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Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Die Satanischen Verse
OT The Satanic Verses OA 1988 DE 1989Form Roman Epoche Gegenwart
Obwohl es sich um das literarisch anspruchsvolle Werk eines bereits bekannten und dekorierten Autors handelte, erwuchs die Bedeutung der Satanischen Verse vor allem aus ihrem Schicksal als einem verfemten Buch und aus dem Aufruf seitens der damaligen iranischen Führung, den Autor zu ermorden.
Inhalt: Eine Flugzeugexplosion in großer Höhe überleben nur die zwei indischstämmigen Schauspieler Gibril Farishta und Saladin Chamcha. Nach dem freien Fall ihrer »Wiedergeburt« gehen merkwürdige Veränderungen an ihnen vor. Während Chamcha, der immer ein perfekter Engländer sein wollte, alle körperlichen Eigenschaften des Teufels entwickelt und sich so inmitten der apokalyptischen Exzesse des modernen, rassistischen Molochs London verbirgt, verwandelt Farishta sich entsprechend dem Wortsinn seines Namens in den Phänotyp eines Engels. Er wird als der Erzengel Gabriel willenloses Werkzeug der Menschen, denen er sich »offenbart«; nicht nur im gegenwärtigen London, sondern auch in der Gründungsphase des Islams als Offenbarer des Korans oder in einem indischen muslimischen Dorf, das von einer Charismatikerin namens Aischa zu einem Pilgerzug nach Mekka animiert wird, der mitten durchs Arabische Meer gehen soll.
Der Titel Die Satanischen Verse bezieht sich auf die im zweiten Kapitel nacherzählte Episode, wonach dem Propheten Mahound (Mohammed) bei einer Gelegenheit nicht, wie üblich, der Erzengel Gabriel (Gibril) Offenbarungen Allahs eingab, sondern der Satan ihn überlistete. Diese Verse, bei denen es um einen Kompromiss des neuen islamischen Monotheismus mit der polytheistischen Umwelt im Wallfahrtsort Mekka ging, wurden später (infolge einer neuen Offenbarung) durch Mohammed aus der Überlieferung des Koran (vgl. 53. Sure, Vers 19ff.) ausgelöscht; so berichtet auch eine alte islamische Tradition. Die Auseinandersetzung zwischen unbedingter Kompromisslosigkeit und pragmatischem Taktieren beim Konflikt kultureller Optionen ist eine der Leitfragen des Buchs von Rushdie.
Aufbau: Das Buch hat eine symmetrische Struktur; es ist in neun Kapitel gegliedert, von denen das erste, dritte, fünfte, siebte und neunte den wichtigsten Handlungsstrang um die Protagonisten Gibril Farishta und Saladin Chamcha umfassen. Dazwischen sind im zweiten und sechsten Kapitel die Erzählung von Mahound, im vierten und achten Kapitel jene von Aischa eingespannt. Die Verbindung zwischen den drei Handlungssträngen geschieht nicht nur über die analogen Fragestellungen (zum Verlust des Glaubens oder zur Unterscheidbarkeit von Gut und Böse), sondern auch maßgeblich über die Gleichheit oder Ähnlichkeit der Namen und der Motive in den verschiedenen Handlungssträngen. Das Verhältnis von Traum, Halluzination, Vision, Wunder und Wirklichkeit bleibt mit Bezug auf diese Struktur wie auch in vielen Detailszenen unscharf.
Wirkung: Bereits kurz nach Erscheinen der englischen Originalausgabe kam es in Bradford einer englischen Stadt mit hohem islamischem Bevölkerungsanteil zu Tumulten, bei denen Exemplare des Buches verbrannt wurden. Die Unruhen breiteten sich bald auf eine Reihe islamischer Länder und auf Indien aus; hier gab es Dutzende Tote. Die Satanischen Verse wurden in Indien und Ländern mit islamischer Bevölkerungsmehrheit verboten, während ihr Erscheinen in europäischen Ländern nach dem Fatwa Khomeinis behindert und verzögert wurde.
In Deutschland wurde die Übersetzung von einem eigens gegründeten Kollektivverlag herausgegeben, der den Erscheinungstermin unmittelbar nach dem Ende der Frankfurter Buchmesse festlegte, während die führenden Tageszeitungen sich weigerten, Anzeigen für das Buch zu veröffentlichen. Bis heute wird anhand der Satanischen Verse diskutiert, inwieweit ein Autor für die in Zusammenhang mit seinem Buch ausgelösten Konflikte verantwortlich zu machen ist. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die Unerbittlichkeit der hier aufeinander treffenden Positionen sich auf ein Werk bezieht, das nichts leidenschaftlicher beklagt als solche Unerbittlichkeit. R. H.