Wie sehr Erwartungen und Blickwinkel unser Urteil beeinflussen, lässt sich schön an dieser Lesung der Sagen des klassischen Altertums zeigen. Wer mit Kürzungen wenig anfangen kann und alle drei Bände kennt, in denen Gustav Schwab die erhaltenen Mythen des griechischen und römischen Altertums sammelte, wird die Komprimierung auf 1231 Minuten kaum ertragen. Und wenig Freude werden auch Hörer haben, die Sprecher mit ausgeprägtem Hang zur Dramatisierung mögen. Mein Zugang zu diesem Audiobuch war jedoch ein völlig anderer. Ich finde es schon erstaunlich, wenn sich beim heutigen Informationsangebot jemand die Zeit nimmt, über zwanzig Stunden lang Erzählungen anzuhören, mit denen man bei Cocktailpartys kaum als gern gesehener Unterhalter gilt. Gähn, hatten wir doch irgendwann in der Schule. Selbst der Hinweis, dass so große Geschichtenerzähler wie Steven Spielberg oder Georg Lucas den klassischen Sagenschatz zu den wichtigsten Kulturgütern zählen und ihre eigenen Storys nur Varianten seien, reicht als Motivation nicht aus, sich in die drei Bände von Gustav Schwab zu vertiefen. Also was tun? Sich damit abfinden, dass uns Zeit und Interesse fehlen, diesen Schatz näher kennenzulernen oder ihn in einer zeitgemäßen Form zugänglich machen?
Die Bearbeitung und Kürzung finde ich deshalb geglückt, weil alles Wesentliche erhalten bleibt. Das heißt, wir lernen die gesamte Götterwelt kennen, die Argonauten, Theseus, Ödipus, Herakles, die Helden von Theben und natürlich das ganze Geschehen rund um Troja sowie die Irrfahrten des Odysseus. Auf CD 15 und 16 begegnen wir schließlich noch Äneas und seinem Umfeld. Zudem finden sich auch zahlreiche Sagen, an die sich selbst Hörer mit einem prall gefüllten Bildungsrucksack kaum erinnern werden. Um ein möglichst großes Publikum zu erreichen, ist es oft unvermeidlich, ein Stück zu kürzen. Einmalige Aufführungen eines Gesamtwerks vor eingeweihten Spezialisten bringen auch dem Autor wenig. Du sollte jemand nach 1231 Minuten noch nicht genug haben, die vollständige Heraklessage erfahren wollen oder sich für das kleinste Detail eines Schlachtgetümmels interessieren, ist es ja nicht verboten, seine Nase in die dreibändige Sammlung zu stecken.
Geteilter Meinung kann man auch zur Wahl der Sprechers sein. Denn Hanns Zischler ist nicht Rufus Beck. Aber Odysseus ist auch nicht Harry Potter. Der in Nürnberg geborene Film- und Fernsehschauspieler Hanns Zischler lässt sich bei dieser Lesung nicht zu einer Dramatisierung des Geschehens hinreißen, die Vergangenem neues Leben einhauchen soll. Im Gegenteil, er ordnet sich dem Text so unter, dass ich beim Hören oft das Gefühl hatte, ich müsse diese Trockenheit mit meiner eigenen Fantasie beleben. Störte es mich zu Beginn der Lesung noch, dass mich der Sprecher dazu zwang, die Szenerien selber zu dramatisieren, kam ich bereits bei der Argonautensage zur Ansicht, Hanns Zischler mache mir mit seinem Konzept einen Gefallen. Denn mit seiner Zurückhaltung beim stimmlichen Interpretieren überlässt er Gestaltung und Deutung seinem Publikum.
Mein Fazit: Einfacher und günstiger kann man wohl mit den Sagen des klassischen Altertums nicht Bekanntschaft schließen. Und dass sich solche Begegnungen mir unserem Kulturerbe lohnen, rufen uns auch die großen Geschichtenerzähler von Hollywood in Erinnerung. 1231 Minuten, 30 Euro und ein Erzähler, dessen Stimmer dem Hörer genügend Raum für die eigene Fantasie lässt.