Wenn man die Biographie von Rainer Maria Rilke studiert, kommt man fast auf die Idee, dass hier die Geschichte eines Fahrenden, eines Zigeuners erzählt wird. Rilke war Zeit seines Lebens von 1875 bis 1926 in keinem anständigen und festen Beruf zuhause, die materielle Sicherheit schien für ihn eher unwichtig zu sein. In dieser Weise nur unterstützt von ein paar wenigen prominenten Gönnerinnen und Gönnern seinerseits zog er haltlos durch Europa. Er führte eine Vielzahl verschiedenster Liebesbeziehungen. Eine Ehe, welche ein Kind hervorbrachte und doch nur ein Jahr lang hielt. Daneben die grosse, allgegenwärtige Liebe zu einer älteren Frau, die derzeit schon mit einem anderen vermählt war. Darin eine aussergewöhnliche Zeitspanne von drei Wochen, in welcher er durch Inspiration und Muse all die Meisterwerke niederschrieb, die ihn bis heute unsterblich gemacht haben. Auf dem Schlossturm von Muzot im schweizerischen Sierre, einem alten Gemäuer aus dem 13 Jahrhundert, vollendet er seine grössten Werke, die "Duineser Elegien" sowie "Die Sonette an Orpheus".
Dieser Band vereint die schönsten Poesien aus dem Schaffen des Dichters. Die Sammlung beinhaltet neben seinen beiden grössten Werken auch die populären Gedichte aus dem "Jardin des Plantes" wie zum Beispiel "Der Panther" und "Die Flamingos". Auch frühere Arbeiten wie "Das Stunden-Buch", das Rilke damals als Vorlage und Zugang zu seinen ersten grösseren Werken diente, ist ebenso dabei wie das einzigartige "Der archaische Torso Apollos". Den Schluss bilden einige kürzere Gedichte aus dem Nachlass, die Rilke in der Endphase seines Lebens verfasste. Ausserdem findet sich im Buch ein alphabetisches Verzeichnis der Gedichtanfänge und Überschriften und eine Kurzbiographie des Autors, was einen guten Überblick vermittelt.
In den Duineser Elegien versuchte Rilke nichts anderes als eine Begründung der menschlichen Existenz aus den unübersehbaren Widersprüchen der Zeit heraus. Auf diesem "reinen" Widerspruch sollten sich damals alle grossen Gedichte des Poeten entfalten. Seine Lyrik thematisiert oft eine göttliche Autorität, die aber nichts mit christlichem Gedankengut zu tun hat. Vielmehr hinterfragt er das Handeln dieses Gottes und steht ihm zweifelnd gegenüber. Er muss als ein Konstrukt verstanden werden, das aus einer animistischen, von Menschen gestalteten Welt hervorgegangen ist. Rilke vereint einen universellen Anspruch in den komplexen Werken, geht dafür aber ein grosses ästhetisches und philosophisches Risiko ein. Aber doch funktioniert die Vermengung von Anschaulichkeit und Idee, von bildhafter und abstrakter Aussprache auf hohem Niveau. Er versucht stets die versteckten Fragmente, das Teilgeheimnis des Fundaments, die verborgene Seele der Welt in den alltäglichen Situationen zu erkennen. Auf der Grenzlinie, auf der die Rätsel von Mensch und Welt sichtbar werden, können nur die Sänger und Dichter bestehen.
Fazit: Diese 191-seitige Gedichtssammlung von Rainer Maria Rilke lässt keine Wünsche offen. Sie ist umfangreich, gut gegliedert und besitzt dazu ein sehr stimmiges Cover. Rilke`s Vermächtnis ist zugleich intelligent, wunderschön und einzigartig in der sprachlichen Kraft, Bilder im Leser zum Leben zu erwecken. Für jede Altersgruppe wahrhaftig zu empfehlen.