Reiheninfo
1. Die Beschenkte
2. Die Flammende
3. Die Köngliche
(unabhängig voneinander lesbar)
Meine Meinung:
High Fantasy-Romane zählen seit jeher zu meinem Lieblingsgenre. Trotzdem gibt es immer wieder Zeiten, in denen ich Abstand dazu nehme. Das sind die Zeiten, in denen Lektüre nicht anstrengend und nicht kompliziert sein darf. Denn oft sind diese fantastischen Bücher dies. Man muss sich in eine fremde Welt eindenken, meist lernt man ein neuartiges Magiesystem kennen und oft spielt Politik, mitsamt Intrigen und komplizierten Machenschaften eine Rolle. Das ist nichts für gemütlich Lesestunden, in denen man nur abschalten möchte und Erholung sucht. Das fordert den Leser.
Trotzdem habe ich mich nun an "Die Beschenkte" gewagt, denn es wurde mir vermehrt von verschiedener Seite aus empfohlen. Ja, auch hier gibt es eine fremde Welt zu erkunden und auch hier gibt es eine gewisse Form von Magie. Es ist aber eine Magie, die ohne Zauberkraft auskommt. Es sind vielmehr die Gaben, die einige Menschen bekommen. Das können Dinge sein, wie besonders gut schwimmen, besonders gut tanzen oder ähnliches. Wobei besonders gut in diesem Falle heißt besser als jeder andere. Aber es gibt eben auch Gaben, die mehr können. Es gibt Gedankenleser oder jemanden wie Katsa, die mit der Gabe des Tötens beschenkt - sie würde er sagen, verflucht - wurde.
Sehr gut gelöst ist es, dass der Anfang der Geschichte sofort ein wirklicher Einstieg ins Geschehen ist, denn dadurch kommt das Buch weitesgehend ohne ermüdende und komplizierte Erklärungen aus. Der Leser bekommt gezeigt, was es für Gaben gibt, was man damit machen kann und insbesondere, wie es dabei um Katsa bestellt ist.
Somit kann man sich auch von Beginn an sofort in die Protagonistin Katsa hineinfühlen, obwohl sie anders ist als jeder gewöhnliche Mensch. Gleichzeitig ist sie keineswegs perfekt und hadert über weite Teile der Handlung mit sich selbst. Das macht sie sehr menschlich, denn der Leser hat direkt Teil an ihren Selbstzweifeln, die sie manchmal beinahe dazu bringen aufzugeben. Ihr gesamter Charakter ist sehr fein herausgearbeitet und lässt ihre Handlungen verständlich und schlüssig erscheinen.
Die ersten 150 Seiten der Geschichte kann man lapidar als normales gutes Buch bezeichnen, das sich flüssig lesen lässt, aber kaum aus der Maße hinaussticht. Danach kann man das Buch dann kaum noch zur Seite legen und man will unbedingt wissen, wie es mit Katsa, mit Bo und mit den anderen Charakteren weitergeht.
Der Autorin gelingt es eine gelungene Mischung aus Spannung und Gefühl zu erzeugen. Der Klappentext erzeugt vielleicht den Eindruck, dass die Liebesgeschichte zwischen der Protagonistin und Bo im Mittelpunkt steht, aber sie teilt sich diesen Platz ganz klar mit spannugsgeladenen Elemente. Dass dies gelingt, ist beinahe erstaunlich. Da Katsa eine sehr machtvolle Gabe hat und man als erfahrener Leser fast sicher sein kann, dass die Protagonistin das Buch überlebt, hatte ich große Bedenken, ob Spannung aufkommen kann. Es kann. Kristin Cashore gelingt es immer wieder Szenen einzuflechten, in denen der Leser sich wirklich Sogen machen muss. Nicht nur um liebgewonnene Nebencharaktere, auch um Katsa selbst.
An dieser Stelle ist gut zu erwähnen, dass der Titel und das Cover so harmlos aussehen, aber mit einem Mädchen als Heldin, die die Gabe des Tötens beherrscht, sollte klar sein, dass es hier diverse Kämpfe auszutragen gibt, die auch beschrieben werden und in denen Blut fließt.
Was diesen Roman trotz des High-Fantasy-Grundbildes auch von anderen Vertretern dieses Genres abhebt, ist das Fehlen einer übergroßen Charakterfülle. In vielen Romanen dieser Art treten sehr viele Personen auf, sodass man oft kaum den Überblick behalten kann und der Leser schon durch Charakterübersichten unterstützt wird. Hier beschränkt man sich aber auf eine überschaubare Anzahl. Außerdem kann die Politik zwar bei einer Geschichte, in der es um Königreiche geht nicht völlig vernachlässigt werden, aber dieser Handlungsstrang ist ebenfalls nicht so komplex, dass es einem entspannten Lesevergnügen im Wege stehen würde.
Die Geschichte ist in sich abgeschlossen, aber uns wird die Gelegenheit gegeben in die Sieben Königreiche zurück zukehren, denn "Die Flammende" ist der zweite Band der Reihe und macht uns mit neuen Charakteren in einem der anderen Königreiche bekannt.
Zitat:
"Helda seufzte und trug das Kleid hinaus. "Es würde aufregend aussehen, My Lady", rief sie, "zu Ihrem dunklen Haar und Ihren Augen."
Katsa riss an einem hartnäckigen Knoten in ihrem Haar und sprach zu den Schaumblasen auf der Wasseroberfläche: "Wenn ich beim Dinner jemanden aufregen will, dann gebe ich ihm eine Ohrfeige!"
Fazit: Eine fantastische Geschichte, die keine Wünsche übrig lässt. Spannung und Gefühl in einer uns fremden Welt und innerhalb einer Handlung, die zu keinem Zeitpunkt vorhersehbar ist, machen die Geschichte zu einem Page-Turner und lassen den Leser das Buch kaum zur Seite legen. Außerdem kann man dieses Buch bei Bedarf gut als Einzelband und in sich abgeschlossen lesen. Aber sicher werden die meisten in die Sieben Königreiche zurückkehren wollen, wenn sie sie einmal besucht haben.