"Als meine Tochter Sulfia mir sagte, sie sei schwanger, wisse aber nicht, von wem, habe ich verstärkt auf meine Haltung geachtet." Herrlich !!! Mal wieder ein erster Satz, der eine neue Lieblingsliste anführen könnte. Wie sie vielleicht wissen, habe ich eine besondere Vorliebe für ausgefallene Buchtitel (auch wieder eine Idee für eine neue Liste ... mal sehn) und tolle erste Sätze. Alina Bronsky schreibt schonungslos witzig und frech, rabenschwarz und bitterböse über Figuren, die man einfach allesamt ins Herz schließen muß.
"Mein Blick konnte noch ganz andere Menschen dazu bringen, aus dem Fenster zu springen. Da war es ein Kinderspiel, Sulfia zum Trinken zu bewegen."
Drei Frauen stehen im Zentrum ihres neuen Romans: Rosalinda Kalganow, die schöne Tartarin mit den umwerfenden Beinen, die unversehends Großmutter wird als der Abtreibungsversuch bei Tochter Sulfia mißlingt. Sie ist die erbarmungslos dominierende, beherrschende und alles kommentierende Stimme in diesem glänzend unterhaltenden Familiendrama, in denen Männer nur als Randfiguren vor- und auch nicht sonderlich gut wegkommen. Sulfia ist ein Geschöpf der sowjetischen Trostlosigkeit zwischen Lebensmittelknappheit und Plattenbau, und Aminat, die vielversprechende Enkelin, die schneller und gründlicher in Westdeutschland ankommt, als es ihrer Großmutter recht ist. Rosalinda lebt nach dem Motto: ich bin schön und klug, alle anderen einfältig, dumm und häßlich. Dabei macht sie auch nicht Halt vor ihrem eigen Fleisch und Blut. "Meine Männer mußten noch ein wenig auf mich warten, bis ich dieses Kind großgezogen hatte. Ohne mich ging garnichts." Sulfia wird fremdbestimmt, wo es nur geht. Rosalinda "hat es ja nur gut gemeint" und führt ihre Tochter von einer Katastrophe in die nächste. In munterem Plauderton geht Alina Bronsky dabei über die schlimmsten Themen, wie Hungersnot, Pädophilie, Gefühlskälte und Abhängigkeit. Das muss man mögen. Denn nicht nur die Mitglieder der Familie, auch der Roman selbst ist gänzlich auf seine mächtige Hauptfigur fixiert, im Guten wie im Schlechten.
Die schärfsten Gerichte der tartarischen Küche sind dabei Mittel zum Zweck. Um "über Sulfias hausfrauliche Unfähigkeiten hinwegzutäuschen" kocht Rosalinda jedesmal ein angeblich original tartarisches Gericht, um die diversen Ehemänner ihrer Tochter notfalls mit Gewalt zur Ehe mit ihrer angeblich debilen Tochter zu nötigen. So gibt es sommerliche Kwassuppe für Dieter, den deutschen Pädophilen, gefilte Fisch und Forschmack sowie Zimmes zum Nachtisch für den Juden Michail sowie Schulpa und Pilaw aus Reis, Hammelfleisch und Rosinen für Sergej, den Weiberhelden.
Lassen Sie sich entführen auf eine Reise durch durchs tartarische Rußland in Hunger und Armut, aber mit einem überragenden Lebenswillen und den pragmatischen Zielen einer selbstherrlichen Frau im typisch schnoddrig-frechen Bronsky-Beat, gespickt mit rabenschwarzem, bitterbösen Humor. Alina Bronsky ist das Pseudonym der 1978 in Jekaterinburg/Russland geborenen Romanautorin. Sie verbrachte ihre Kindheit auf der asiatischen Seite des Ural-Gebirges und ihre Jugend in Marburg und Darmstadt. Nach abgebrochenem Medizinstudium arbeitete sie als Texterin in einer Werbeagentur und als Redakteurin bei einer Tageszeitung. Sie lebt in Frankfurt und telefoniert bis heute fast täglich mit ihren Großeltern in Sibirien. Nachdem ihr Debutroman
Scherbenpark eingeschlagen ist wie eine Bombe und prompt nominiert wurde für den deutschen Jugendbuchliteraturpreis 2009 ist der erst 32-jährigen Autorin erneut ein großer Wurf gelungen. Als Fräulein-Wunder der neuen deutschen Literaturszene wird sie gefeiert, wie ich finde: zurecht.
Ihre Schreibe ist zeitgemäß, witzig und frech, schnoddrig, doch niemals respektlos und unterhält den Leser aufs Beste mit nachdenklich stimmenden Themen. Als sie mit dem Schreiben begann, wollte Bronsky vor allem eines nicht sein: langweilig. Ihre Geschichte sollte mitreißen wie ein guter Rocksong: "Wild und komisch und unterhaltsam sein, ein bisschen verrückt und doch im Leben verwurzelt." Insofern ist es Pop-Literatur, was sie macht. Oftmals mußte ich die Lektüre unterbrechen, weil sie so witzig ist. Doch das Lachen bleibt einem im Halse stecken, weil es so bitter und traurig nachhallt. Ihre Figuren sind einmalig und bunt, mutig und unangepasst, tragisch und saukomisch. Ich habe die Lektüre ihres neuen Romans sehr genossen und kann ihn nur wärmstens allen weiterempfehlen, die Rosalinda nicht allzu ernst nehmen wollen.