Dieses Buch ist das weltweit ausführlichste populärwissenschaftliche Werk zu der Fragestellung, ob AIDS vielleicht doch nicht als Viruserkrankung, sondern vielmehr als multifaktorielles Syndrom zu verstehen ist. Meine ursprüngliche Befürchtung, in diesem Buch würden vielleicht alle möglichen Theorien und Vermutungen aufgestellt, wurde ziemlich schnell entkräftet durch die Tatsache, dass allen Leitgedanken prompt eine Fülle von Quellenangaben nachfolgt. "Die stille Revolution der Krebs- und AIDS-Medizin" ist somit ein hilfreicher Wegweiser durch die wissenschaftliche Literatur, die man z.B. mit Hilfe eines Zugangs zu einem Uni-Server beim Lesen ergänzend hinzuziehen kann.
Kremers Buch hat mein Vertrauen in die medizinische Forschung gestärkt. Die Grundlagenforschung geht nämlich durchaus in alle naheliegenden und erfolgversprechenden Richtungen, jedoch werden deren Ergebnisse häufig nur einseitig rezipiert und weiterentwickelt. Welche Mechanismen hier am Werke sind, muss angesichts der den Marktbedingungen unterworfenen medizinischen Versorgung nicht weiter erläutert werden. Aber auch an dieser Stelle wird der Autor angemessen konkret. Mit Verschwörungstheorien hat dies denkbar wenig zu tun, sondern mit den objektiv vorhandenen Ertragschancen beim Verkauf von antiretroviralen Medikamenten, die pro Patient und Jahr etwa 20.000,- Euro und mehr kosten und mit dem systemimmanenten Desinteresse an natürlichen und nicht patentierbaren Substanzen (sog. "Alternativmedizin").
Im Ergebnis reicht das Buch - und das macht es so besonders wertvoll - weit über die wissenschaftliche HIV-Kritik hinaus. Es wird nämlich auch ein umfassendes, in sich schlüssiges und nachvollziehbares Modell der Krankheitsentstehung entworfen, das größtenteils auf den Ergebnissen der bisherigen, in der Fachpresse veröffentlichten, AIDS-Forschung basiert und im Gegensatz zum allgemein favorisierten HIV-Modell weniger Fragen offen lässt als es aufwirft. Kremer bleibt dabei nicht im Allgemeinen, sondern er arbeitet sich bis zu den biochemischen Grundlagen der Immunabwehr vor, inklusive der Funktionsweise der Körperzellen und ihren Energiekraftwerken - den Mitochondrien.
Was ist Ursache, was ist Wirkung? Wenn man sich mit den von Kremer vorgestellten und in der Forschung nachgewiesenen Kausalketten bzw. Wechselbeziehungen beschäftigt (oxidativer Stress, mitochondriale Dysfunktion, Th1-Th2-Switch usw.), kommt man ins Grübeln und sucht notgedrungen eigenständig nach weiteren Antworten. Die gibt es überreichlich in der Wissenschaft, die wesentlich heterogener ausgerichtet ist, als man dies angesichts des von Massenmedien dargebrachten Info-Mülls zunächst vermuten würde.
Ich empfehle das Buch dringend zur Lektüre und kann mir kaum vorstellen, dass jemand die monokausale Betrachtungsweise der HIV-AIDS-Hypothese und die daraus abgeleiteten Chemotherapien noch unkritisch akzeptiert, nachdem er dieses Buch und die darin vorgestellten wissenschaftlichen Studien gelesen hat.
Ach so, ganz "nebenbei" beschäftigt sich Kremer in seinem Buch auch noch mit den Grundlagen der Krebsentstehung und -bekämpfung, denn auch bei Krebserkrankungen besteht vermutlich ein Zusammenhang mit der Funktionsweise der Energiegewinnung in den Mitochondrien. Diese Betrachtungsweise, die von dem Nobelpreisträger Otto Warburg vor Jahrzehnten begründet wurde und die man auch unter dem Begriff "Warburg-Hypothese" kennt, wurde bis heute nie wirklich widerlegt und hat zeitgleich mit der Veröffentlichung des Buches nochmals an Aktualität gewonnen durch eine aufsehenerregende Veröffentlichung der Uni Jena "Otto Warburg Revisited" (J Biol Chem. 2006 Jan 13;281(2):977-81) und dem mit der DCA-Studie der Uni Alberta in Kanada (Michelakis et. al., Cancer Cell. 2007 Jan;11(1):37-51) verbundenen Paukenschlag. Hier gibts noch viel zu entdecken, und Kremer ist da bestimmt nicht der schlechteste Ratgeber.
Dieses Buch gibt dem einzelnen Patienten oder allgemein Interessierten eine ungeahnte Macht über das eigene Leben und die eigene Gesundheit zurück - eine Macht die derzeit eher krampfhaft als souverän von Big Pharma gehalten und (noch) ausgeübt wird.