Im Mittelpunkt dieses wunderbaren Romans stehen drei Protagonisten: Sarah, die jüdische Medica, Ciaran, der irisch-englische Mönch und Ezzo, der mittellose Ritter. Alle drei sind auf der Flucht. Alle drei haben ein Geheimnis, das sie vor ihren Mitmenschen verbergen. Alle drei sind auf der Suche nach ihrem Platz im Leben, auf der Suche nach ihrer "silbernen Burg"...
"Die silberne Burg" umfasst den Zeitraum von 1390 - 1428, ist in fünf Bücher eingeteilt und beginnt mit der Kindheit der Protagonisten, begleitet sie über ihre Jugend hinein in das Erwachsenenalter und lässt sie schliesslich bei einer Truppe Gaukler aufeinander treffen.
Die Geschichte wird jeweils aus der Perspektive eines der Protagonisten erzählt. Man könnte fast sagen, dass alles eine Frage des Glaubens ist (wenn Sie sich hoffentlich entschliessen, diesen Roman zu lesen, werden Sie verstehen, warum ich die Formulierung so gewählt habe), denn anhand von Sarahs Jugend und deren anschliessendem Schicksal gewährt Frau Dr. Weigand faszinierende & erschütternde Einblicke in das Alltagsleben der deutschen Juden im Mittelalter mit seinen unzähligen Vorschriften, Regeln, Gebräuchen, den unablässigen Bedrohungen, Progromen und Massenmorden, derer sich die Juden schon damals ausgesetzt sahen. Dem gegenüber stellt sie den katholischen Glauben des irisch-englischen Mönchs Ciaran und seinen Gewissenskonflikt gegenüber den Lollarden/Hussiten, der durch das Konstanzer Konzil neue Nahrung erhält. Eine Glaubensfrage der ganz anderen Art beschäftigt unterdessen Ezzo, nämlich die der unerfüllten Liebe, der Minne.
Den fiktiven Charakteren werden historische Persönlichkeiten wie John Wyclif, Jan Hus oder König Sigmund mit seiner zweiten Ehefrau Barbara von Cilli zur Seite gestellt. Fiktive Ereignisse erlangen durch in den Erzählfluss eingewobene, reale Begebenheiten wie z.B. das Konstanzer Konzil, und die historisch belegten Personen Authentizität.
Schliesslich erfährt man durch Sarahs Tätigkeit als Medica auch interessante, zum Teil recht graphische, Details der mittelalterlichen Heilkunde. Ihre (Er-)Kenntnisse werden den Heilmethoden eines Quacksalbers gegenübergestellt. Einschübe aus der "Dreckapotheke" (einige doch recht sonderbare Arzneien nach dem Motto: je widerlicher, desto besser die Heilkraft) und als Gegenpol Aufzeichnungen von Sarahs Onkel, einem Medicus, der nach der arabischen Heilkunst praktizierte, vervollständigen das Bild. Ein achtseitiges Glossar rundet das Gesamtpaket ab.
Die Charaktere sind wie immer fein gezeichnet: mit Ecken, Kanten, Eigenarten und Ängsten. Die Taktzahl für die Spannung bleibt immer im genau richtigen Bereich. Ich fand "Die silberne Burg" mit ihren drei Protagonisten auf der beschwerlichen Suche nach einem besonderen Platz in ihrem Leben unheimlich spannend und interessant - und zwar von der ersten bis zur letzten Seite!