Nikolai Gogol, bekannt auch durch zahlreiche Kurzgeschichten wie "Die Nase" oder "Der Mantel", schuf mit den "Toten Seelen" seinen einzigen Roman, der leider unvollendet blieb. Das Manuskript zum zweiten Teil verbrannte er in einem Anfall von Wahnsinn. Verloren zwischen religiösem Fanatismus und schöpferischer Krise starb Gogol im Alter von gerade einmal 42 Jahren. Umso erstaunlicher, daß ihm eine der großartigsten und auch über Russland hinaus bekanntesten Satiren gelungen ist, die je das Licht der Welt erblickt haben.
Der Nachwelt erhalten blieben nur der erste Teil, sowie Fragmente des zweiten Teiles der ursprünglich geplanten Trilogie.
Tschitschikow, der Protagonist, reist auf einer Kutsche von Gutsbesitzer zu Gutsbesitzer, um ihnen verstorbene Leibeigene, die sogenannten toten Seelen, abzukaufen und später, da sie in den Revisionslisten bis Ablauf des Jahres noch als lebendig geführt werden, gewinnbringend verschachern zu können. Nicht mehr und nicht weniger ist die Handlung. Die Geschichte zieht ihren Reiz aus den Begegnungen mit den so unterschiedlich gearteten Gutsbesitzern, bei denen Tschitschikow oft sein blaues Wunder erlebt.
Sämtliche Charaktere sind herrlich verschroben, Gogol karikariert nicht nur die Eigenarten des Adels, der höheren Gesellschaft, sondern der Menschen an sich. Frech und respektlos legt Gogol menschliche Schwächen bloß, spottet liebevoll über alles und offenbart so ganz nebenbei auch die Missstände im damaligen Russland.
Am vortrefflichsten gelungen ist der Protagonist Tschitschikow, an und für sich ein Gauner und Halsabschneider, aber auch so liebenswürdig und schelmisch, daß man oft selbst grinsen muss, wenn er mal wieder einem ahnungslosen Gutsbesitzer die toten Seelen abschwatzt oder in Teufels Küche gerät.
In Zeiten, in denen Humor oft mit Klamauk und pubertären Witzen gleichgesetzt wird, in denen der Zuschauer im TV oder der Leser von ach so aktueller Satire mit meist niveaulosem Stumpfsinn konfrontiert wird, ist Gogols subtiler und amüsanter Humor eine wohltuende Abwechslung. Um Missverständnissen vorzubeugen: "subtil und amüsant" bedeutet trotz allem, daß man an vielen Stellen Tränen lachen kann und wird.
Gogols Stil ist wunderbar, mühelos meistert er die Satire, eine der schwersten literarischen Kunstformen überhaupt. Immer wieder tritt er als Autor auch selbst in Erscheinung und ist sich nicht zu schade, über sich selbst zu spotten. Zum Ende hin fällt die Qualität des Romans ab, aus dem bereits genannten Grund, daß vom zweiten Teil nur noch Fragmente übriggeblieben sind und so stellenweise ganze Kapitel fehlen.
Trotz allem gibt es fünf Sterne, weil Gogol bis dahin ein phantastischer, lesenswerter Spaß gelungen ist. Wem Gogol gefällt, der kann im Anschluss direkt bei Bulgakow fortfahren - meiner Meinung nach der einzige Autor, der sich in der Satire mit Gogol messen kann.