Ich kann die eher negativ ausgerichteten Rezensionen hier absolut nicht nachvollziehen und frage mich, ob das Buch da nicht einfach quer gelesen wurde? Ich zumindest habe einige Tage dafür gebraucht und jeden Satz darin gelesen.
Ich finde, es ist ein sehr liebenswerter Roman. Der Krimiplot ist vielschichtig angelegt, mit durchweg sympathischen Charakteren. Da ist Kieran, der Irak-Veteran, dessen Einheit im Krieg komplett ausgelöscht wurde, auf der Suche nach einem neuen Ziel im Leben. Da ist der leicht verschusselte Freddie, der Exmann des Opfers, nicht sehr lebenstüchtig, aber loyal und treu, der um Rebecca trauert. Tavie, die junge Sanitäterin und Leiterin des Suchteams, die sich um den verstörten Kieran kümmert. Und natürlich Gemma James und Duncan Kincaid - Gemma hat ihre Elternzeit gerade hinter sich und Kincaid will sie antreten, doch da wird er in den neuen Fall verwickelt.
Gerade dadurch, dass diese Figuren sehr vielschichtig gezeichnet sind, entsteht Empathie. Der Leser fürchtet um sie, er denkt, fühlt und leidet mit ihnen, so dass auf diese Weise eine sehr subtile innere Spannung entsteht. Der äußere Spannungsbogen - der sich intensiviert, je näher das Ende kommt, so dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte - ist raffiniert geschlungen, ohne Durchhänger, wie aus einem Guss. Das ist schon sehr durchdacht, sehr intelligent gemacht, mit nie nachlassender Präsenz.
Die Familienszenen, die längst nicht den Raum einnehmen, wie hier behauptet wurde, dienen nicht nur dazu, den Protagonisten menschliche Tiefe zu geben, sondern auch dazu, den Leser zwischendurch mal ausruhen" zu lassen. Andauernde, nie nachlassende Spannung wird man in kaum einem Krimi finden, und wenn, dann ist das nicht sehr geschickt. Man muss dem Leser Zeit geben, den Adrenalinspiegel zu senken, sonst wird man der Spannung überdrüssig. Trotzdem endet hier fast jedes Kapitel mit einem Cliffhänger - so dass man auch über die ruhigeren" Szenen hinwegrast, um zu erfahren, was die Ermittlungen, die Kincaid und Doug Cullen, aber auch Gemma und ihre Kollegin Melody Talbot parallel führen, ergeben.
Und da gibt es einige Überraschungen ...
Das Setting, das Ambiente wird sehr gekonnt gezeichnet, die Infos über die englischen Ruderclubs und -Regatten fand ich interessant (ich, die ich wirklich kein Sportfreak bin!) und keineswegs ausufernd. Und sie machen durchaus Sinn - ACHTUNG, kleiner SPOILER! -, weil sie ein Teil des Motivs besser verständlich machen.
(Wer sich ein Bild davon machen will, wie der Schauplatz des Verbrechens aussieht, muss nur mal Temple Island" in Google Bilder suchen, schon hat man eine gute Vorstellung von der Gegend.)
Am Schluss ist jedoch alles ganz anders als gedacht. Hier ist auch der einzige Punkt, den ich bemängeln würde: den Ausgang hätte man schon vorher in der Geschichte durch kleine Hinweise besser verankern können. Gewiss, sie sind da, aber doch sehr, sehr unscheinbar und nicht in ausreichendem Maß.
Es ist ein atmosphärisch sehr dichter Roman, in gewohnter Crombie-Qualität, auch und besonders was die Sprache anbelangt, gut übersetzt, und auf jeden Fall ein MUSS für jeden Crombie-Fan. Mir jedenfalls hat das Lesen großen Spaß gemacht!