Eine verbiesterte Dame muss sie - nach unseren Maßstäben gemessen - gewesen sein, diese Miss Favell Lee Mortimer (* 1802 ... + 1878), die der Welt vor zirka 150 Jahren diese durchaus aufschlussreichen, jedoch durch und durch Vorurteils-Gespickten - nämlich für unser Verständnis alles andere als politisch korrekten! - Aufzeichnungen, hinterlassen hat. Zu diesem Schluss kann man bereits gelangen, wenn man das ausführliche Wort des Herausgebers, Todd Pruzan, zur Kenntnis nimmt. Dieses Vorwort ist übrigens mindestens so lesenswert, wie Miss Mortimers eigenwillige Reiseberichte (im Original unter mehreren Titeln erschienen) - über Länder, in denen die Gute freilich niemals persönlich war; Favell Mortimer war laut eigenen Aufzeichnungen nur zwei mal außer den Grenzen ihrer Heimat, noch nicht einmal bis "Wales" hat sie es geschafft, dennoch den dort ansässigen Menschen einen Haufen mehr oder weniger glaubwürdige Eigenschaften angedichtet. ("Auch wenn die Waliser nicht sauber sind, sehen ihre Häuser sauber aus, weil sie sie jedes Jahr tünchen, und manchmal tünchen sie auch die Schweineställe." [S.45])
Die Autorin war übrigens Zeitgenossin von Berühmtheiten, wie Charlotte und Emily Bronte, Elizabeth Gaskell, Charles Darwin ... Im viktorianischen England war sie bekannt (allerdings nicht namentlich!) für das Kinderbuch "The peep of day", das heute ohne jede weitere Diskussion verboten werden würde: Eine Aneinanderreihung von grauslichen Schilderungen, die man sogar als Erwachsener mit einiger Befremdung liest.
Wie stellt man sich diese Miss Mortimer jetzt vor?
In schwarzem Gewandt, im viktorianischen Stil, mit Spitzenhaube und einer Bibel in der Hand - in welcher die griesgrämige Dame den ganzen lieben Tag lange liest. Wenn sie nicht von irgendwoher Berichte über andere Länder aufschnappt, die sie nach ihrem eigenen Stil interpretiert.
Welche Kriterien setzt Miss Mortimer voraus um Menschen als "die Guten" einzustufen?
Im Prinzip gehören alle Menschen dazu, die dem evangelischen Glauben angehören, dem Alkohol abschwören und noch so einigen anderen Dingen, die nichts als Unheil über die Menschheit bringen (Rauchen, Opium).
Welche Völker sind jetzt von Grund auf schlecht?
Alle, die Götzenbilder anbeten - ganz schlimm, diese Katholiken! -, die Alkohol trinken und den Tag des Herren nicht gebührend loben. Nicht zu vergessen die Zeitgenossen, die Bücher lesen über Menschen, die nie gelebt haben! (Insbesondere den "Deutschen" wird das vorgeworfen
Welche Länder sind laut Miss Mortimers Aufzeichnungen die "schönsten"?
Einerseits taucht da immer wieder die Schweiz auf, und - leicht nachzuvollziehen -, ihre Heimat: England. Sogar über Griechenland weiß Miss Mortimer Gutes zu berichten:
" ... eines der lieblichsten Länder - v i e l l e i c h t ist es das a l l e r schönste-, aber mit letzter Sicherheit können wir das nicht behaupten, denn manche Leute meinen, das sei die Schweiz." [S.114]
Übrigens -, in genau diesem Frage- und Antwort-Stil, den ich in den letzten zwei Absätzen angewendet habe, schreibt Miss Mortimer. Was diese überaus naiven Ansichten der Dame zu unfreiwilliger Hochkomik auflaufen lässt und ordentlich Spielraum für Interpretationen der Herkunft ihrer Informationen lässt! Eingeleitet werden ihre "Artikel'" über die einzelnen Länder von historischen Abrissen, die unerwartet hohen Informationscharakter haben - und schlussendlich ein umfassendes Gesamtbild des beginnenden 19. Jahrhunderts ergeben. Für mich als Geschichts- und Jahreszahlenmuffel eine faszinierende Nachhilfestunde in Geschichte.
Der Haken an dem Büchlein: Es ist schwer "am Stück" zu ertragen. Ich hab's auf dem Flughafen gesehen, war sofort entzückt, habe es während des Wartens und gleich im Flugzeug weiter gelesen - musste es nach insgesamt zwei Stunden allerdings zur Seite legen müssen, denn so komisch Miss Mortimers Erläuterungen zu Europa sind, so anstrengend wird die Sache, wenn man sich den Asiatischen oder Afrikanischen Stämmen und Ländern widmet.
Ein unbedingter Tipp für alle Fans von Reiseberichten und für Leser(innen),die sich den geistreichen Lektüren der viktorianischen Zeit verschrieben haben. Unbedingt auch erwähnenswert das handliche, schön gebundene Format - und die liebliche Gestaltung der Artikel mitsamt der herrlich beschrifteten Landkarten! Zum Verschenken fast zu schade ... ;-)