Mittlerweile hat es der Psychosozialverlag in Gießen, dessen Mitarbeiter und Autoren mit Horst-Eberhard Richter zum Teil schon seit Jahrzehnten gemeinsamer Arbeit verbunden sind, geschafft, alle Werke dieses großen Humanisten neu aufzulegen. Das ist gut, denn im Unterschied zu vielen anderen Werken aus den achtziger Jahren etwa sind Richters Bücher - leider - muss man sagen, nach wie vor höchst aktuell.
Das vorliegende Buch, veröffentlicht anlässlich seines 85. Geburtstags versammelt Texte aus den letzten Jahren, Artikel, Reden und Interviews zu den unterschiedlichsten Anlässen. Immer wieder macht Richter deutlich, dass es unter atomarer Bedrohung keinen wirklichen Frieden geben kann.
Für den Rezensenten aufschlussreich und hilfreich waren indes Texte, die sich nicht mit dem militärischen Komplex befassen, sondern mit dem geschulten Blick des Psychoanalytikers die Verarbeitung der RAF-Geschichte aus psychoanalytischer Sicht etwa beschreiben oder die Islamophobie als ein Symptom der "seelischen Krankheit Friedlosigkeit" analysieren.
Bei aller Kritik im Detail an seiner Sicht zu diesen beiden Themen, sind besonders diese beiden Texte im Buch auf das Beste geeignet, in der gegenwärtigen Debatte um die RAF-Geschichte und den Umgang mit dem Islam in unserem Land mit einbezogen zu werden.
Man hat den Alten, wenn sie ohne jegliche Leitungsverantwortung sich gegen Ende des Lebens noch einmal mehr radikalisieren in ihren Thesen, oft vorgeworfen, sie sähen die Welt und ihre Konflikte zu naiv. Auch Joseph Weizenbaum, dem Richter dieses Buch gewidmet hat, musste das erleben. Ich selbst habe es beim Lesen dieser Texte des öfteren gedacht. Dennoch fand ich es faszinierend und sehr ermutigend, wie ein Mann in hohem Alter die Hoffnung nicht aufgibt, dass die "seelische Krankheit Friedlosigkeit heilbar" sei.
Angesichts der gegenwärtigen Finanzturbulenzen in der Welt beschleicht mich indes der Gedanke, was wohl mit den anderen seelischen Krankheiten ist, die man früher als Todsünden bezeichnet hat, zum Beispiel der Habsucht und der Gier. Sie, so scheint es mir aktuell, sind ähnlich wie das Wettrüsten geeignet, die Menschheit um ihre Grundlagen und ihre Zukunft zu bringen.
Ich kann das Buch allen empfehlen, die wissen wollen, was Horst-Eberhard Richter in den letzten Jahren gedacht und gesagt hat. Wir werden radikal-humanistische Stimmen wie seine noch sehr vermissen in der Zukunft, das wage ich zu prophezeien.