Vor einer Weile habe ich mir diese Neuauflage des Grundlagenbuchs von Barber zugelegt. Obwohl diese Auflage im Vergleich zur Vorauflage einige Neuerungen aufweist und der Aufbau generell etwas abgeändert wurde, ärgere ich mich, dass ich erst jetzt zu diesem Buch gegriffen habe und mich stattdessen jahrelang von den teilweise negativen Rezensionen zur Vorauflage habe abschrecken lassen. Das Buch ist, genauso wie sein Vorgänger (in welches ich inzwischen auch mal reingeschaut habe), wirklich top. Die einzelnen Lektionen sind sinnvoll aufgebaut. Es beginnt mit Zeichenübungen für einfache Formen, Muster und Strukturen (die man aber auch wirklich machen sollte!), geht weiter mit einzelnen, überschaubaren Objekten und endet mit komplexen Portraits und Landschaften. Einzig die Erklärungen sind an mancher Stelle etwas kurz, hier hilft genaues Betrachten der Zeichnungen des Autors. Aufgrund des noch dazu sehr günstigen Preises kann ich das Buch wirklich nur empfehlen.
Etwas Grundsätzliches zum Zeichnen-lernen: Es scheint zwei Typen von Zeichenanfängern zu geben. Die einen stehen offenbar vor dem Problem, dass sie mit ihren Zeichenfertigkeiten auf Grundschulniveau hängen geblieben sind (mangels weiterer Übung) und aufgrund ihres auf Sprache und Analytik fokussierten Alltags das genaue (Hin-)Sehen schlichtweg "verlernt" haben und deswegen ein "Symbol"-System verwenden, also z.B. Gesichter kreisrund oder Mund und Nase als Striche zeichnen. Sobald diese geistige Barriere durchbrochen und die Fähigkeit zum richtigen Sehen wieder vorhanden ist, fangen die Leute schnell an das Gesehene wiederzugeben und entwickeln mehr intuitiv die dafür nötigen Techniken. Für diese Gruppe eignet sich das Buch von Betty Edwards, welches auch ich mir damals zum Einstieg gekauft hatte, aber keinen wirklichen Nutzen daraus ziehen konnte. Die andere Hälfte der Leute hat das richtige Sehen offenbar nicht verlernt, hat aber Probleme mit der Zeichentechnik. So ging es mir. Ich hatte keine Probleme damit, die wesentlichen Linien, Formen und Proportionen "richtig" wiederzugeben, aber sobald es an komplexe Schatten oder Muster ging, die der Zeichnung erst die plastische Wirkung verleihen, hatte ich arge Schwierigkeiten. Meine Konturenzeichnungen sahen oft besser aus als die "fertigen" Zeichnungen mit Schatten, etc. Hätte ich damals schon das Buch von Barber gehabt, wäre mir eine Menge erspart geblieben. Denn genau für die Leute, die wie ich Probleme mit einzelnen Techniken haben, ist dieses Buch bestens geeignet. Ich hoffe ich konnte dem ein oder anderen damit helfen.
Ich wünsche jedem Zeichenanfänger, mit welchem Buch er auch immer beginnen mag, viel Erfolg. Und das wichtigste: Durchhalten und nicht gleich am Anfang Meisterwerke erwarten. Auch große Künstler wie van Gogh haben mal klein angefangen (siehe z.B. die unstimmigen Proportionen beim "Tischler" (mal googlen nach "The Carpenter") von 1880).