Schon allein die Form ist einmalig. Es geht nicht um Aufarbeitung oder Bericht über das Grauen, sondern um ein Tagebuch, das unmittelbar während der Geschehnisse geschrieben wurde. Authentischer geht es nicht.
So mittendrin zu sein und alles live durch Anas Augen zu sehen ist ein unglaubliches Erlebnis.
Nur vor einem hat Ana wirklich Angst: ihre Würde zu verlieren, das Einzige, was ihr verblieben ist. Und ausgerechnet in dem Moment, als ihr Gutes getan wird, ist es soweit, und das wird zu ihrem größten Trauma. Der tragischste Moment der Geschichte, und beinahe schon am Ende. Auch wenn man glücklicherweise nicht dabei war: Man kann in diesem Augenblick absolut nachvollziehen, was in Ana vorgeht, und weshalb sie die ganze Zeit über wie besessen geschrieben hat. Denn in diesem Moment hat Ana die Distanz verloren. Sie hat bisher überlebt, weil sie Distanz gewahrt hat, sie schaltet das Entsetzen, Grauen und Schmerz einfach aus, schiebt es weg, sperrt es in ihr Tagebuch ein.
Die Autorin hat ungeheuren Lebenswillen, Lebensmut und Kraft bewiesen, vor allem, da die Jahre "danach" nicht viel leichter wurden. Sie war Jahrzehnte hinter dem Eisernen Vorhang eingesperrt, bis sie endlich nach Paris ausreisen durfte. Womit sie ihr ganzes Leben lang nicht fertig wurde, ist die erschütternde Tatsache, dass sie immer nur als "Überlebende" gesehen wurde und nicht als "Lebende". Sie wurde nicht an ihrer Gegenwart, sondern an ihrer Vergangenheit gemessen.
Diesen Frieden, wie jeder andere Mensch gelebt zu haben, durfte sie bis heute nicht finden.