Buch der 1000 Bücher
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Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Die schöne Frau Seidenman
OT Poczatek OA 1986 DE 1988Form Roman Epoche Gegenwart
Andrzej Szczypiorski zeichnet in seinem Roman Die schöne Frau Seidenman biografische Porträts von Polen, Juden und Deutschen vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs. Jenseits von Nationalitätenschranken, Freund-Feind-Schemata und Schwarzweißmalerei werden gewöhnliche Menschen, Opfer und Täter, Gleichgültige und Mitfühlende, Mutige und Feige, Egoisten und Selbstlose, Helden und Verbrecher vorgestellt. Die Tragödie der Vernichtung der polnischen Juden erweist sich für die Porträtierten als Prüfstein, der ihre wahre Gesinnung zum Vorschein bringt, der Gut von Böse, Menschlichkeit von Unmenschlichkeit, Anstand von Barbarei scheidet. Darüber hinaus zwingt der Autor seine Landsleute, sich mit dem in Polen latenten Antisemitismus auseinander zu setzen.
Entstehung: Wegen kritischer Passagen über Nachkriegspolen und über die kommunistische Ideologie war an eine Veröffentlichung des Buchs in der Volksrepublik Polen nicht zu denken. Der Roman (dessen polnischer Titel Der Anfang bedeutet) erschien zunächst in dem angesehenen Pariser Exilverlag Instytut Literacki.
Inhalt: Die Handlung spielt im Winter 1942/43 in dem von den Deutschen besetzten Warschau. In Episodenform wird eine Reihe von einander kreuzenden menschlichen Schicksalen vorgestellt. Die jüdische Arztwitwe Irma Seidenman, die während des Kriegs die Identität einer Polin angenommen hat, wird von dem Juden Bronek Blutman an die Gestapo verraten. Anstrengungen mehrerer Menschen tragen dazu bei, dass man sie aus der Haft entlässt. Nach dem Krieg wird sie aus Polen im Zuge der antisemitischen Kampagne vom Frühjahr 1968 ins französische Exil vertrieben.
Zum Kreis der Helfenden gehört der Deutsche Johann Müller, der sich bei seinem Parteigenossen, dem SS-Mann Stuckler, für die ihm unbekannte Frau verbürgt. Zur Befreiung von Frau Seidenman steuert auch der in sie verliebte Pawel Kryski bei; sein Schulfreund Henryk Fichtelbaum entschließt sich, ins Getto zurückzukehren, um dort zu sterben. Kryski überlebt den Warschauer Aufstand und den Krieg und wird schließlich Anfang der 1980er Jahre als Regimegegner interniert.
Aufbau: Diese und andere Episoden bilden ein komplexes Netz aus persönlichen Beziehungen, Querverweisen auf verschiedene Handlungsstränge und wiederkehrenden Motiven. Einerseits stellt Sczcypiorski die Angst, Ohnmacht und Hilflosigkeit vieler Menschen angesichts der Okkupationszeit dar, andererseits dient die Darstellung der Authentizität und unterstreicht die Tatsache, dass Schuld und Unschuld dicht beieinander liegen können. Deshalb ist die häufig ironische Stimme des allwissenden Erzählers, der die Vor- und Nachgeschichte seiner Figuren kennt, stets vernehmbar. Darüber hinaus kommentiert er das Erzählte in essayistischer Form und reflektiert es ideologiekritisch.
Wirkung. Die schöne Frau Seidenman wurde vor allem im deutschsprachigen Raum ein großer Erfolg. Gerade wegen seiner provokanten Darstellung, die dem Werk Glaubwürdigkeit verleiht, ist Sczcypiorski ein Roman gelungen, der den Leser nötigt, über sich selbst nachzudenken. Das Buch wurde bereits in 15 Sprachen übersetzt. M. Sch.
Pressestimmen
"Erzählt ohne Sentimentalität und hurrapatriotische Ausbrüche, dafür mit Humor und Verständnis für menschliche Träume und Sehnsüchte." (Süddeutsche Zeitung)
"Szczypiorskis Roman ist poetisch und weise, voller philosophischer Scharfsichtigkeit und - man traut es sich kaum auszusprechen - über weite Strecken eine vergnügliche Lektüre. Sein beeindruckendstes Merkmal aber ist die unvorstellbare Versöhnlichkeit, die aus jedem Satz spricht. Sie macht begreiflich, was geschehen ist." (Rheinischer Merkur)
"Ich wollte ein Buch schreiben gegen die Mythen und Legenden. Ich bin sicher, daß, wenn wir unsere Leiden zu ernst nehmen, wir sehr unglücklich werden. Wir müssen die Geschichte mit Distanz und etwas Ironie betrachten. Märtyrer, die nur leiden, sind auf die Dauer sehr langweilig. Ohne Humor kann man nicht überleben." (Profile)
"Szczypiorski belegt, daß der Roman keineswegs tot ist, daß menschliche Schicksale im doppelten Sog der Geschichte und der Zeit noch immer, und zwar auf höchste m Niveau, in der Romanform darstellbar sind." (Neue Zürcher Zeitung)
"Ein Buch, das die Welt der jüdischen Intellektuellen Warschaus am Vorabend des Zweiten Weltkriegs auf brillante Weise beschreibt: Die Welt entwurzelter Juden, die sich erfolgreich an die Polen angepaßt hatten, bis sich ihre Lebensumstände durch den Nazi-Einmarsch in Polen schlagartig zum Negativen veränderten." (Ha'aretz)