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Die satanischen Verse
 
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Die satanischen Verse [Gebundene Ausgabe]

Salman Rushdie
3.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (27 Kundenrezensionen)

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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 541 Seiten
  • Verlag: Artikel 19 Verl., Verl; Auflage: 1 (Juli 1996)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 398023150X
  • ISBN-13: 978-3980231503
  • Größe und/oder Gewicht: 21,6 x 14,8 x 4,6 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 3.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (27 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 50.567 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Salman Rushdie
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Produktbeschreibungen

Buch der 1000 Bücher

Copyright: Aus Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)

Die Satanischen Verse
OT The Satanic Verses OA 1988 DE 1989Form Roman Epoche Gegenwart
Obwohl es sich um das literarisch anspruchsvolle Werk eines bereits bekannten und dekorierten Autors handelte, erwuchs die Bedeutung der Satanischen Verse vor allem aus ihrem Schicksal als einem verfemten Buch und aus dem Aufruf seitens der damaligen iranischen Führung, den Autor zu ermorden.
Inhalt: Eine Flugzeugexplosion in großer Höhe überleben nur die zwei indischstämmigen Schauspieler Gibril Farishta und Saladin Chamcha. Nach dem freien Fall ihrer »Wiedergeburt« gehen merkwürdige Veränderungen an ihnen vor. Während Chamcha, der immer ein perfekter Engländer sein wollte, alle körperlichen Eigenschaften des Teufels entwickelt und sich so inmitten der apokalyptischen Exzesse des modernen, rassistischen Molochs London verbirgt, verwandelt Farishta sich entsprechend dem Wortsinn seines Namens in den Phänotyp eines Engels. Er wird als der Erzengel Gabriel willenloses Werkzeug der Menschen, denen er sich »offenbart«; nicht nur im gegenwärtigen London, sondern auch in der Gründungsphase des Islams als Offenbarer des Korans oder in einem indischen muslimischen Dorf, das von einer Charismatikerin namens Aischa zu einem Pilgerzug nach Mekka animiert wird, der mitten durchs Arabische Meer gehen soll.
Der Titel Die Satanischen Verse bezieht sich auf die im zweiten Kapitel nacherzählte Episode, wonach dem Propheten Mahound (Mohammed) bei einer Gelegenheit nicht, wie üblich, der Erzengel Gabriel (Gibril) Offenbarungen Allahs eingab, sondern der Satan ihn überlistete. Diese Verse, bei denen es um einen Kompromiss des neuen islamischen Monotheismus mit der polytheistischen Umwelt im Wallfahrtsort Mekka ging, wurden später (infolge einer neuen Offenbarung) durch Mohammed aus der Überlieferung des Koran (vgl. 53. Sure, Vers 19ff.) ausgelöscht; so berichtet auch eine alte islamische Tradition. – Die Auseinandersetzung zwischen unbedingter Kompromisslosigkeit und pragmatischem Taktieren beim Konflikt kultureller Optionen ist eine der Leitfragen des Buchs von Rushdie.
Aufbau: Das Buch hat eine symmetrische Struktur; es ist in neun Kapitel gegliedert, von denen das erste, dritte, fünfte, siebte und neunte den wichtigsten Handlungsstrang um die Protagonisten Gibril Farishta und Saladin Chamcha umfassen. Dazwischen sind im zweiten und sechsten Kapitel die Erzählung von Mahound, im vierten und achten Kapitel jene von Aischa eingespannt. Die Verbindung zwischen den drei Handlungssträngen geschieht nicht nur über die analogen Fragestellungen (zum Verlust des Glaubens oder zur Unterscheidbarkeit von Gut und Böse), sondern auch maßgeblich über die Gleichheit oder Ähnlichkeit der Namen und der Motive in den verschiedenen Handlungssträngen. Das Verhältnis von Traum, Halluzination, Vision, Wunder und Wirklichkeit bleibt mit Bezug auf diese Struktur wie auch in vielen Detailszenen unscharf.
Wirkung: Bereits kurz nach Erscheinen der englischen Originalausgabe kam es in Bradford – einer englischen Stadt mit hohem islamischem Bevölkerungsanteil – zu Tumulten, bei denen Exemplare des Buches verbrannt wurden. Die Unruhen breiteten sich bald auf eine Reihe islamischer Länder und auf Indien aus; hier gab es Dutzende Tote. Die Satanischen Verse wurden in Indien und Ländern mit islamischer Bevölkerungsmehrheit verboten, während ihr Erscheinen in europäischen Ländern nach dem Fatwa Khomeinis behindert und verzögert wurde.
In Deutschland wurde die Übersetzung von einem eigens gegründeten Kollektivverlag herausgegeben, der den Erscheinungstermin unmittelbar nach dem Ende der Frankfurter Buchmesse festlegte, während die führenden Tageszeitungen sich weigerten, Anzeigen für das Buch zu veröffentlichen. Bis heute wird anhand der Satanischen Verse diskutiert, inwieweit ein Autor für die in Zusammenhang mit seinem Buch ausgelösten Konflikte verantwortlich zu machen ist. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die Unerbittlichkeit der hier aufeinander treffenden Positionen sich auf ein Werk bezieht, das nichts leidenschaftlicher beklagt als solche Unerbittlichkeit. R. H. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

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Welche Art von Idee bist du?

Eine Frage, die Salman Rushdie immer wieder in seinem Buch stellt. Und die doch nie beantwortet wird, nicht beantwortet werden kann.

Was für eine Art Art meinst du, möchte man zurückfragen. Gut oder böse? Materiell oder spirituell? Film oder Fleisch? Nein. (oder doch: engelhaft oder satanisch -- wie ist das Lied?) Er meint: kompromißfähig oder unbeugsam, ehern, spitz. Wie sie in neunundneunzig von hundert Fällen bricht oder zerdrückt wird oder untergeht. Aber im hundertsten Fall die Welt verändert.

Welche Art von Idee bist du? Das ist die erste Frage. Und die zweite -- aber damit läßt sich auch der Autor Zeit.

Wovon handelt dieses Buch eigentlich, von dem seit fast zehn Jahren die ganze Welt gelegentlich ihre Nachrichtensprecher reden läßt? Tja, schwer zu sagen.

Da wäre auf der einen Seite die Story: Ein Flugzeug wird entführt. Die Bhostan Flug AI 420 der Indian Airways gerät in die Gewalt extremistischer Sikhs. Landet im Irgendwo. Mit Zermürbetaktik wird das Entführerquartett offenbar erfolgreich genervt. Nach der Erschießung einer Geißel startet das Flugzeug, das den Namen eines der Paradiesgärten trägt. An Bord kommt es irgendwo über dem Ärmelkanal zu Differenzen zwischen den Entführern, in deren Verlauf die mitgebrachten Bomben explodieren. Aus 8.000 Metern Flughöhe gibt es keine Überlebenden. Offiziell.

Weil es offiziell ja keine Wunder gibt. Aber von Wundern, Göttern, mehr noch von Engeln und ihren Propheten handelt das Buch. Jetzt erst recht.

Es bleiben zwei Überlebende: Da wäre Gibril Faristha, geb. als Ismail Najmuddin. Faristha ist der Künstlername. Junge eines Essenausträgers in Bombay, hat er sich durch Fleiß, Glück und gutes Aussehen zu einem Filmstar des uns unbekannten indischen Kinos entwickelt. Was der normale Mitteleuropäer mangels Interesse nicht weiß: Dort laufen Seifenopern über Götterlegenden, die sogenannten Theologicals besser als bei uns jene Kitschserien, die alle verachten aber dennoch ansehen. Und Faristha ist der Star vieler dieser Theologicals. Er spielt (und das ist in jenem Indien, in dem die Auseinandersetzungen zwischen Hindus, Sikhs und Muslim Millionen Todesopfer forderten, schon etwas Eigenartiges) alle Götter, ohne Ansehen der Person. Für Monotheisten ist er somit quasi eine Umkehrung: Dem Gott, vor dem alle Menschen gleich sind, entspricht hier der Übermensch (Filmstar) vor dem alle Götter gleich sind. Und da er in jeden Haushalt flimmert, hat sowas auch etwas -- ja kann man sagen: Friedenstiftendes, Integrierendes, Nation (der vielen Völker) Schmiedendes? Und dazu noch einer, der eigentlich aus dem Nichts kam, der Gibril, dem aber nun die ganze Nation, zumindest die weibliche, zu Füßen liegt. Und dessen Geliebte ihm alles verzeihen, weil sie aus irgendeinem Grund genau dies tun müssen. Ein Strahler, der Gibril, der Engel Gabriel. Leute die mit Engelnamen Bescheid wissen, wissen sofort, daß Gibril (die, hä hä, anglisierte Form von Gabriel) der Engel der Botschaft und des Gerichts ist. Ein wenig zu kurz gefaßt also der Engel der Gerichtsbotschaft. Jedenfalls kriegt der Gibril erst das große Lieben und zwar dummerweise zu einer mit einem Industriellen verheirateten Frau: Rekha Merchant, und dann eine tödliche, fallsuchtartige Krankheit, die er nur knapp überlebt, aber dabei jede Form eines Restglaubens verliert.

Was tut ein Muslim, wenn er seinen Glauben verliert? Genau. Frißt Schweinefleisch. Wobei ihm beiläufig eine neue Frau, die Mt.-Everest- Bezwingerin Allelujah Cone antrifft und ihm verklickert, daß das Entscheidende doch sei, daß er sein Leben wiederhabe. Grund genug, in dieser Frau die neue, entscheidende Liebe zu finden. Die verlassene Rekha Merchant besteigt daraufhin den Mega-Wolkenkratzer, in dem sie und Gibril in unterschiedlichen Penthouses wohnen, (natürlich heißt das Gebäude "Everest-Vilas") wirft zunächst ihre beiden Kinder und danach sich selbst in den Tod. Fürderhin begleitet sie, engelsgleich, das Gewissen des Farishta mit ihren Einflüsterungen.

Und da wäre Salahuddin Chamchawala, anglisiert Saladin Chamcha, der zweite Held. Aus gutem Hause, nicht so überkanditelt wie Gibril, kämpft er den Kampf seines Lebens gegen seinen Vater, der ihm zum Über-Vater mutiert. Im Verlauf dessen gelten ihm London und England als die zu erstrebenden Ideale. Dort will er wohnen und dort wohnt er. Und wer je Franz Fanon gelesen hat, versteht ihn.

Natürlich ist seine englische Frau überblond und all so was. Und ein wenig frigid. Und natürlich will Chamcha konservativer und korrekter als der konservativste und korrekteste Engländer sein. Beruflich ist er -- nomen est omen -- Stimmenimitator. Chamcha besucht mal irgendwann wieder Indien und findet in der linken Ärztin Zeeny Vagil eine Partnerin, die ihn entwickelt. Und steigt auf dem Rückflug in die "Bhostan".

Beide, Gibril und Chamcha, mutieren während ihres Sturzes. Gibril bekommt Engelattribute (Heiligenschein), Chamcha teuflische (stinkender Atem, Hörner, riesiges Geschlechtsteil, Haare, Schauergestalt). An der Kanalküste im Haus der uralten Rosa Diamond finden sie Unterschlupf.

Gibril wird der Geliebte der hexenartigen Alten. Chamcha aber wird, indes Gibril konsterniert zuschaut, von Einwanderungspolizisten aufgespürt, geschlagen, gefoltert und schließlich in ein Spezialkrankenhaus für Mutanden gebracht, aus dem er mit Hilfe einer Krankengymnastin ausbricht. Chamchas Frau, Pamala Anderson, sorry: Lovelance wird indessen ihre Prüderie in den Armen von Chamchas linksalternativem Freund Jumpy Joshi los.

Chamcha, von ihr nicht mehr als lebendes Wesen anerkannt, findet Unterschlupf im Ethno- Kaffee Shandaar, wo er solange weiter mutiert, bis er in einer Rap-Disco seinen Haß auf Gibril (den zuschauenden Verräter-Glückspilz) so sehr steigert, daß er, quasi aus der Haut fahrend, seine menschliche Gestalt wieder annimmt.

Gibril indes fährt nach Rosa Diamonds Tod im Zug nach London, findet im Engelswahn seine Allejujah Cone (kommt aus dem Hebräischen und bedeutet: Priester) wieder und lebt mit ihr exzessiven Sex und Eifersucht. Unterbrochen wird die Romanze lediglich dadurch, daß Gibril, immer deutlicher schizophrenierend, der Stadt versucht, per tagelanger Wanderung seine Gerichtsbotschaft beizubiegen.

Und dadurch, daß Chamcha in einem Anfall von Rache und Eifersucht, mittels seiner verstellbaren Stimme perversen Telefonterror gegen das Paar betreibt.

Logisch, daß das Verhältnis immer wieder bricht.

Irgendwann brennt dann Brighton (d.h. Brixton), jener Stadtteil, in dem weiße Arroganz jahrzehntelang farbige Identitäten unterdrückte.

Bei der Gelegenheit rettet Gibril den Chamcha, obwohl er in ihm den Urheber der Anrufe erkennt, vorm sicheren Flammentod. Und bei der Gelegenheit bringen weiße Polizeischergen mal eben Jumpy und Pamela um. Die beiden waren einem Machtzirkel innerhalb der Polizei ein wenig zu nahe gekommen.

Letzter Akt der Story: Wieder in Indien findet Chamcha eine Versöhnung mit seinem Vater, indes Gibril ebendort Allelujah vom Everest stürzt, und sich dann, in Chamchas Haus, eine Kugel in den Kopf schießt, sich so von seinen Schizophrenien befreiend.

Unterbrochen wird diese story von den eigentlichen Geschichten des Buches: Jenen Träumen, die Gibril träumt.

Da ist der Traum, wie er als Engel Gabriel vom Propheten Mohammed (Mahound) zu Offenbarungen gezwungen wird, die ihm selbst, als Ich = Engel, so fremd sind.

Der Prophet -- das wird immer wieder die gleiche Geschichte werden -- benutzt den Offenbarungsengel als Medium für seine Obsessionen, die ihm (immer noch dem Propheten) vorher fremd sind. Offenbarung ist Offenbarung aus den Tiefen des eigenen Ichs, vermittelt durch ein Medium: den Verkünder Engel.

Das ist die eigentlich scharfe Aussage des Buches, die die fundamentalistischen Muslim dem Salman Rushdie übelnehmen. Der Kampf der Offenbarung ist derart intensiv, daß da quasi homoerotische Ambitionen -- "[E]r kommt überall hin, seine Zunge in mein Ohr seine Faust an meine Eier" -- nur Gipfel oder Vorwand sind. Glaubensangreifend ist die These: Die Botschaft kommt nicht von außen. Sie kommt von innen.

Und trotzdem kann man dem Rushdie nicht wirklich solche Aussage vorwerfen. Es bleibt bei ihm ein Rest. Das Ungewisse, das Unerklärbare, das, was vielleicht doch Gott ist. Er subtrahiert nur schon mal das Erklärbare, auch das psychologisch gar zu Durchschaubare weg, um das Übrigbleibende, so gering es auch ist, um so echter stehen zu lassen. Dieser Rest reicht natürlich nicht zu einer Theologie oder gar zu einer Religion. Aber er besteht. Angefochten nicht von Atheisten. Sondern von Religiösen.

Da wird in der Mohammed-Story die Geschichte von den Satanischen Versen ausgebreitet, die jedem besseren Muslim bekannt ist: Als sich die Mekkaner zunächst weigerten, die Idee von einem einzigen Gott gegen ihre vielen Götter aufzunehmen, wurde Mohammed ein Koranvers inspiriert, der drei Tochter- Göttinnen "deren Fürbitte wahrhaft erwünscht ist" denkbar macht. Damit schien der Revolution der Religion die Spitze genommen -- viele Anhänger waren enttäuscht. Mohammend änderte den Vers nach wenigen Tagen in sein Gegenteil. Im Buch ist Mohammeds Widersacher zunächst die Grande Dame Mekkas: Hind, und der Dichter: Baal. Später noch sein einstiger Mitstreiter: Khalid. Baal spottet. Erst mit Versen, später, im Alter, organisiert er einen Puff um, so daß dort ein Spiegel von Mohammeds Harem entsteht. Jede Frau Mohammeds hat im Puff ihr Double, mit dem sich die Männer Mekkas vergnügen können. Baal selbst spielt Mohammed.

Doch Mohammed-Mahound gewinnt schließlich alle Auseinandersetzungen. Und da kommt die zweite Frage: Was passiert, wenn du gewinnst? Mohammed vergibt. Vergibt allen, auch Khalid, auch Hind. Nur Baal und die Huren müssen sterben.

Oder jener andere Offenbarungstraum in der Jetzt-Zeit. Wo im Zimmer eines Londoner Exils jener unsäglich prüde Gelehrte, der Imam, seine Islamische Revolution ausbrütet. Der als einziges Bild, das seiner innig gehaßten Feindin -- wo? -- ja, in seinem innersten Zimmer hat. Der Imam erscheint dem Ajatollah Chomeini etwas zu ähnlich, um so ohne weiteres als schriftstellerische Freiheit durchgehen zu können. Und die Haßliebe, die hier schon mal Aischa (wie die Lieblingsfrau des Propheten bzw. ihre Spiegel-Hure) heißt, könnte doch glatt die Frau des Schahs von Persien sein, deren Schönheit dazumal alle monetäre Welt besang. Auch der Imam bringt den Offenbarungsengel Gibril in seinen Träumen als Medium in seine Gewalt. Er reitet auf ihm zu "seiner Stadt", die er in blutigste Rache-Revolution stürzt. Vor Gibril prahlt er mit der Liebe, die ihm das Volk entgegenbringt, indem es für ihn verblutet und verbluten läßt. Kann schon sein, daß man da nochmal an die zweite Frage denkt, die Mahound noch ein wenig anders beantwortete.

In einem dritten Offenbarungstraum wird Gibril von einem indischen Bauernmädchen gezwungen, ihr beizuschlafen und dabei unterderhand ebenfalls Offenbarungen abzusondern, die Gibril nimmermehr als seine eigenen Botschaften begreift. Das Mädchen, übrigends auch eine Aischa, führt eine Pilger- Bauernhorde vom Landesinneren ans Meer. Dort verspricht sie die Teilung der Wasser, um trockenen Fußes nach Mekka gelangen zu können. Ein vermögender Landbesitzer, Mirza Said, schließt sich dem Zug nur unter ständigen Protest an, weil er so hofft, seine geliebte Frau, die, krebskrank, zu den Gläubigen gehört, aus dem Zug herauszueisen. Und weil er gleichzeitig hoffnungslos jene Aischa begehrt, die -- vom Allerfeinsten -- als gezeigtes Wunder nur von lebenden Schmetterlingen bekleidet ist. Jenes wundersame Schmetterlingsphänomen, die Begleider und Bekleiter der Aischa, wirbelt jenen ganzen unsäglichen Traum hindurch, bis die Gläubigen ins Wasser gehen, und nur der Ungläubige das Wunder nicht erlebt, sondern alle ertrinken sieht. Mirza Said geht als gebrochener Mann nach Hause und findet erst in den Flammen seines Familiensitzes Anschluß an den Sehnsuchts-Glauben der anderen.

Schließlich sei auch jene Rosa Diamond nochmal erwähnt, die Alte am Kanalrand.

Auch sie zwingt Gibril in dessen Träumen zu Offenbarungen. Aber nicht religiöser Art. Sie schreibt, indem sie ihn als Offenbarer benutzt, kurzerhand ihre eigene Geschichte, insbesondere einen Seitensprung in Argentinien, so um, daß aus dem erträumten Leben, erlebtes Leben wird.

Und wenn man jetzt den Überblick noch nicht ganz verloren hat, sollte man sich das Buch nochmal auf gewisse Themenstellungen ansehen, die die Geschichten der Geschichte durcheinanderwirbeln; durchziehen kann man wahrlich nicht sagen.

Das Thema Prophetie und ihre Träger tauchte ja schon reichlich auf. Mit darin enthalten ist bei Rushdies Prophetieverständnis ständig mitschwingend auch das Thema Mutationen, das aber auch selbstständig Seiten füllt.

Menschen mutieren. Nicht nur im Karneval. Sie verändern sich. Und sie werden verändert.

Und im Idealfall werden sie zu ihren Möglichkeiten verändert: Entwicklung! Im gegenteiligen Fall auch. Entwicklung! -- ein zweischneidiger Begriff.

Während des Sturzes aus 8.000 Metern Höhe, im sicheren Tod also, mutieren Saladin und Gibril rasant: Der eine zum scheinbar Guten, der andere zum scheinbar Bösen. "Um wiedergeboren zu werden, mußt du erst sterben" -- der erste Satz des Buches. In den beiden Helden inkarnieren sich Wünsche und Vorstellungen der Menschen.

"Sie beschreiben uns. Das ist alles. Sie haben die Macht der Beschreibung, und wir sind den Bildern unterworfen, die sie sich von uns machen." Das sagt ein anderer Mutand im Krankenhaus zu Saladin Chamcha.

Und das sagt der Psychologe Franz Fanon über das Verhältnis von Kolonisten zu Kolonialisierten. Und das kann jeder halbwegs Farbige mit ein bißchen Sensibilität ausgestattete Mitmensch in "weißen" Ländern erleben. Schon wenn ihm ein wildfremder Mensch an der Bushaltestelle mit gütigem Lächeln einen Zehnmarkschein zustecken will. Fremdbestimmung geht dabei sooft in Selbstbestimmung über -- jedenfalls erfordert es einen Kraftakt der letzteren, sich von der ersteren zu lösen.

Warum wird Chamcha zum Teufel? Wie stabil ist eine solche Mutation? Naturgemäß treiben zunächst ihn diese Fragen peinlicher um, als den Gibril die entsprechenden. Der flüssig latein sprechende Kneipier des Café Shandaar legt ihm zwei Lösungen vor: "Der Große Lukrez beispielsweise sagt in De Rerum Natura das Folgende: quodcumque suis mutatum finibus exit, continuo hoc mors est illius quod fuit ante." Übersetzt heißt das, entschuldigen Sie meine wenig elegante Formulierung: "Was, indem es sich wandelt, seine Grenzen überschreitet"; das heißt, über seine Ufer tritt, oder vielleicht seine Schranken überwindet, gewissermaßen seine eigenen Gesetze mißachtet, aber das ist wohl zu frei, ich überlege gerade... "Dieses Ding", so jedenfalls Lukrez, "bringt dadurch seinem ursprünglichen Wesen sofort den Tod".

Aber der Dichter Ovid vertritt in den Metamorphosen die diametral entgegengesetzte Ansicht. Er behauptet: "So wie weiches Wachs" -- erhitzt etwa für das Versiegeln von Dokumenten oder dergleichen, verstehen Sie -- "mit neuen Mustern versehen wird und seine Form verändert und nicht mehr dasselbe zu sein scheint, so bleibt es doch dasselbe, und das gilt ebenso für unsere Seelen." -- Hören Sie? Unsere Seelen! Unser unsterbliches Wesen! "Sie bleiben dieselben, nehmen auf ihrer Wanderschaft aber stets neue Formen an."

Gibril dagegen wird in Gestalt des "Schöpfungswissenschaftlers" Eugene Dumsday in fundamentalistisch dummdreister, aber dennoch handfest anfragender Art mit den physikalisch-biologischen Aspekten der Mutation konfrontiert: "... wenn die natürliche Selektion der Wahrheit entsprach, wo waren dann die Zufallsmutationen, die ausselektiert wurden? Wo waren die Monsterkinder, die deformierten Babys der Evolution? Die Fossilien blieben stumm. Nirgends dreibeinige Pferde." Und das angesichts der sichtbar und fühlbar, ja auch riechbaren Mutation des Gibril zum Engel und des Chamcha zum Scheitan.

Löst man aber die ganze Entwicklungstheorie von ihrem physikalischen Anspruch ab und legt sie -- wie das im Übrigen schon seit viel längeren von ernst zu nehmenden Theologen mit der Schöpfungstheorie geschieht -- in den Bereich des Mythischen, Märchenartigen, psychologisch Greifenden, dann kommt man um einige plötzliche "Aha"-Erlebnisse kaum mehr herum.

Letztlich ja hatte sich schon Darwin von jenem Bischof inspirieren lassen, dessen Sozialtheorie (Kriege sind notwendig, damit die Besten überleben usw.) er auf die Biologie übertrug. Insofern ist ja Sozialdarwinismus ein von hinten aufgezäumter Begriff.

Und letztlich zeigt das auch das Buch: Die Stärkeren (aus gutem Hause, mit entsprechender Sozialisation und Kapitaldecke im Hintergrund) wie Chamcha -- die überleben. Trotz zeitweiliger Mutation zum Scheitan in der Fremde. Trotz allem Ablöseversuch vom Übervater etc.

Die Schwachen (wie der Essenträger Gibril) gehen drauf, auch wenn sie sich zwischendurch mal als Gott oder Engel fühlen dürfen.

Tja, aber ob uns Rushdie wirklich das sagen wollte? --Reinhard W. Moosdorf -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.


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Kundenrezensionen

Die hilfreichsten Kundenrezensionen
51 von 53 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Kolossaler Rundumschlag 7. Februar 2007
Format:Taschenbuch
Na klar, man muss es einfach gelesen haben, dachte ich mir, das Werk, von dem so oft die Rede ist, an das sich angesichts der über 500 Seiten aber die wenigsten so richtig heranwagen.

Gut, gesagt, getan, gelesen. Und nun steht mir vor Staunen immer noch der Mund offen: Rushdie gelingt es mit seinem Werk einen kolossalen Rundumschlag durch mehrere Jahrtausende Kultur, Geschichte, Literatur und Religion zu schlagen. Es scheint, als habe er die Schriften der drei monotheistischen Weltreligionen, Ovids Metamorphosen, Dantes Divina Comedia und viele Märchen, sowohl westlicher als auch orientalischer Provinienz, in einen großen Kochtopf gegeben, sie mit einer spannenden Handlung und fantastischer Erzählweise gewürzt und schließlich mit einer Prise grotesken Humors verfeinert.

Scheinbar schwerelos springt der Erzähler in Raum und Zeit, eben noch im Bombay des 20. Jahrhunderts, dann schon wieder im Mekka zur Zeit Mohameds, um daraufhin wieder den Ort und die Zeit zu wechseln. Großartig auch die Verschmelzung von fantastischen Elementen mit der Realität, wobei dem Leser jeweils verschiedene Versionen angeboten werden, und er sich selbst die Frage stellen muss: War es so oder war es nicht so?

Um es noch mal kurz zusammenzufassen: Rushdies Satanische Verse sind allumfassend, monumental und daher bei einmaligem Lesen wohl überhaupt nicht zu verdauen. Dennoch sollte man sich weder von der Dicke des Buches noch von der manchmal etwas fremdartig anmutenden und unverständlich scheinenden Erzählung nicht abschrecken lassen. Also ich habe nach ersten Anlaufschwierigkeiten (Kapitel 2!) das Buch nicht mehr aus der Hand legen können und mich dabei keine Sekunde gelangweilt!
War diese Rezension für Sie hilfreich?
36 von 38 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Meisterhaft 15. August 2003
Von Björn
Format:Taschenbuch
Ein unglaublich wichtiges Buch. Nicht weil es die Authenzität Mohammeds in Frage stellt oder den Engel Gabriel in Form eines schizophrenen, gescheiterten Schauspielers mit Mundgeruch darstellt, sondern weil es generell neue Denkanstöße gibt, was den Glauben an sich betrifft: Menschen glauben das, was sie glauben wollen. Die satanischen Verse tauchen in dem Buch zweimal auf: Zum ersten Mal empfängt sie Mohammed von einem falschen Engel Gabriel, als es um die Anerkennung der wichtigsten Heidengötter in Mekka geht. Zum zweiten Mal flüstert Saladin Chamcha satanische Verse durchs Telefon zu Farischta, woraufhin Gibril Farishta verrückt wird und vollends durchdreht. Beide Male stellen sich die satanischen Verse als Falschwahrheiten heraus, die der Empfänger im Grunde hören wollte und schon vor dem Empfangen glaubte. Diese Allegorie finde ich meisterhaft und atemberaubend. Wie oft ist das doch wirklich so, dass wir in heiligen Schriften nur die Bestätigung für das Suchen, was wir ohnehin glauben wollen, ohne bereit zu sein, uns von den alten Denkmustern zu befreien. Salman Ruschdie überspitzt hier natürlich, aber er schildert die Geschichte Mohammeds aus Sicht eines schizophrenen Träumers. Als literarisches Stilmittel finde ich das, auch als gläubiger Mensch, sehr spannend.
War diese Rezension für Sie hilfreich?
27 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von ludwigwitzani TOP 500 REZENSENT
Format:Taschenbuch
Mitunter markieren Bücher Zeitenwenden. Ein solches Buch ist Salman Rushdies "Satanische Verse", nicht weil es so unglaublich gut, sondern weil es so unglaublich exemplarisch ist. Mit der Fatwa, die die Islamisten in der ganzen Welt nach dem Erscheinen des Buches gegen den Autor ausriefen, wurde eine Epoche eingeläutet, für die Samuel Huntington erst einige Jahre später den Begriff "Clash of Zivilisation" einführen sollte.
Was ist es nun, was dieses Buch so unglaublich brisant macht? Das ist nicht so einfach zu erklären, weil die "Satanischen Verse" drei Bücher in einem bündeln. Zunächst ist es ein Buch über den modernen Inder, der im Kontakt mit der westlichen Moderne seinen Glauben verliert. Also auch ein Buch über Salman Rushdie selbst. Dargestellt wird dieser Handlungsstrang durch Gibril und Saladin aus Bombay, die nach einem Flugzeugabsturz eine Metamorphose durchmachen - aus dem einen wird der Erzengel Gabriel aus dem anderen der Scheitan", wobei es für den Leser nicht immer deutlich wird, wo Imagination, magischer Realismus, Psychose und Realität am Werk sein sollen. Da ist der moderne Poet am Werk, und dem Leser stehen vor lauter bizzarer Unwahrscheinlichkeiten die Haare unter Hut, Kappe oder Turban regelrecht zu Berge.
Das weltweite Aufsehen und die Morddrohungen des schiitischen Klerus erregte die zweite Geschichte, die den Propheten Mohammed als einen taktisch begabten Schwindler darstellt und seine Harmesdamen in eine prekäre Nähe zu Prostituierten rückt. Nach dem westlichen Literatur- und Toleranzverständnis befindet sich in diesen Passagen nichts Geschmackloses oder Unanständiges, aber innerhalb des Islams können solche Passagen einem Autor das Leben kosten. Das in aller Klarheit deutlich gemacht und damit gleichsam als Antikörper einer neuen Epoche eine so heftige Immunreaktionen erzeugt zu haben, dass über den Gegensatz von Islam und Moderne kein Zweifel mehr möglich ist, das ist das bleibende Verdienst dieses Buches.
Die dritte Geschichte des vorliegenden Buches handelt von der Pilgerfahrt eines moslemischen Dorfes aus Maharasthra nach Mekka, an deren Ende die gesamte Pilgerschar im arabischen Meer ertrinkt, als sie versucht, von Bombay durch den Ozean nach Arabien zu wandern. Für mich ist dies die eindrucksvollste Geschichte des Buches, ich selbst habe sie am Chowpattybeach in Bombay gelesen, genau an dem Ort, an dem der Autor die Gotterfüllten ertrinken und damit unendliche Assoziationen über das Verhältnis von Religion und Moderne evozierten lässt.
Insgesamt besitzt das Buch eine unglaubliche Sprachkraft, eine traumwandlerische Sicherheit des Ausdrucks, eine schier unbegrenzte Erfindungsgabe und eine fast sinnlich spürbare Anschaulichkeit, die auch durch gelegentliche Exkurse nicht beeinträchtigt wird. Sogar zu lachen gibt es in diesem so geschichtsschweren Werk das eine oder andere - man lese nur die Passagen, in denen London tropisch wurde, die Karikatur des Ayatollah oder die Darstellung von Cat Stevens, der als moslemischer Konvertit und durchgeknallter Bilal X die Bühne der Weltliteratur betritt. Dass Rushdie dafür vom Ayatollah ( Teheran ) und von Cat Stevens (London) gleichermaßen mit dem Tod bedroht wurde, sagt mehr aus über die wahren Frontstellungen unserer Gegenwart als hundert Romane.
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Die neuesten Kundenrezensionen
die satanischen Verse
Super schnelle Lieferung, es hat alles sehr gut geklappt. Habe das Buch innerhalb von ein paar Tagen erhalten. Danke, gerne wieder!
Vor 9 Monaten von gülgün veröffentlicht
Eine unendlich lange Geschichte
Saladin und Giibril. Yin und Yan. Fallen aus dem Himmel. Das Wunder: sie leben.
Die Erklärung: Engel haben Flügel, Gentlemen eine Melone auf dem Kopf. Lesen Sie weiter...
Vor 13 Monaten von Freibeuter veröffentlicht
Sehr beeindruckend, wenn man durchhält.
Als Autor hat man es gut: am Schreibtisch sitzend kann man die absonderlichsten Figuren und Handlungen erdenken und zusammenbasteln, völlig egal, was da möglich,... Lesen Sie weiter...
Vor 16 Monaten von sonnenblumensammler veröffentlicht
Aus fremden Welten
Das Buch stammt aus einem meinem Kulturkreis sehr fremden Bereich. Wirkt auf mich unsystematisch, unklar. Lesen Sie weiter...
Vor 17 Monaten von Norbert M. Schleimer veröffentlicht
benötigt Durchhaltevermögen
Eine Rezension zu schreiben, ohne dass man das Buch zu Ende gelesen hat, ist irgendwie nicht richtig, aber das ist ja auch eine Leseerfahrung. Lesen Sie weiter...
Veröffentlicht am 7. Oktober 2009 von redaxhexe
lesenswert
kurz und knapp:

Hintergrudnwissen zum Islam sollte man schon mitbringen, dann wird auch der Roman flüssiger zu lesen sein. Lesen Sie weiter...
Veröffentlicht am 20. August 2008 von reDDconspiracy
Halluzinationen eines Engels
In diesem Jahr habe ich das Buch - knapp 20 Jahre nach seinem ersten Erscheinen - zum zweiten Mal gelesen. Lesen Sie weiter...
Veröffentlicht am 5. September 2007 von Bernd Giehl
Phantasie - abheben
Unabhängig von der Thematik, das der Schreiber des Koran sich nicht an die Worte Gottes hält ist dieses Buch von der Phantasie, von der Wortgewalt und -Vielfalt ein... Lesen Sie weiter...
Veröffentlicht am 21. Januar 2007 von Günther
Sehr gutes Buch mit kleinen Schwachstellen
Wer kennt sie nicht, die Geschichten die sich um dieses Buch ranken?? Nachdem ich mir den Klappentext durchgelesen hatte, konnte ich noch weniger nachvollziehen wie es zu Khomeinis... Lesen Sie weiter...
Veröffentlicht am 13. Dezember 2006 von Sina
Sehr schwere Kost
Unabhängig von der inhaltlichen Qualität des Buches, muss man zumindest mal feststellen, dass dieser Roman schwer verdaulich ist. Lesen Sie weiter...
Veröffentlicht am 16. September 2006 von R. Halft
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