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Die sterbenden Europäer: Unterwegs zu den Sepharden von Sarajevo, Gottscheer Deutschen, Arbereshe, Sorben und Aromunen
 
 
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Die sterbenden Europäer: Unterwegs zu den Sepharden von Sarajevo, Gottscheer Deutschen, Arbereshe, Sorben und Aromunen [Gebundene Ausgabe]

Karl-Markus Gauß , Kurt Kaindl
4.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (8 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Seit die Hydra des Nationalismus in Europa wieder ihre Häupter erhebt, setzen viele auf politische Integration. Doch supranationale Konglomerate bergen stets auch die Gefahr der Nivellierung. Zumal für ethnische Splittergruppen, die sich trotz -- oder gerade wegen -- ihrer Bedrängnis auf den Kult der eigenen Sitten und Gebräuche zurückgezogen haben und von denen es mehr gibt, als man annimmt. Mit einigen bemerkenswerten "Letzten ihrer Art" macht uns Karl-Markus Gauß in seinem Buch Die sterbenden Europäer bekannt.

Der österreichische Kulturpublizist nimmt uns mit zu den sephardischen Juden Sarajevos, die sich 1492 vor der spanischen Krone in den Schutz des Sultans geflüchtet hatten, binnen kurzer Zeit die Einheimischen kulturell assimilierten und sich nun im Gefolge nationalistischer Exzesse allmählich in alle Winde zerstreuen. Weiter geht es zu den inzwischen wieder in den Wäldern hausenden kläglichen Resten der von slowenischen Partisanen als Nazis verfolgten Gotscheer, Nachfahren deutsch-österreichischer Siedler, die im 14. Jahrhundert die unwirtliche Unterkrain gerodet und überhaupt erst urbar gemacht hatten.

Im kalabrischen Hochgebirge lernen wir die katholischen Arbëreshe kennen, deren albanische Vorfahren nach Skanderbeks Tod vor 500 Jahren an die italienische Küste gespült worden waren. Und in der Lausitz die seit den Karolingern siedelnden slawischen Sorben, deren malerische Dörfer und Weiler in DDR-Zeiten reihenweise dem Braunkohletagebau oder der Zwangskollektivierung zum Opfer fielen. Der Streifzug endet in den trostlosen Geisterdörfern der durch Massenauswanderung ausgebluteten mazedonischen Aromunen, eines der ältesten und einst einflussreichsten Völker Europas, das heute beinahe vergessen ist.

Trotz der scheinbaren Planlosigkeit bei der Auswahl der Ziele entführt Karl-Markus Gauß den Leser zu einer faszinierenden Reise voller Melancholie und Poesie, sprachlich grazil und kraftvoll erzählt. --Roland Detsch

Neue Zürcher Zeitung

Sephardim, Sorben, Aromunen

Ein Epitaph auf die «sterbenden Europäer»

Fünf kleine Flecken auf der Landkarte Mittel- und Osteuropas: fünf Enklaven, in denen die Nachfahren von vertriebenen oder geflohenen Volksgruppen leben – das sind die Regionen, die der Salzburger Publizist Karl-Markus Gauss in den Jahren 1999 und 2000 aufsuchte. Er wollte erkunden, wie einst aus ganz anderen Regionen Europas zugewanderte Minoritäten überlebten, ob Sprache, Religion und Brauchtum trotz allen Assimilierungsversuchen oder -versuchungen gewahrt werden konnten bzw. können.

Schon im ersten Kapitel – «Die Sephardim von Sarajewo» – wird deutlich: Je grösser das Völker- und Sprachengemisch sich darstellt, desto grösser ist die Achtung vor Andersgläubigen oder -denkenden und die Chance, die kulturelle Identität zu bewahren, ohne sich neuen Einflüssen oder Erkenntnissen zu verschliessen. Jahrhundertelang lebten in Sarajewo Muslime, Christen und die Nachfahren jener Juden friedlich zusammen, die Ende des 15. Jahrhunderts von den Katholischen Königen aus Spanien vertrieben wurden und nach Osten gezogen waren. Als 1992 der Krieg in der bosnischen Hauptstadt ausbrach, wurde Sarajewo gegen den Willen seiner Bewohner dreigeteilt, wurden Orthodoxe plötzlich zu Serben, Katholiken zu Kroaten, Muslime zu Bosnjaken erklärt. Einzig die Juden wurden keiner nationalen Ethnie zugeordnet. Mit Zustimmung aller kriegführenden Parteien durften sie die eingekesselte Stadt unter Uno-Schutz verlassen. «Vielleicht», so einer der wenigen dagebliebenen Sephardim, «hatten die drei grossen Volksgruppen in Bosnien einander so fanatisch gehasst, dass für den Hass auf die Juden einfach keine Zeit und Kraft mehr übrig war.»

Es sind zweifache Reisen, die Gauss unternimmt, Reisen zu den realen Orten und zu den Menschen und Reisen in die Geschichte, wobei er Gelesenes, Gesehenes, Gehörtes mal als Fragmente grösserer Zusammenhänge nebeneinander stellt, mal behutsam miteinander verschränkt. Dann gleicht seine Schreibtechnik dem Schwenk einer Filmkamera, die im Falle Sarajewos vom jüdischen Friedhof zu jener Brücke schweift, über die die Demonstrationen der Bevölkerung gegen die von der Armee errichteten Barrikaden führten; die dann das erste Opfer, eine muslimische Medizinstudentin, in Nah- und Grossaufnahme zeigt; mit abruptem Schnitt bei den Grabsteinen, den hinter ihnen postierten Haubitzen verweilt; mit Rück- und Vorausblenden die Geschichte des Friedhofs, seine spätere Verminung aufscheinen lässt; und schliesslich zurückweicht und einen Blick auf das freigibt, was von dem einst so blühenden Leben in Sarajewo geblieben ist.

Verlust der Heimat – das ist das zentrale Thema bei allen fünf von Gauss vorgestellten Volksgruppen. In der Gottschee, einem Landstrich im slowenisch-kroatischen Grenzgebiet, wurden im 14. Jahrhundert vom damaligen Grundherrn, dem Grafen von Ortenburg, Tiroler Familien angesiedelt, die die urwaldhafte Region in Kulturland verwandeln sollten. 600 Jahre später wurden ihre Nachfahren von Hitler ausgesiedelt, die Dörfer dem Verfall preisgegeben. Die Heimat der in alle Welt versprengten Gottscheer ist nur noch virtuell, im Austausch von Erinnerungen im Internet, vorhanden.

In Kalabrien gibt es etwa dreissig albanische Dörfer. Die Vorfahren der Bewohner waren im 15. Jahrhundert nach der Niederlage ihres Nationalhelden Skanderbeg vor den Türken dorthin geflohen. Einer untergegangenen Kultur treu geblieben, fühlen sie sich angesichts der Entwicklungen in ihrem Herkunftsland um die Heimat gebracht. Ähnliches gilt für die Aromunen, einst ein Volk von grenzüberschreitenden Händlern und nomadisierenden Hirten, dessen Niedergang mit der Herausbildung der Nationalstaaten auf dem Balkan besiegelt war. Muskopolje, einst Sitz der Wissenschaft und der ersten Druckerei auf der Balkanhalbinsel, wurde im 18. Jahrhundert von Albanesen zerstört. Die Aromunen, heute in aller Welt verstreut, haben als kleine Volksgruppe einzig in Mazedonien überlebt. Schliesslich die Sorben aus der Lausitz im deutsch-polnisch-tschechischen Grenzdreieck, eine kleine slawische Völkerschaft mit eigener Sprache. Weite Landstriche ihrer Heimat wurden zu DDR-Zeiten durch rücksichtslose Braunkohlen-Gewinnung im Tagebau zerstört. Viele der jahrhundertealten wendischen Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht, ganze Dorfgemeinschaften in aus dem Boden gestampfte Siedlungen verfrachtet. Das alles schildert Gauss kenntnisreich, anschaulich und auf Grund eigener Eindrücke. Manchmal mag eine Ausdrucksweise befremden, wie: «der Weg wurde enger und enger – und liess es dann gänzlich sein». Kein Zweifel kann indes daran bestehen, dass es sich hier um einen wichtigen, differenzierten, nachdenklich stimmenden Beitrag zum kulturellen Selbstverständnis eines sich neu formierenden Europa handelt.

Renate Wiggershaus

Perlentaucher.de

Buchnotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 18.04.2001
Nach Hans-Peter Kunisch gelingt es dem Autor hier, das "zu sehen, was andere überfliegen". Und so bewegt sich Gauß, wie der Leser erfährt, abseits von Ost-West-Ideologien in Ländern und auf den Spuren von Kulturen, die normalerweise nicht im Blickpunkt stehen. Etwa in Kalabrien, wo katholische Albaner schon seit fünfhundert Jahren leben, ihre Pfarrer sogar mit Segen des Papstes heiraten dürfen und die ihre Messen auf griechisch lesen, auch wenn sie sonst albanisch und italienisch sprechen. Kunisch gefallen Ausflüge dieser Art, die Gauß auch in andere Gegenden Europas unternimmt, weil es hier "nicht auf die Zahl der Kilometer" ankomme, um etwas von Europa zu erfahren, sondern auf den Blick. Dabei zeigt sich Gauß, wie der Rezensent anerkennend bemerkt, "selten idyllisierend, nie naiv", sondern vor allem als Spurensucher, als "sorgfältiger Geschichtensammler und Privat-Wissenschaftler".

© Perlentaucher Medien GmbH

Buchnotiz zu : Frankfurter Rundschau, 07.05.2001
Marica Bodrozic wünscht diesem Buch viele Leser. Die Rezensentin ist ganz und gar berührt von den mit "seltener poetischer Intensität" geschriebenen Essays über vergessene Völker in Europa. Der Autor habe sich auf unwägbares, von der Erinnerung ausgespartes Gelände begeben. Denn wer könne schon, fragt Bodrozic, über die Vergangenheit der Sepharden Sarajevos, der Aromunen oder der Gottscheer erzählen. Mit ethnologischem Gespür und Neugierde habe der Autor ein feines Netz aus Gegenwart und Geschichte geflochten und lade den Leser ein, als Flaneur zwischen den Welten zu spazieren. "Karl-Markus Gauß hat die unbekannten Räume des Dazwischen mit ereignisreichem europäischen Leben gefüllt und eine gleichermaßen poetische wie profunde Hommage an 'Europas Ränder' geschrieben", lautet das Fazit der überaus begeisterten Rezensentin.

© Perlentaucher Medien GmbH

Buchnotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.05.2001
Rezensent Karl Schlögel kam aus dem Staunen nicht mehr heraus: Das Buch entdeckte ihm das Europa der Restvölker, "der ethnischen und sprachlichen Trümmerlandschaften" von Minderheiten, die Gauß in seinem Buch so eindringlich beschreiben muss, dass der Rezensent voller Entdeckungsgeist von dessen Reisen zu den vergessenen Völkern erzählt: den sephardischen Juden Sarajewos, den Sorben, Gottscheer Deutschen oder den Aromunen. Es gebe sie also alle noch, räsoniert der Rezensent und ist beeindruckt, dass Gauß seine Reise zu diesen "unbekannten europäischen Stämmen" gerade in dem Moment unternommen hat, "da sie nach langer Zeit wieder die Bühne" betreten haben, von der sie "so lange verbannt waren". Am Ende hat unser ergriffener Rezensent nicht nur das Staunen, sondern auch das Schaudern gelernt angesichts "der von der Dialektik des Fortschritts in Gang gesetzten Dezimierung und Verarmung". Und ein bisschen klingt durch die Begeisterung für all die Völker und Natiönchen (samt deren Eigenarten) irgendwie auch die Sehnsucht nach eigenen nationalen Eigenschaften.

© Perlentaucher Medien GmbH

Pressestimmen

"Kein Zweifel kann daran bestehen, dass es sich hier um einen wichtigen, differenzierten, nachdenklich stimmenden Beitrag zum kulturellen Selbstverständnis eines sich neu formierenden Europa handelt." Renate Wiggershaus, Neue Zürcher Zeitung, 14./15.4.01 "Der Essayist Karl-Markus Gauß reist nicht nur mit dem Flugzeug und Auto durch Europa, sondern auch in Büchern und Geschichten. Sein Ziel ist das Europa vergessener Menschen und Minderheiten. Die Kombination aus Recherche, Reisebericht und Reflexion fördert Verständnis für nationale und politische Konflikte und bringt Überraschendes zutage." Robert Streibl, Die Furche, 5.4.01 "Ein bewegendes Buch. (...) In Gauß' Studien verbinden sich politische Analyse, historischer Exkurs, kulturphilosophische Reflexion, Reportage, Interview und Reisebild zu einer Eigengattung von hoher literarischer Qualität - und Lesbarkeit." Andreas Nentwich, Die Zeit, 26.07.01

"Gauß lesen bedeutet: mit anderen Augen sehen zu lernen." Ulrich Weinzierl, F.A.Z. "Gauß lesen, heißt den Kopf hinhalten." Michael Guttenbrunner "Es gibt Autoren, zu diesen zählt Karl-Markus Gauß, die müssen ihre Arbeit in nicht allzu großen Abständen veröffentlichen, da im andern Fall ihre Leser an Entzug zu leiden begännen. An Geistesentzug." Michael Scharang, Süddeutsche Zeitung "Gauß ist ein Freund deutlicher Worte und nachvollziehbarer Argumente. ... Wie wenige begreift dieser Autor den Dienst an der Sache am Leser." Andreas Breitenstein, aus der Laudatio für den Charles-Veillon-Preis "Wie kaum ein andere versteht es Karl-Markus Gauß, die Geschichte vergangener Jahrhunderte mit der Zeitgeschichte zu verbinden. In fünf Essays begibt er sich auf die Spurensuche nach den 'sterbenden Europäern': Genrebilder verbinden sich hier mit historischen Erläuterungen, Landschaftsschilderungen mit Episoden." Alois Woldan, Die Presse, 7.4.01 "Einer der kenntnisreichsten Zweifler an der im Grunde skurrilen, am momentanen Erfolg orientierten Hochschätzung des 'deutschen Westens' ist der österreichische Schriftsteller und Journalist Karl-Markus Gauß. Statt jedoch repetetiv zu klagen, dass diese oder jene Region zu wenig bekannt sei, 'vernachlässigt' werde, informiert er sich, besucht sie - nicht die Zentren, die beinahe jeder kennt, immer die Peripherien, oft mit der Grundhaltung einer ironischen Melancholie (...) Gauß ist ein sorgfältiger Geschichtensammler und Privat-Wissenschaftler, der aus seiner persönlichen Synthese von Literatur-, Geschichts- und Gesellschaftskenntnis nicht weniger als das Modell einer unpolemischen Ethnologie Europas macht." Hans-Peter Kunisch, Süddeutsche Zeitung, 18.4.01

Kurzbeschreibung

Karl-Markus Gauß, dessen Aufmerksamkeit seit langem den randständigen Nationalitäten gilt, ist in den vergangenen Jahren immer wieder aufgebrochen zu jenen kleinen Völkern, denen Europa seine Vielfalt an Kultur verdankt. Seine Reisebilder verbinden Naturbeschreibung, Stadtporträt, Exkurs in unbekanntes Gelände der Kulturgeschichte, politische Skizze und Erzählung von unverwechselbaren Menschen zu einer wunderbaren Form von Literatur. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .

Der Verlag über das Buch

»Sein Buch ist ein Musterbeispiel von Journalismus, von lebendiger, sensibler und geduldiger Aufmerksamkeit für die verfallenden, halb zerstörten Kulturen, für ein sterbendes Europa.« Stuttgarter Zeitung

»Ein bewegendes Buch. ... In Gauß‘ Studien verbinden sich politische Analyse, historischer Exkurs, kulturphilosophische Reflexion, Reportage, Interview und Reisebild zu einer Eigengattung von hoher literarischer Qualität – und Lesbarkeit.«Die Zeit

»Kein Zweifel kann darüber bestehen, dass es sich hier um einen wichtigen, differenzierten, nachdenklich stimmenden Beitrag zum kulturellen Selbstverständnis eines sich neu formierenden Europa handelt.« Neue Zürcher Zeitung

»Gauß ist ein sorgfältiger Geschichtensammler und Privat-Wissenschaftler, der aus seiner persönlichen Synthese von Literatur-, Geschichts- und Gesellschaftskenntnis nicht weniger als das Modell einer unpolemischen Ethnologie Europas macht.«Süddeutsche Zeitung

»Gauß lesen bedeutet: mit anderen Augen sehen zu lernen.«Ulrich Weinzierl, FAZ -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .

Über den Autor

Karl-Markus Gauß , geboren 1954, lebt in Salzburg. Er ist Essayist, Kritiker und Herausgeber der Zeitschrift »Literatur & Kritik« und schreibt für große Zeitungen wie »Die Zeit«, »Frankfurter Allgemeine«, »Neue Zürcher Zeitung« und »Die Presse«. Er erhielt für sein Werk 2005 den Preis von Vilencia für Mitteleuropäische Literatur sowie den Manès-Sperber-Preis. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .
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