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Leider erreicht das Buch von Brug, einem als Opernkritiker erfahrenen Musikjournalisten, nicht das Niveau dieser Werke. Es hat zudem - jedenfalls zum Teil - eine andere Zielsetzung.
Die älteren beiden Bücher konzentrieren sich ganz überwiegend auf die Besprechung von Schallplatten. Gerade das macht sie so interessant, da bei synchronem Lesen des Buches und Anhören der jeweiligen CD bzw. der jeweils besprochenen Arie die in den Büchern gemachten Angaben genussvoll nachzuvollziehen und zu überprüfen sind, wodurch der Leser zugleich ganz nebenbei immens viel Wissenswertes über die Qualitäten und Unterschiede der jeweiligen Stimmen lernt und somit seinen Geschmack bildet oder verfeinert.
Dies alles fällt in dem Buch von Brug weg. Denn Brug bespricht - wie in dem Vorwort ausdrücklich angegeben - nicht Plattenaufnahmen, sondern ganz überwiegend von ihm erlebte Bühnenauftritte. Das hat zur Folge, dass es dem Leser in den meisten Fällen geht wie nach der Lektüre der Besprechung eines Weines, den der Leser nicht getrunken hat: es ist zwar durchaus interessant, geht einen aber nicht wirklich etwas an.
Das Buch ist in zwei Teile gegliedert. Die ersten 220 Seiten beinhalten den eigentlichen Besprechungsteil, die weiteren knapp 90 einen Lexikonteil. Der Besprechungsteil setzt sinvoll Schwerpunkte, bespricht die bekannten Sänger also intensiver als die unbekannten, "will" aber manchmal zu viel, wenn der Autor meint den Sänger xy noch unbedingt besprechen zu müssen, dabei aber nur Nichtssagendes herauskommt. Als Beispiel mag ein Auszug herhalten, der das Gemeinte nur illustrieren, nicht aber, weil er in diesem Extrem untypisch ist, vom Kauf abhalten soll (S. 159): "Im verzierten Rossini-Repertoire gewinnt augenblicklich die Bulgarin Darina Takova an Reputation, während die Griechin Elena Kelessidi als Traviata herumgereicht wird und die Spanierin Ana Maria Martines als koloraturfähige Lyrische wie etwa Luisa Miller begeistert."
Der Lexikonteil enthält Angaben zu den besprochenen sowie zu weiteren Sängern. Bei den besprochenen ist lediglich eine nahezu vollständige Diskografie des jeweiligen Sängers angegeben, bei den nicht besprochenen darüber hinaus noch eine Kurzbeschreibung der Stimme. Als Beispiel mag die Beschreibung der Stimme von Noemi Nadelmann herhalten (S. 288): "Eine strahlende Stimme, die in der Mittellage üppigen Wohllaut verströmt, in der Höhe aber etwas dünn und klirrend wirkt. Im heute kaum mehr besetzbaren Operettenfach als bildschöne Frau und temperamentvolle Darstellerin an den allerersten Häusern ein gesuchter Gast. Auf CD hingegen inzwischen beinah chancenlos."
CD-Empfehlungen, z.B. von ein bis drei besonders herausragenden oder typischen Aufnahmen der jeweiligen Sänger, fehlen leider völlig. Gerade diese wären aber besonders interessant gewesen. Über das Internet oder den Bielefelder ist es heutzutage ohne Schwierigkeiten möglich, einen Überblick über alle erhältlichen Aufnahmen eines Sängers zu erhalten. Diese quasi aus dem Bielefelder abzuschreiben und auf knapp 90 Seiten wiederzugeben, ohne eine sinnvolle Auswahl zu treffen, ist für den Leser ohne Wert.
Sehr interessant und lesenswert sind die immer wieder eingestreuten kritischen Bemerkungen zum heutigen Opernbetrieb, der das langsame Wachsen eines Talents nicht mehr zulasse, und zum Niedergang des Plattengeschäfts, der zur Folge habe, dass viele gute Sänger auf CD nur noch unzureichend dokumentiert seien. Hier wäre es wünschenswert gewesen, diese verstreuten Anmerkungen konzentriert in einem eigenen Kapitel zu versammeln, was den Informationsgehalt wohl deutlich erhöht hätte.
Leider hat das Lektorat ziemlich geschlampt. Es haben sich diverse Fehler eingeschlichen. Auf S. 113 schreibt Brug beispielsweise davon, dass es schade wäre, wenn sich eine Sängerin die "Sruinieren" würde. Gemeint ist: die Stimme ruinieren. So etwas ist ärgerlich und sollte vermieden werden. Die meisten Fehler finden sich allerdings in dem Lexikonteil, insbesondere in der Diskografie. Besonders auffällig ist, dass gerade die im Buch zuerst besprochenen Sänger (Netrebko, Kozena, Florez und Mattila) im Lexikonteil schlicht vergessen wurden, und das, obwohl bei der Besprechung von Netrebko in einer Fußnote ausdrücklich auf den Lexikonteil verwiesen wird (S. 28).
Zusammengefasst bleibt zu sagen, dass das Buch kompetente Beschreibungen der "neuen Sängerstimmen" enthält, durchaus lesens- und mangels Konkurrenz auch empfehlenswert ist, aber, insbesondere wenn man die Bücher von Kesting und Fischer kennt, gleichwohl enttäuscht.
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