Der französische Philosoph erregte erstmals vor zwei Jahren großes Aufsehen, als er in seiner schonungslos-polemischen Darstellung
Wir brauchen keinen Gott. Warum man jetzt Atheist sein muss gegen die Religionen dieser Welt zu Felde zog und sich damit in eine Reihe mit Richard Dawkins, Sam Harris und Christopher Hitchens stellte. Sein neues Buch "Die reine Freude am Sein: Wie man ohne Gott glücklich wird" versucht nun, eine rein am Diesseits orientierte hedonistische Moral zu formulieren. Obwohl dies an sich ein notwendiger und richtiger Schritt ist, wirkt die Darstellung jedoch unstrukturiert und ohne roten Faden, so dass viel Potential verschenkt wird.
Auf den ersten 40 Seiten berichtet Onfray von seiner Kindheit in einem Heim der Salesianer, über die er wenig Positives zu berichten weiß: "Wenig wahrscheinlich, dass die Salesianer mit dem das Keuschheitgelübde brechen. Für jene, die zu sehr von der Libido umgetrieben werden, genügt ein Kind" (42) ist da noch eine der harmloseren Formulierungen. Das ist persönlich tragisch und muss sicherlich auch an passender Stelle erzählt werden, nicht aber in einem Buch, in dem Maßstäbe einer säkularen Ethik formuliert werden sollen.
Im zweiten Teil legt Onfray dar, wie die christliche Philosophie seit Paulus das Jenseits auf Kosten des Diesseits überhöht hat und dementsprechend das Glück im Hier und Jetzt als sekundär und nicht erstrebenswert dargestellt worden ist. Onfray attackiert dabei besonders die christliche Überzeugung, im Besitz einer wie auch immer gearteten Wahrheit zu sein: "Es gibt keine absoluten Wahrheiten, nicht das Gute, nicht das Böse, das Gerechte an sich, sondern nur in Bezug auf ein klares Vorhaben" (93). Anschließend formuliert er den obersten Maßstab seiner hedonistischen Ethik: "Freue dich und mache anderen Freude, ohne dir selbst oder anderen Leid zuzufügen, das ist schon die ganze Moral" (94).
Im folgenden kritisiert der Autor die Herabwürdigung des menschlichen Körpers und der sexuellen Lust durch das Christentum:
"Die Wiederaufbereitung [...] der platonischen Tradition hinterlässt dem christlichen Europa einen schizophrenen Körper, der sich hasst, die einzigartige Version einer immateriellen Seele in sich bewahrt und sich am Ende des Todestriebs erfreut, der von der herrschenden Ideologie ad nauseam gepflegt wird" (141). Dem entgegen hält er das Ideal einer "herrschaftsfreien Libido" (151ff.), welche Mehrfachbeziehungen propagiert und implizit dazu auffordert, keine Kinder mehr in die Welt zu setzen. Provokant formuliert Onfray: "Ich indessen glaube, dass nur die wahre Liebe zu Kindern davon enthebt, Kinder zu machen..." (159).
Im folgenden Kapitel "Eine prometheische Bioethik" wirbt Onfray dafür, die schöpferische Kraft des Menschen zu benutzen, um Krankheiten und Elend auf der Welt zu bekämpfen: "Das Menschliche wird erschaffen, indem man die Natur hinter sich lässt" (214). Dementsprechend setzt er sich für eine Politik des uneingeschränkten reproduktiven Klonens, der Eugenetik sowie das Recht auf aktive Sterbehilfe ein. Einprägend formuliert er die Maxime seiner Überzeugung: "Allein das Reale existiert, und allein dieses zählt; dahinter gibt es keine anderen Welten, die Wirklichkeit ist auf ihre Materialität reduziert, der Mensch ist das Maß aller Dinge, die greifbare Natur liefert das Vorbild, nicht die ungreifbaren Ideen" (192).
Fazit: Das Hauptmanko der Darstellung liegt in der Tatsache, dass Onfray viele Dinge anreißt und ohne erkennbare Struktur von Punkt zu Punkt springt. Eben noch bei Paulus, beschäftigt sich das nächste Kapitel plötzlich mit Bioethik und Sterbehilfe, ohne das der andere Punkt in erschöpfender Tiefe ausdiskutiert worden wäre. So bleibt das Buch an der Oberfläche und reißt das interessante und wichtige Thema einer hedonistischen Ethik zu Beginn des 21. Jahrhunderts nur an, ohne es mit der erforderlichen Genauigkeit behandelt zu haben. Schade...