Der buchstäblich königliche Inhalt dieses nunmehr standesgemäß in royal blue gewandeten Büchleins hat sich nicht geändert, ebensowenig das feine Layout der Salto-Reihe -- wie auch; immerhin dreht sich die Handlung um das unerschütterliche Staatsoberhaupt des Vereinigten Großbritannien, die souveräne Leserin und ihren majestätischen Coup d'état.
Doch war der Bucheinband bisher lediglich untadelig fein, so ist er nun, wo königsblaue Seide das rote Leinen ersetzt, das editorische Äquivalent zum Hofknicks vor Her Royal Highness, Elizabeth II. Königsblaue Seide, Ton in Ton übrigens zum Kostüm, das jene Dame (wie heißt sie doch gleich...) am 3. Juni trug.
Wer Sinn hat für den britischen Humor, aber noch nicht das Buch "Die souveräne Leserin", der sollte das erstens schleunigst ändern, zweitens die Gelegenheit beim gekrönten Schopf fassen und zu dieser Sonderausgabe greifen -- und drittens natürlich das Buch lesen.
Was den Inhalt von "Die souveräne Leserin" angeht, diesen majestätischen Coup d'état: There it is. Viele weitere Rezensionen gibt's
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Eigentlich sind diese unerträglichen königlichen Welsh Corgies dran schuld, dass sich die Queen mit dem französischen Staatspräsidenten beim Dinner über Jean Genet austauschen will. Diplomatische Bredouille de luxe... Da haben diese Mistviecher wieder mal was angerichtet.
Aber der Reihe nach: Eines Nachmittags sind diese königlichen Köter beim Gassigehen der Queen ausgebüxt und haben Her Majesty schnurstracks zum Bücherbus der Bezirksbibliothek von Westminster geführt. Majestät will selbstverständlich den Bibliothekar nicht in Verlegenheit bringen. Da es sich gehört, sich in einer Bibliothek ein Buch auszuleihen, will sie sich eins ausleihen. Aber welches? Bücherlesen ist schließlich ein Hobby. Hobbys wiederum sind persönliche Vorlieben, und eine persönliche Vorliebe schickt sich nicht für ein Staatsoberhaupt, denn derlei schließt Untertanen aus, die diese Vorliebe nicht teilen. Andererseits darf man einen Bibliothekar, auch er ein Untertan Ihrer Majestät, nicht düpieren. Rat ist teuer, und den erteilt nun ein zufällig anwesender Gehilfe der Palastküche mit einer Vorliebe für schwule Autoren... Und nun nimmt das Schicksal seinen Lauf, denn die Queen wird auf ihre alten Tage von der Leidenschaft des Lesens ergriffen. Und nicht nur das: Sie entdeckt auch noch die ganz eigenen Regeln, die im Herrschaftsbereich des Lesens gelten: Vor dem Buch sind alle Leser gleich. Ob Küchengehilfe oder gekröntes Haupt; dem gedruckten Wort sind alle unterworfen, die es ergriffen hat. Ganz nebenbei steigt die Queen ihrerseits auf in der Hierarchie der Leser, und zwar von der Unterschicht der Schmachtroman-Leser zu jener Hautvolée der Klassiker-Goutierer weiter zu jenen der Anmerkungen-Festhalter und Geschmackssicheren, und noch weiter hinauf... jeder Zoll eine Königin, wie nicht anders zu erwarten. Auch wenn sie ihre Weihnachtsansprache, wäre es nach ihr gegangen, heuer auf dem Sofa ausgestreckt und mit einem Schmöker in der Hand gehalten hätte, hätte das nicht der umtriebige Privatsekretär gerade noch verhindert.
Ganz nebenbei hat dieses neue immaterielle Regime des Lesens natürlich höchst handfeste Auswirkungen aufs reale British Empire: Ein nicht eben vorzeigbarer Küchengehilfe steigt zum Missfallen des etablierten Hofstaats zum persönlichen literarischen Assistenten, auch Amanuensis genannt, der Queen auf, was wiederum eine regelrechte Lawine an Intrigen lostritt. Wo auch immer diese Lawine am Ende landen und was immer sie alles zum Vergnügen des Lesers mitreißen mag -- die Karriere des aufstiegsorientierten Privatsekretärs aus Neuseeland landet jedenfalls auf einem zeitgemäßen Schafott (dessen konkretes Aussehen soll nicht verraten werden), denn die Queen entdeckt zu Privatsekretärs Leidwesen ihre "Kernkompetenzen" auf andere Art, als von ihm vorgesehen.
Ganz nebenbei eröffnen sich der Queen Einblicke ins Privatleben einzelner Mitglieder des Wachregiments; ihr wird klar, dass man Schriftstellern besser auf den Seiten ihrer Bücher begegnet als leibhaftig (hätte sie ja auch selber draufkommen können!); der arme Bibliothekar des Westminster-Bücherbusses wird ins weniger respektable Pimlico versetzt; der Amanuensis Norman kommt unversehens zum Literaturstudium an der Universität von East Anglia; Garderobe und Pünktlichkeit (immerhin die Höflichkeit der Könige) beginnen zu leiden, was allgemein falsch interpretiert und alarmiert mit "Sie wird alt" registriert wird... Ein tattriges lebendes Very-British-Fossil des Empire wird aus Hampton Court herbeigezerrt, kann aber auch nicht den status quo ante wiederherstellen, sorgt stattdessen jedoch immerhin für des Lesers heftiges Zwerchfell-Erschüttern. Überhaupt erfährt der Leser gewisse Details über die wahren Hintergründe des ein oder anderen angeblichen neckischen kleinen Fauxpas beim königlichen Bad in der Menge. Sind halt auch nur Menschen, und nicht nur vor dem Buch allesamt gleich.
... und wer weiß, welche "Kernkompetenzen" die Queen als Nächstes in Angriff nimmt, und welche eisernen Prinzipien sie zu diesem Zweck übern Haufen zu rennen gedenkt. Der von der "souveränen Leserin" längst hingerissene Leser darf sich jedenfalls auf ihren etwas anderen ultimativen Coup d'état am Ende gefasst machen.
Und, ach so, ja, aber das wird sich der Leser eh gedacht haben: Die Handtasche der Queen ist nicht leer. Na, was hat sie da drin wohl verstaut?