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Der österreichische Kulturpublizist nimmt uns mit zu den sephardischen Juden Sarajevos, die sich 1492 vor der spanischen Krone in den Schutz des Sultans geflüchtet hatten, binnen kurzer Zeit die Einheimischen kulturell assimilierten und sich nun im Gefolge nationalistischer Exzesse allmählich in alle Winde zerstreuen. Weiter geht es zu den inzwischen wieder in den Wäldern hausenden kläglichen Resten der von slowenischen Partisanen als Nazis verfolgten Gotscheer, Nachfahren deutsch-österreichischer Siedler, die im 14. Jahrhundert die unwirtliche Unterkrain gerodet und überhaupt erst urbar gemacht hatten.
Im kalabrischen Hochgebirge lernen wir die katholischen Arbëreshe kennen, deren albanische Vorfahren nach Skanderbeks Tod vor 500 Jahren an die italienische Küste gespült worden waren. Und in der Lausitz die seit den Karolingern siedelnden slawischen Sorben, deren malerische Dörfer und Weiler in DDR-Zeiten reihenweise dem Braunkohletagebau oder der Zwangskollektivierung zum Opfer fielen. Der Streifzug endet in den trostlosen Geisterdörfern der durch Massenauswanderung ausgebluteten mazedonischen Aromunen, eines der ältesten und einst einflussreichsten Völker Europas, das heute beinahe vergessen ist.
Trotz der scheinbaren Planlosigkeit bei der Auswahl der Ziele entführt Karl-Markus Gauß den Leser zu einer faszinierenden Reise voller Melancholie und Poesie, sprachlich grazil und kraftvoll erzählt. --Roland Detsch -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Ein Epitaph auf die «sterbenden Europäer»
Fünf kleine Flecken auf der Landkarte Mittel- und Osteuropas: fünf Enklaven, in denen die Nachfahren von vertriebenen oder geflohenen Volksgruppen leben das sind die Regionen, die der Salzburger Publizist Karl-Markus Gauss in den Jahren 1999 und 2000 aufsuchte. Er wollte erkunden, wie einst aus ganz anderen Regionen Europas zugewanderte Minoritäten überlebten, ob Sprache, Religion und Brauchtum trotz allen Assimilierungsversuchen oder -versuchungen gewahrt werden konnten bzw. können.
Schon im ersten Kapitel «Die Sephardim von Sarajewo» wird deutlich: Je grösser das Völker- und Sprachengemisch sich darstellt, desto grösser ist die Achtung vor Andersgläubigen oder -denkenden und die Chance, die kulturelle Identität zu bewahren, ohne sich neuen Einflüssen oder Erkenntnissen zu verschliessen. Jahrhundertelang lebten in Sarajewo Muslime, Christen und die Nachfahren jener Juden friedlich zusammen, die Ende des 15. Jahrhunderts von den Katholischen Königen aus Spanien vertrieben wurden und nach Osten gezogen waren. Als 1992 der Krieg in der bosnischen Hauptstadt ausbrach, wurde Sarajewo gegen den Willen seiner Bewohner dreigeteilt, wurden Orthodoxe plötzlich zu Serben, Katholiken zu Kroaten, Muslime zu Bosnjaken erklärt. Einzig die Juden wurden keiner nationalen Ethnie zugeordnet. Mit Zustimmung aller kriegführenden Parteien durften sie die eingekesselte Stadt unter Uno-Schutz verlassen. «Vielleicht», so einer der wenigen dagebliebenen Sephardim, «hatten die drei grossen Volksgruppen in Bosnien einander so fanatisch gehasst, dass für den Hass auf die Juden einfach keine Zeit und Kraft mehr übrig war.»
Es sind zweifache Reisen, die Gauss unternimmt, Reisen zu den realen Orten und zu den Menschen und Reisen in die Geschichte, wobei er Gelesenes, Gesehenes, Gehörtes mal als Fragmente grösserer Zusammenhänge nebeneinander stellt, mal behutsam miteinander verschränkt. Dann gleicht seine Schreibtechnik dem Schwenk einer Filmkamera, die im Falle Sarajewos vom jüdischen Friedhof zu jener Brücke schweift, über die die Demonstrationen der Bevölkerung gegen die von der Armee errichteten Barrikaden führten; die dann das erste Opfer, eine muslimische Medizinstudentin, in Nah- und Grossaufnahme zeigt; mit abruptem Schnitt bei den Grabsteinen, den hinter ihnen postierten Haubitzen verweilt; mit Rück- und Vorausblenden die Geschichte des Friedhofs, seine spätere Verminung aufscheinen lässt; und schliesslich zurückweicht und einen Blick auf das freigibt, was von dem einst so blühenden Leben in Sarajewo geblieben ist.
Verlust der Heimat das ist das zentrale Thema bei allen fünf von Gauss vorgestellten Volksgruppen. In der Gottschee, einem Landstrich im slowenisch-kroatischen Grenzgebiet, wurden im 14. Jahrhundert vom damaligen Grundherrn, dem Grafen von Ortenburg, Tiroler Familien angesiedelt, die die urwaldhafte Region in Kulturland verwandeln sollten. 600 Jahre später wurden ihre Nachfahren von Hitler ausgesiedelt, die Dörfer dem Verfall preisgegeben. Die Heimat der in alle Welt versprengten Gottscheer ist nur noch virtuell, im Austausch von Erinnerungen im Internet, vorhanden.
In Kalabrien gibt es etwa dreissig albanische Dörfer. Die Vorfahren der Bewohner waren im 15. Jahrhundert nach der Niederlage ihres Nationalhelden Skanderbeg vor den Türken dorthin geflohen. Einer untergegangenen Kultur treu geblieben, fühlen sie sich angesichts der Entwicklungen in ihrem Herkunftsland um die Heimat gebracht. Ähnliches gilt für die Aromunen, einst ein Volk von grenzüberschreitenden Händlern und nomadisierenden Hirten, dessen Niedergang mit der Herausbildung der Nationalstaaten auf dem Balkan besiegelt war. Muskopolje, einst Sitz der Wissenschaft und der ersten Druckerei auf der Balkanhalbinsel, wurde im 18. Jahrhundert von Albanesen zerstört. Die Aromunen, heute in aller Welt verstreut, haben als kleine Volksgruppe einzig in Mazedonien überlebt. Schliesslich die Sorben aus der Lausitz im deutsch-polnisch-tschechischen Grenzdreieck, eine kleine slawische Völkerschaft mit eigener Sprache. Weite Landstriche ihrer Heimat wurden zu DDR-Zeiten durch rücksichtslose Braunkohlen-Gewinnung im Tagebau zerstört. Viele der jahrhundertealten wendischen Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht, ganze Dorfgemeinschaften in aus dem Boden gestampfte Siedlungen verfrachtet. Das alles schildert Gauss kenntnisreich, anschaulich und auf Grund eigener Eindrücke. Manchmal mag eine Ausdrucksweise befremden, wie: «der Weg wurde enger und enger und liess es dann gänzlich sein». Kein Zweifel kann indes daran bestehen, dass es sich hier um einen wichtigen, differenzierten, nachdenklich stimmenden Beitrag zum kulturellen Selbstverständnis eines sich neu formierenden Europa handelt.
Renate Wiggershaus -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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Eine mittelalterliche deutsche Sprach- und Kulturinsel zwischen Slowenien und Kroatien:
Seit dem späten Mittelalter bis zu ihrer Zwangsaussiedlung 1941/42 lebten in der "Gottschee" Menschen, die ein antiquiertes Deutsch sprachen und im Jahre 1918 versucht hatten, eine unter amerikanisches Protektorat gestellte "Unabhängige Republik Gottschee" auszurufen.
Albanische Dörfer 250 Kilometer südlich von Neapel:
Nachdem der albanische Nationalheld Gjergj Kastriota, genannt Skanderbeg, vom osmanischen Heer besiegt worden war (1468) wanderten diejenigen seiner Landsleute nach
Süditalien aus, die nicht zum Islam konvertieren wollten. Ihre Nachfahren leben heute in 30 kalabrischen Dörfern. Sie nennen sich Arbereshe, haben als Katholiken ihre eigene Eparchia mit eigenem albanischen Bischof, und feiern ihren Gottesdienst nach griechisch-orthodoxem Ritus Die ihnen von Papst Paul VI. bestätigten Sonderrechte erlauben ausserdem ihren Priester die Ehe!
Deutsche Ortschaften und Staatsbürger, die zwei verschiedensprachige Namen tragen:
Bereits seit der Zeit vor Karl dem Großen lebt in der sächsisch-brandenburgischen Lausitz das Volk der Sorben, das sich bis heute seine westslawische Sprache bewahrt hat.
Orthodoxe Christen, die ihre Messe in einer romanischen Sprache feiern und ein Maler der seinen Namen dreimal ändern musste:
Über den gesamten Balkan verstreut, mit Siedlungsschwerpunkt im Dreiländereck Mazedonien, Albanien und Griechenland leben die nach ihrer "Limba Armâneasca" genannten Aromunen, ein lateinisch-romanisches Volk, das auch als Vlachen, Vlassi, Kutzwlachen, Macedoneni,Remir oder Zinzaren bezeichnet wird. Aufgrund von Gebietsveränderungen musste der aromunische Maler Nikola Martin im Laufe seines Lebens seinen Namen dreimal ändern: Martinovic (1913-serbisch), Martinov (1916-bulgarisch) und Martinivski (1945-mazedonisch).
"Die sterbenden Europäer" von Karl-Markus Gauß führt den Leser mit 5 Reiseberichten zu weniger bekannten ethnischen Minderheiten und deren Siedlungsinseln. Anhand Geschichte und Gegenwart werden ihre kulturellen, sprachlichen und religiösen Besonderheiten und ihr ständiger Kampf gegen Verfolgung, Unterdrückung und Assimilationsdruck dargestellt. In einem ansprechenden Schreibstil wird Nationalismus jeglicher Couleur in Frage gestellt. Es gibt jedoch auch ein Augenzwinkern in Richtung multikulturelle Integration, wenn z. B. ein in der Lausitz von einem türkischen Kurden betriebenes Lokal namens "Saloniki" beschrieben wird, wo ein Kebab-Schild beruhigend versichert, dass das (Lamm)Gericht ausschließlich aus Schweinefleisch zubereitet wird. Am Ende des Buches visualisiert eine Landkarte Europas die jeweiligen Siedlungsgebiete. Zum Beitrag über die Aromunen ist zu bemängeln, dass sich Gauß zwar über alle (un)möglichen Mythen sogenannter Sonntagshistoriker ärgert, die das Aromunische als älteste Sprache (sogar noch älter als Latein) anpreisen, jedoch weder die Dakorumänische These, noch die Kontinuitätsthese erwähnt. Dennoch ist dieses einzigartige Buch mit 4 Sternen zu bewerten und kann empfohlen werden.
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