses Buch nur etwas für experimentierfreudige Leser, die Spaß an unterschiedlichen Schreibstilen haben. Denn auch das kennzeichnet dieses Buch: eine Phase mit einem extrem langen Satz (z.B. im Flugzeug, als Maxwell einen Monolog hält während sein Sitznachbar stirbt), dann die vielen Emails mit kurzen Sätzen, die Maxwell nach seiner Rückkehr liest. Viele Gespräche, von denen indirekt erzählt wird. Dann wieder Dialoge, die ohne "er sagte", "er fragte", etc. auskommen. Des Weiteren haben die vier eingebundenen Texte jeweils einen eigenen Charakter. Auf mich machte all dies jedoch einen sehr unharmonischen Eindruck.
Kurz: Kein Buch, das mich begeistern konnte.
Zuletzt noch ein persönlicher Hinweis:
Es ist auch ein Buch, das Hoffnung vermittelt.