...dass Gogol sein Werk nicht vollenden konnte. Drei große Teile wollte er schreiben(angelehnt an Dantes „Commedia"), zwei sind es nur geworden, wobei der zweite Teil schon in einigen Passagen aus Fragmenten besteht, was vor allem an Gogols großer „Verbrennlust" liegt: der zweite Teil war schon druckfertig, als Gogol selbst ihn verbrannte! Dann fing er wieder an zu schreiben, war mit einigen Kapiteln nicht zufrieden und vernichtete diese dann (Auch einige Erzählungen vor den „Toten Seelen" mussten dran glauben!), so dass der zweite Teil mühselig aus den übrig gebliebenen Seiten zusammengesucht werden musste. Die Frage ist nun: Lohnt es sich, einen Roman zu lesen, der nicht einmal richtig fertig ist? Die Antwort: Ja, es lohnt sich! Nicht nur, dass wahre Größen wie Dostojewski Bezüge zu Gogols Roman schafften oder auch Puschkin und Thomas Mann ihn kannten und bewunderten - darin allein muss ja schon ein Grund liegen! -, nein, der Leser selbst wird diesen Roman zu schätzen wissen und nicht so leicht Tschitschikow, nebst anderen höchst skurrilen Figuren vergessen. Was dem Roman in der Kritik oft vorgeworfen wurde, ist seine Handlung im ersten Teil. „Da reist der Held doch nur von einem Gutsbesitzer zum anderen und kauft ihm tote Seelen ab - mehr ereignet sich doch nicht!"
Nicht ganz. Denn zum einen versteht es Gogol den Leser mit großartigen, spleenigen Einfällen zu unterhalten (selbst Puschkin musste wohl sehr oft lachen, als Gogol ihm vorlas), zum anderen ist jeder der von Tschitschikow bereisten Charakteren anders gestaltet (der eine servil, der andere jähzornig, der eine dumm, der andere geizig), was unseren Helden sehr wandlungsfähig machen lässt, machen muss. Auch der verräterische Nosdrew muss hier erwähnt werden, denn dieser ist der einzige, der Tschitschikow keine toten Seelen verkauft und ihn ständig in peinliche und auch gefährliche Situationen bringt. Und dann ist da noch die genaue, fast schon radikale Beobachtungsgabe Gogols oder liest man etwa alle Tage, wie ein Schwein ein Küken verschluckt?! Solche Einfälle und Szenen sind sehr oft in den „Toten Seelen" zu lesen. Erstaunlich, bei einem Autor, der psychisch oft so angeschlagen war. Auch der komplexe Charakter des Protagonisten ist bemerkenswert. Ist doch unser Tschitschikow keine gleichmäßig böse Figur, sondern hat auch viele gute Seiten, die erst so richtig im zweiten Teil immer mehr zum Vorschein kommen. Und im nicht vorhandenen dritten Teil sollte dann die völlige Wandlung beschrieben werden, was leider nicht mehr zustande kam. Auch der teilweise lückenhafte zweite Part des Romans fängt (wegen einiger Längen) zu wackeln an, fängt sich aber dann wieder sehr schnell. Dort wird vor allem dann der Charakter des Helden genauer unter die Lupen genommen und dort fängt die Wandlung langsam und daher auch glaubwürdig an, am besten vielleicht in einer Szene im Gefängnis mit einem alten Mann, aber es soll hier nicht mehr verraten werden. Gogols „Tote Seelen" bleiben das, was sie sind: ein unvergessliches Stück Literatur, welche sich viele Autoren danach zu Nutze machten und immer wieder daraus rezitierten oder Bezüge schafften. Auch wenn hier etwas fehlt, was ansonsten in jedem russischen Roman zu lesen ist, nämlich die Liebe (wird nur ganz am Rande erwähnt), so hetzt Gogol trotzdem den Helden durch Themen, wie Verrat, Neid, Faulheit, Unmenschlichkeit, Prasserei, etc. Und...vergisst niemals dabei den Humor.