Wer einen Einstieg in die Krimi-Welt der französischen Autorin Fred Vargas sucht, sollte mit "Die schöne Diva von Saint-Jacques" beginnen. Zwar handelt es sich hierbei nicht um das erste Buch der Autorin (das ist der Roman "Im Schatten des Palazzo Farnese", der zwar nicht schlecht, aber im Vergleich noch relativ unausgegoren ist), die "Diva" jedoch bildet den Auftakt des sogenannten "Vargas-Universums". Bei diesem handelt es sich um eine Reihe von (allesamt hervorragend geschriebenen) Krimis, die zwar jeweils eine abgeschlossene Kriminalfall-Handlung, außerdem aber ein halbwegs konstantes Figurenensemble aufweisen. Zwar hat Vargas, im Gegensatz zu Henning Mankell oder Hakan Nesser, in ihren Krimis nicht immer den selben Protagonisten; der des Buches davor kann aber durchaus mal im Folgebuch als Nebenfigur auftauchen. Da Vargas ihr fiktives Paris aber nicht hinschludert sondern liebevoll durchkomponiert, haben die Figuren natürlich alle ihre eigene Geschichte. Und da die Charaktere mit ihren unterschiedlichen, liebenswerten Verschrobenheiten dem Leser und der Leserin schon mal phänomenal ans Herz wachsen können (wie bei mir selbst geschehen), bringt man sich, bei Nichtbeachtung der Chronologie der Bücher, unter Umständen um einen guten Teil der Spannung und des Lesevergnügens. Daher hier als Empfehlung die "richtige" Reihenfolge:
(0: Im Schatten des Palazzo Farnese)
1: Die schöne Diva von Saint Jacques
2: Das Orakel von Port-Nicolas
3: Der untröstliche Witwer von Montparnasse
4: Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord
5: Bei Einbruch der Nacht
6: Fliehe weit und schnell
7: Der vierzehnte Stein
8: Die dritte Jungfrau
Achtung: Der Aufbau-Verlag vertauscht in seiner Chronologie der Vargas-Krimis, welche er den meisten Bücher anhängt, die Krimis 2 und 3. Dies liegt wohl daran, dass der "Witwer" in Deutschland vor dem "Orakel" erschien (im Gegensatz zu den französischen Originalausgaben).
Zum Inhalt der "Diva" muss ich mich aufgrund der Fülle der Vorrezensionen wohl kaum mehr äußern. Zu bemerken wäre dennoch, dass Vargas es hervorragend schafft, ihre Leser und Leserinnen bis zur Auflösung des Falles im Unklaren zu lassen, dass diese Auflösung jedoch niemals aus der Luft gegriffen ist (was man oft erst beim nochmaligen Durchblättern feststellt). Vargas' besondere Meisterschaft aber besteht darin, den Charakteren Tiefe und Persönlichkeit zu geben. Obwohl viele von ihnen in gar unirdischem Maße verschroben sind, wirken sie doch oft glaubwürdiger und "echter" als die alltagsrealistisch angelegten (und damit oft blutleeren und langweiligen!) Figuren anderer Autor(inn)en. Besonders fiel mir das bei den Frauenfiguren auf, die bei vielen Autoren an völliger Austauschbarkeit kranken - bei Vargas niemals.
Die ersten paar Seiten der 'Diva' gefielen mir persönlich übrigens nicht so; da hätte ich vielleicht nicht weitergelesen, wenn mir das Buch nicht empfohlen worden wäre. Spätestens nach zehn Seiten konnte ich es aber nicht mehr aus der Hand geben und musste sehr schnell die restlichen Bücher erwerben: Sie machen süchtig.
Mein Fazit: Der optimale Einstieg in die Vargas-Romane. Eine anspruchsvolle Krimihandlung paart sich mit Figuren, die einem schnell ans Herz wachsen - beides macht Lust auf mehr.