Ein unbekannter Autor tritt in fortgeschrittenem Alter mit seinem Erstlingswerk hervor und wird von allen bisherigen Rezensenten mit vollen 5 Sternen ausgezeichnet ? Kann das wahr sein ? Leider kann man ja heute vielen Bewertungen nicht mehr trauen, weil gerade neu in Erscheinung tretende Schreiber häufig nur von wohlmeinenden Freunden hochgelobt oder aber von professionell schreibenden Auftragsrezensensenten niedergemacht werden...was bin ich froh, dass ich mich dennoch dazu hinreissen habe lassen, das Buch zu kaufen ! Selten habe ich, der ich ein anspruchsvoller Vielleser (ebenfalls fortgeschrittenen Alters) bin, eine derartige Faszination bei der Lektüre eines Buches empfunden !
Grundsätzlich hatte mich das Buch deshalb interessiert, weil es unter der Rubrik "Phantastik" geführt wird und ich gerne Bücher lese, die nicht unbedingt in der realen Gegenwartswelt angesiedelt sind. Sicher weist der Roman auch ein durchaus phantastisches Element auf, aber die Gattung, der man das Werk zuordnen könnte, ist letztlich nicht von Belang : Familienchronik, Entwicklungsroman, Fantasy, Lehrbuch der Psychologie ? Ein buntes Kaleidoskop aus all diesen Elementen ist dieser Roman, vor allem aber ist er ein unglaublich fesselndes, sprachlich begeisterndes Werk, das ein wahres Kopfkino auslöst und einen in der Tat nicht mehr loslässt und über die Zeit der Lektüre hinaus gedanklich weiter beschäftigt.
Hier hat einer aus der reichen Erfahrung seines Lebens und seiner beruflichen Tätigkeit als Psychologe heraus ein trotz der grundsätzlichen Düsterkeit des Grundthemas "Tod" rundum positiv stimmendes Werk geschaffen, das einem viel Kraft zum und Freude am Leben gibt. Mich persönlich hat auch gefreut, dass der Autor, der als wahrer Tausendsassa nebenbei auch noch Musiker ist, die Musik als Quelle innerer Zufriedenheit und Lebensfreude hoch achtet. Diese Erfahrung kann ich uneingeschränkt bestätigen.
Ganz leicht macht es der Roman seinem geneigten Leser übrigens nicht, da der Aufbau anfangs nur zahllose Fragen aufwirft und erst ganz langsam ein gewisses Verständnis dafür entwickelt werden kann, was man da eigentlich gerade liest. Damit entspricht der Aufbau eigentlich ganz und gar nicht dem, was ich grundsätzlich beim Einstieg in neue Bücher schätze : ohne weitschweifige Erklärungen mitten im Geschehen zu sein und die Strukturen der Romanwelt im Verlauf der Handlung sozusagen nebenbei beigebracht zu bekommen. Der Autor stellt nämlich anfangs verschiedene Geschichten aus dem Leben völlig unterschiedlicher Protagonisten einfach nebeneinander, wobei zudem reale Welt und Phantastik auch noch vermischt werden, so dass beim Leser erst einmal völlige Ratlosigkeit über Zusammenhänge, Struktur und Intention des Werkes herrscht. Normalerweise hätte ich aufgrund meiner eindeutigen Ansichten hinsichtlich eines gelungenen Romanaufbaus unter Umständen die Lektüre abgebrochen, aber was mich bei der Stange gehalten hat, war die unglaubliche literarische Qualität und sprachliche Anmut dieser zusammenhanglos scheinenden Geschichten. Hat man die Ebene der Ratlosigkeit einmal verlassen, erschließt sich einem immer mehr, wie genial der Roman tatsächlich aufgebaut ist - ein Rädchen greift mit einem Mal nahtlos ins andere, die ganze Geschichte wird stimmig und rund. Die fortschreitende Lektüre bietet dann immer mehr "Augenöffner", bis der Leser zum Finale hinein ein Eingeweihter in der Gedankenwelt des Autors ist und nach nächtelangem Lesen das Buch erschöpft, aber glücklich aus der Hand legt.
Ich freue mich sehr, dass Andreas Steiner, der laut seiner Biographie offenbar Allroundkünstler ist, zusätzlich zu seinen sonstigen Talenten nun (endlich) auch das Schreiben entdeckt hat und wünsche mir noch viele Werke in einer derart umwerfenden Qualität von ihm. Dieses Buch wird - wenn die Wege des heutigen Literaturbetriebes noch einigermaßen gerecht verlaufen - eines Tages als zeitloser Klassiker betrachtet werden müssen.