Verhalten sich Muslime unter vergleichbaren Umständen grundsätzlich anders als Christen, Hindus oder Konfessionslose? Die (entstehende) Religionsdemografie bietet eine großartige Gelegenheit, diese Frage anhand eines religiös, kulturell, wirtschaftlich, politisch und auch wissenschaftlich zentralen Thema zu untersuchen: dem Familien- und Geburtenverhalten. Courbage und Todd, zwei hochkarätige, französische Demografen und Autoren, stellen sich genau dieser Fragestellung und haben ein atemberaubend daten- und faktenreiches Buch vorgelegt. Sie zeigen auf, dass Religion zwar allgemein höhere Geburtenzahlen begünstigt, dass aber die islamischen Institutionen die allgemeine Modernisierung und den Trend zur Kleinfamilie ebensowenig aufhalten konnten wie die Kirchen zuvor. In starken Zeitreihen machen sie sichtbar, wie auch in islamischen Ländern als Folge von Bildung die allgemeinen Kinderzahlen sinken, aber auch, dass politische und religiöse Extremisten von der Unsicherheit der Auflösung klassischer Familienrollen zeitweise profitieren. Interessant sind auch die regionalen Fallstudien, die breite Unterschiede der Ausprägung von Familienmodellen aufzeigen.
Wer weiß schon, dass sich in vielen islamischen Regionen matriarchale Erblinien gehalten haben? Oder dass im Tschad weit mehr Katholiken und Animisten als Muslime polygam leben (S. 80)? Einen statistisch nachweisbaren Einfluss weisen die Forscher auch für das islamische Verbot der Mädchentötung bzw. -abtreibung nach: die Rate überlebender Mädchen und Frauen fällt in islamischen Populationen deutlich höher (und oft nahe am natürlichen Verhältnis) aus als in einigen hinduistischen Regionen Indiens oder zwangs-säkularisierten Populationen Chinas.
Enige wenige Kritikpunkte gibt es dennoch: Teilweise sind die verwendeten Datensätze schon einige Jahre alt und die wissenschaftliche Sprache sowie das schnelle Hin und Her zwischen verschiedenen, islamischen Ländern und Regionen dürfte Laien stark fordern, manchmal auch überfordern. Immerhin helfen hier gut gemachte Grafiken. Und doch: Lesern, die auf gehobenem Niveau die politischen, demografischen und religiösen Entwicklungen der islamischen Welt besser verstehen wollen sowie Wissenschaftlern mit Interesse an Religionsdemografie sei das faktenreiche Buch unbedingt empfohlen.