Kurzbeschreibung
Im November 1998 ließ der Gründer von DIE TÖDLICHE DORIS, Wolfgang Müller, die Musik ihrer ersten Vinyl-LP aufführen. Aber nicht als Klang, sondern als Gebärde: Die Gebärdendolmetscherinnen Dina Tabbert und Andrea Schulz übertrugen und gestalteten Texte und Musik ausschließlich in Gebärde und Zeichen. Das Ergebnis dieser Transformation von Musik in ein anderes Medium ist eine gehörlose Musik, die sich ausschließlich im und durch den Körper, Gebärden, Bewegungen, Interaktionen und der Mimik äußert. Zahlreiche Gehörlose und Hörende verfolgten diesen Prozess live im Prater der Berliner Volksbühne mit, im Rahmen der Veranstaltung Gehörlose Musik, veranstaltet von den Freunden guter Musik. Das Ergebnis ist kein Tanz, keine Performance, keine Musik, es ist eine Kunstform, für die es bislang (noch) keinen Namen gibt. Die DVD kann sowohl in Gebärdensprache als auch optional mit der Musik der LP abgespielt werden. Sie enthält neben dem Hauptfilm ein Interview mit Wolfgang Müller von DIE TÖDLICHE DORIS.
Rezension
“Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist”, hieß es bei Herbert Grönemeyer. Die Tödliche Doris hält dem entgegen: Sie mag Musik nur, wenn man sie sehen kann. Darum hat Wolfgang Müller, Gründer der Tödlichen Doris, die komplette erste Doris-LP von 1982 von den Gebärdendolmetscherinnen Dina Tabbert und Andrea Schulz in Gebärdensprache übertragen lassen. Das Ergebnis ist Transformation von Klang in Bewegung, die man sich auf der DVD mit oder ohne Ton anhören kann. Wolfgang Müller hat die Gebärdensprache der Gehörlosen damit bewusst zu einer eigenen Kunstform erhoben und bewiesen, dass es durchaus möglich ist, so etwas Komplexes und Eigenweltliches wie die Musik der Tödlichen Doris konsequent in das System der Gebärdensprache zu übersetzen – alleine, dass dadurch etwas völlig Neues entsteht, das dem Original, der Musik, in nichts nachsteht. Durch die Transformation, die immer ein Charakteristikum der Tödlichen Doris war, da es sich bei ihnen nie um eine Band mit abgeschlossenen Songs gehandelt hat, wird letztlich auch die Frage nach dem Original obsolet. Ganz im Sinne der Fluxus-Tradition befindet sich die Arbeit der Tödlichen Doris in einem Prozess permanenter Wandlung. Die mit dieser DVD aufgeworfenen Fragen gehen weit über eine bloß originelle Kneipenidee hinaus, erschöpfen sich auch nicht im gut gemeinten Engagement für Minderheiten, sondern berühren philosophische Fragen, etwa die nach den Grenzen unserer Wahrnehmung und Konventionen wie Sprache, mit deren Hilfe wir diese Grenzen einerseits zu überwinden versuchen, andererseits aber auch in ihnen verhaftet bleiben. Dieser ersten DVD in der Edition Kröthenhayn sollen weitere an der Schnittstelle von Performance und Videokunst folgen, alle streng auf 1000 Exemplare limitiert und mit umfangreichem Booklet ausgestattet. Martin Büsser Intro Juli/August 2006