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Die schrecklichen Gärten
 
 
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Die schrecklichen Gärten [Taschenbuch]

Michel Quint , Elisabeth Edl
5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Mit den Clowns kommen auch bei Michael Quint die Tränen. Zumindest bei dem Ich-Erzähler seines schmalen Erzählbandes ist das so: Gleich auf den ersten Seiten macht er seiner Abscheu gegen Hanswurste und Möchtegern-Artisten Luft. Umso tragischer, dass gerade sein Vater meint, mit allerlei Küchengeräten behangen dilettantische Faxen machen zu müssen: Immer wenn der Sohn des Grundschullehrers seinen Clownerien ansichtig wird, kommen Ekel und Wut in ihm hoch -- und eben Tränen: "Der Wunsch zu weinen und tiefe Verzweiflung, brennenden Schmerz und die Scham eines Parias." So wie eine "sittsame Jungfrau, die mitten im Blumenbeet einen obszönen Gartenzwerg mit aufgerecktem Glied entdeckt". Das fällt nicht schwer sich vorzustellen.

Eines Tages aber, nachdem er mit seinem Onkel im Kino Die Brücke von Bernhard Wicki gesehen hat, lernt der Erzähler, was seinen Vater zu seinen aberwitzigen Unternehmungen trieb: Während des 2. Weltkrieges eher zufällig zur Résistance gestoßen, musste er mit mehreren Gefangenen nach einem Anschlag über Tage in einem Erdloch kauern -- doppelt schuldig geworden durch die Tat und den Umstand, dass sein Geständnis einigen Unbeteiligten in der Grube das Leben retten könnte. Während die Gruppe, durchnässt bis auf die Knochen, auf ihr Schicksal wartet, erscheint ein Wachsoldat, der sie mit burlesken Einlagen zu verhöhnen scheint. Allmählich aber merken die Gefangenen, dass genau dieses Tun ihnen neuen Lebensmut zurückgeben soll. Dieser Soldat, heißt es in Die grausamen Gärten, sei eben jener Bernhard Wicki gewesen.

Einige Bücher hatte Michael Quint bereits geschrieben, als ihm mit Die grausamen Gärten in Frankreich endlich der große Durchbruch gelang. So ganz mag man das nicht verstehen, zumal die schmale Erzählung, durch etwa 80 großzügig bedruckte Seiten aus nicht aufgeschnittenen Doppelbögen zum Buch aufgebläht, über weite Strecken eher langweilt. Die Übersetzung tut ihr übriges zur unfreiwilligen Komik mancher Sätze: Da holpert die deutsche Sprache über die Seiten wie Slapstick-Komödianten durch eine Zirkus-Manege. "Wir haben alle losgeprustet. Oje, oje, oje" notiert einmal der Erzähler in der Retrospektive. Ob des großen Erfolges der Geschichte bleibt man als Leser da eher mit einem ungläubigen Lächeln zurück. --Thomas Köster -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Pressestimmen

"Dieses Buch ist ein Juwel, und es wärmt die Seele!" (Le Monde )

"Ein kleines Meisterwerk!" (Brigitte )

Kurzbeschreibung

Eine Kindheit im Frankreich der fünfziger Jahre: Im Mittelpunkt steht ein schwieriges Vater-Sohn-Verhältnis, in dem der Vater den traurigen Clown spielt. Der Sohn empfindet dies als peinlich und demütigend. Erst als er erfährt, was dem Vater während des Krieges widerfahren ist, lernt er, ihn mit neuen Augen zu sehen – und ihn endlich von ganzem Herzen zu lieben.


Klappentext

"Eine anrührende und kluge Geschichte, die unter die Haut geht."
Buchkultur

"Spannend und aufwühlend. Ein schmales Büchlein, aber es bietet viel Stoff zum Nachdenken über Krieg und Toleranz, Väter und Söhne, Clowns und Helden."
Margarete Schwarzkopf, NDR

"Manchmal gibt es noch Sternstunden. Man beginnt ein Buch zu lesen, erst mit Verstörung, dann mit zunehmender Begeisterung, schließlich kann man es nicht mehr aus der Hand legen. 'Die schrecklichen Gärten' ist so ein Buch."
Buchkultur

Über den Autor

Michel Quint, 1949 in Pas de Calais geboren, studierte Literatur und Theaterwissenschaften. Neben seiner Tätigkeit als Lehrer begann er in den Achtzigerjahren für Rundfunk und Theater zu schreiben, es folgten mehrere Romane. 1989 wurde er mit dem Großen Krimipreis ausgezeichnet. Den fulminanten literarischen Durchbruch aber erzielte er mit dem Überraschungserfolg „Die schrecklichen Gärten“: Das Buch, in einem sehr kleinen, literarischen Verlag publiziert, avancierte innerhalb kürzester Zeit durch Mund-zu-Mund-Propaganda zum Lieblingsbuch der Buchhändler und Leser. Es war monatelang auf den französischen Bestsellerlisten, wurde mit euphorischen Kritiken bedacht und in vierzehn Sprachen übersetzt. Michel Quint lebt mit seiner Familie in Lille.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Verschiedene Zeugen berichten, dass die Polizei an einem der letzten Tage des Prozesses gegen Maurice Papon einen Clown, einen Hanswurst, übrigens schlecht geschminkt und in einem zerlumpten Kostüm, daran gehindert hat, den Gerichtssaal des Justizpalastes von Bordeaux zu betreten. Offenbar hat er den Tag über gewartet, bis der Angeklagte den Saal verließ, und ihn dann einfach nur angesehen, aus der Ferne, ohne dass er versucht hätte, das Wort an ihn zu richten. Vielleicht ist dem ehemaligen Generalsekretär der Präfektur des Departements Gironde dieser Clown aufgefallen, aber das ist völlig ungewiss. Später ist der Mann regelmäßig, ohne seine Verkleidung, wiedergekommen, um sich das Ende der Verhandlungen und die Plädoyers anzuhören. Jedes Mal lag auf seinem Schoß ein Köfferchen, über dessen zerschrammtes Leder er zärtlich mit der Hand strich. Ein Gerichtsdiener erinnert sich, dass er ihn nach der Urteilsverkündung sagen hörte:
"Wie kann es denn ohne Wahrheit Hoffnung geben ...?"

Und ohne Erinnerung? Vichygesetze: Vom 17. Juli 1940, bezüglich des Zugangs zu Ämtern in der öffentlichen Verwaltung, vom 4. Oktober 1940 über ausländische Staatsangehörige jüdischer Rasse, vom 3., also vom Vortag, das Judenstatut betreffend, vom 23. Juli 1940, über die Aberkennung der französischen Staatsbürgerschaft bei Franzosen, die Frankreich verlassen haben, all diese Urkunden, auf denen Petain beginnt mit: "Wir, Marschall von Frankreich...", und dann noch jenes andere Gesetz, eines, das mir besonders nahe geht, vom 6. Juni 1942, es verbietet Juden, den Schauspielerberuf auszuüben.
Ich bin kein Jude. Auch kein Schauspieler. Aber.

So weit ich zurückdenken kann, in Zeiten, wo ich noch aufrecht unter den Tischen durchging, und bevor ich wusste, dass sie einen zum Lachen bringen sollen, haben Clowns bei mir nur Kummer ausgelöst. Den Wunsch zu weinen und tiefe Verzweiflung, brennenden Schmerz und die Scham eines Parias.
Mehr als alles andere habe ich die Hanswurste gehasst. Mehr als Lebertran, mehr als die Küsse, die ich stachligen alten Tanten geben musste, und mehr als Kopfrechnen, mehr als irgendeine andere Quälerei der Kindheit. Das Gefühl von damals, aus der Zeit meiner Unschuld, lässt sich vielleicht am besten so beschreiben: Ich habe angesichts dieser zusammengeflickten Männer mit ihren aufgerissenen, bleiweiß geschminkten Augen, angesichts dieser lächerlichen Figuren, das tugendhafte Entsetzen eines unberührten jungen Mannes gespürt, der einer grell angemalten Prostituierten über den Weg läuft, so wie ich mir das in meiner oberflächlichen Vorstellung ausmale, oder den plötzlichen Schweißausbruch einer sittsamen Jungfrau, die mitten im Blumenbeet einen obszönen Gartenzwerg mit aufgerecktem Glied entdeckt. Wenn ich zu einer Vorstellung in der Manege mit musste, war ich vor lauter Schiss knallrot, stotterte und pinkelte mir in die Hose. Ich war taub. Verrückt. Halb tot.
Allein bei dem Gedanken an eine Clownfratze, eine rote Perücke, bei der Aussicht auf einen Vormittag im Zirkus begannen meine Klassenkameraden, meine Schwester Françoise, alle normal veranlagten Kinder, zu kichern, zogen sich ihre Mundwinkel nach oben. Die Ekstase des Lachens überkam sie, die Lust des hemmungslosen Kreischens. Mir schnürte sich die Kehle zu, sodass ich weder eine Grammatikregel noch das Abendessen runterbekam.
Natürlich sind populärwissenschaftliche Handbücher der Psychoanalyse nicht für Hunde bestimmt, und drum habe ich die Ursachen dieser Neurose längst herausgefunden.
Mein Vater, seines Zeichens Grundschullehrer, jagte hinter jeder Gelegenheit her, und packte sie auch beim Schopf, um sich als Amateurhanswurst zu produzieren. Quadratlatschen, rote Nase und ein Haufen Krempel, zusammengestoppelt aus seinen alten Anzügen, ausrangiertem Küchenkram. Ein paar Spitzen, die meine Mutter ihm überlassen hatte, gaben ihm obendrein noch ein zwielichtiges Aussehen. So gewappnet und herausgeputzt, mit einem ausgeschlagenen Emailsieb behelmt, einem rosa Korsett samt Fischbeinstäbchen gepanzert, der atomaren Kartoffelquetsche an der Hüfte und dem Überschallnussknacker in der Hand, war er ein verstörter Krieger, ein Blechsamurai, der die intergalaktische und auch unsere eigene, einfältige Menschheit rettete, in einer pathetischen Nummer vom tumben Einzelgänger, der sich selbst Ohrfeigen und Arschtritte verpassen muss. Eine Art Matamore der Abstellkammer, ein Tintin der Elendsviertel, dessen wirres Gestotter zwar niemand verstand, der aber den richtigen Dreh raushatte, um die Zuschauer zu rühren. Vielleicht weil er ungeschickt war, sich wirklich die Finger einklemmte in der Trommel der Käseraspel, die ihm als Maschinengewehr diente, furchtbar falsch sang und unausweichlich an Hunger starb, aus Liebe oder... aus Liebe. Ja, wenn ich so zurückdenke, dann ahmte er Charlie Chaplin nach und starb vor allem aus Liebe.
Und das machte mein Unbehagen nur noch schlimmer. Auch wenn Mama ihres zu verbergen suchte, so war mir doch klar, dass auch sie sich ärgerte, wenn sie mit ansehen musste, wie Papa in seinem Todeskampf, mit einer Papierblume in der Hand, Purzelbäume und Hechtsprünge vollführte für eine Mamsell aus dem Publikum. Na gut!
Er war auf allen Festen zum Jahresende anzutreffen, auf allen Weihnachtskränzchen, Geburtstagen und Betriebsfeiern. Auf den Unterhaltungsnachmittagen wohltätiger und vorzugsweise weltlicher Organisationen, und natürlich bis zum Umfallen. Im wahrsten Sinn des Wortes. Man weiß ja, wie solche Veranstaltungen ablaufen, es herrscht ein freundschaftlicher Umgangston, und der brave Clown hatte unter den Scheinwerfern ja auch wacker geschwitzt, da musste man schon darauf achten, dass sein Bierkrug regelmäßig nachgefüllt wurde. Wenn mein Vater von diesen Darbietungen nach Hause kam, war er sternhagelvoll mit flüssigem Dank und zufrieden, sich in Erfüllung einer Pflicht besoffen zu haben. Und ich schämte mich dafür, verleugnete ihn, wollte ihn nicht kennen, ich hätte ihn dem erstbesten Waisen geschenkt, wenn ich geglaubt hätte, dass auch nur ein Einziger ihn haben wollte. Ich hasste meine Mutter, weil sie ihn zu Bett brachte, ihm die Stirn trocknete und dabei zärtliche Worte flüsterte.
Nie hat er einen Groschen für seine Auftritte verlangt oder dafür, dass er uns einen Samstag, einen Sonntag mit der Familie verpfuschte, uns zwang, auf einen schönen freien Donnerstag unter uns zu verzichten. Man rief ihn einfach zu Hause an. Er hörte zu, fragte bloß nach Ort und Zeit. Dann setzte er Mama von seinem Engagement in Kenntnis. Sie sah ihm zu, wie er seinen Koffer aus einem Schrank im Keller holte und seine Requisiten überprüfte. Das Benzin fürs Auto, die Straßenbahnkarte und andere Auslagen berappte er selber.

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