Ich habe das Buch ein paarmal als Kind gelesen und war immer so gefesselt, das ich es an einem Tag verschlungen habe. Ich konnte es einfach nicht aus der Hand legen, so tief berührt hat mich die Geschichte um Giorgio und die anderen schwarzen Brüder. Das Buch beginnt im Tessin. Giorgio wird von seinen eigenen Eltern als Kaminfegerjunge nach Mailand verkauft, als diese in ihrer Not nicht den Arzt für die Mutter bezahlen können. Geschildert werden die abenteuerlichen Umstände, unter denen er als Kaminfeger nach Mailand kommt, die unmenschlichen Schikanen, denen die kleinen Jungen während ihrer Arbeit in den engen rußigen Kaminen ausgesetzt sind und auch bei ihren Meistern, die sie oft genug noch hungern lassen und schlagen. Rückhalt findet Giorgio bei der herzensguten Angeletta (Engelchen), der Tochter seines Meisters, und in der Gruppe der schwarzen Brüder, der Bande um Alfredo, die mit Freundschaft und Solidarität die schweren Zeiten durchstehen. Tragisch der Tod Angelettas und Alfredos. Da wird ein gutes, hoffnungsfrohes Ende zur logischen Konsequenz, um die lesenden Kinder nicht ganz durch die Düsternis in den Arbeitervierteln der damaligen Zeit und den schrecklichen unmenschlichen Qualen der Kinder zu verschrecken. Giorgio kehrt heim und findet sein eigenes Glück - mit Bianca, der Schwester Alfredos.
Das Buch bleibt in seiner Problematik hochaktuell - daher wundert es mich, dass ich gerade dieses Buch im Archiv der Bücherei ausleihen musste! Das 19. Jahrhundert in Europa ist in dieser Hinsicht weitgehend zurückgelassen worden, aber in anderen Teilen der Welt leiden tagtäglich genug Kinder. Und ich denke, in der schnelllebigen heutigen Zeit dürfen die Kinder und Jugendlichen des 21. Jahrhunderts mit ihren Zivilisations-krankheiten und der sich breitmachenden Langeweile auch noch einen Blick in andere Jahrhunderte tun. Nicht alles spielt sich in einer fiktiven unrealistischen Cyberwelt ab.
In der "Chronik des 20. Jahrhunderts" fand ich jedenfalls einen kurzen Artikel aus dem Jahre 1906. Berichtet wurde über eine "Auktion der Hütekinder", die in Ravensburg stattfand. Dort wurde sechs- bis achtjährige, vielleicht auch wenig ältere Kinder als Erntehilfen versteigert. Sie warnten sich gegenseitig vor besonders brutalen Bauern, indem sie mit Kreide Kreuze auf deren Rücken malten. - Lang her sind ähnliche Schikanen in Deutschland nicht...