Am Anfang war die Moral. Von heroischen Erwartungen wie Tapferkeit in der Antike über theologisch dominierte Idealvorstellungen im Mittelalter bis zu rein nutzenorientierten Vehaltensvorschriften wie Fleiß und Disziplin im Merkantilismus der beginnenden Neuzeit: es war ganz klar, wie der redliche Mensch jeweils auszusehen hatte.
Die Aufklärung säte den Keim zur Auflösung fester Moralbegriffe. Das Gebot, den Willen Gottes zu erfüllen, wird von Forderungen abgelöst, der Vernunft gemäß zu leben. Damit wurden eindeutige Moralvorschriften und klares Gut und Böse zunehmend durch Ethik ersetzt und es begann eine Suche nach anwendbaren Modellen zur Begründung einer universellen Sittlichkeit. Wie die Autoren Rupert Lay und Ulf D. Posé aufzeigen, mit erheblichen Schwierigkeiten, die nur Kant mit seinem kategorischen Imperativ befriedigend überwinden konnte ('Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte'). Der redliche Mensch sollte also situationsbezogen einer Ethik gemäß sittlich handeln. Und damit waren feste Moralbegriffe dahin.
Auch die beste Ethik kann eingehalten werden oder eben nicht. Das führte dazu, dass auch die Unredlichkeit, die es natürlich immer gegeben hat, eine Parallelentwicklung durchmachte. Gemäß Lay und Posé mit der Besonderheit, dass etwa bis zum Zeitalter der Inquisition den handelnden Menschen klar war, dass sie unredlich handelten, während es danach - und die Autoren nehmen das als Merkmal der 'neuen Unredlichkeit' - auch für unredlich Handelnde üblich geworden sei, sich trotzdem redlich zu wähnen. Als Grund dafür führen sie die Eingebundenheit in zunehmend komplexe Systeme an, die die darin verankerten Menschen sittlich blind machten.
Die Autoren widmen dieser Unterscheidung wesentliche Teile Ihrer Betrachtungen ohne zu erklären, was daran so wichtig sein soll. Ich halte das für nebensächlich und behaupte noch dazu, dass Ablasshändlern wie Inquisitoren (abgesehen vom Gewicht ihrer Handlungen) die Unredlichkeit ihrer Handlungen genauso klar oder unklar gewesen sein dürfte, wie heutigen Managern ihre Unredlichkeit klar oder unklar ist, wenn sie voll ausgebildete junge Menschen auf ein bis drei Jahre unbezahlt als 'Praktikanten' oder unterbezahlt als 'Lehrlinge' einstellen; wenn sie Abfertigungen an Mitarbeiter durch Hinausmobben bis zur Selbstkündigung derselben umgehen; wenn sie ihre Ergebnisverantwortung auch durch Steuerhinterziehung erfüllen wollen; oder wenn sie, anderes Ende der Skala, mit entsprechend großen Unternehmen im Rücken nationale Regierungen partiell entmachten und der Politik (die im Dienste der Allgemeinheit agieren sollte) das Ruder der Staatsgeschäfte (im Interesse ihrer Unternehmen) aus der Hand nehmen. Die Frage, ob das jeweils klar oder unklar ist, halte ich nur insofern für relevant, als im zweiten Falle auch noch herauszufinden ist, wie die unbewusst unredlichen Täter zur Einsicht gebracht werden können. Wie auch immer - das Autorenduo blendet beide Themen völlig aus.
In geradezu barocker Ausführlichkeit (weit über 100 Seiten des Teils II) wird hingegen Beispiel an Beispiel für diese 'neue Unredlichkeit' (also die angeblich unbewusste) gereiht, als ob nicht jeder von uns zu jedem Thema wie Globalisierung, Politik, Mobbing, Egoismus u.a. ein aktuelles Beispiel aus dem Stehgreif anführen könnte. Und abgesehen davon: auch die Möglichkeit, dass die vermeintliche Unbewusstheit im Handeln der Täter schlichte Heuchelei und damit ganz einfach 'alte Unredlichkeit' sein könnte, mit der nur das Publikum getäuscht werden soll, ist ihnen keine Zeile wert.
Die Grundzüge der 'neuen Redlichkeit', die die Autoren schließlich im letzten Kapitel sorgfältig entwickeln, sind trefflich und werden wohl kaum auf Widerspruch stoßen. Jedenfalls nicht auf offenen - die Heuchler werden sich hüten! Dennoch frage ich mich: wenn es stimmt, dass die dadurch zu besiegende Unredlichkeit den Handelnden unbewusst sein sollte - wie bringen wir diese dann dazu, das erstens zu erkennen und zweitens die neue Redlichkeit aktiv anzuerkennen und zu praktizieren? Oder meine persönliche Annahme stimmt, dass nämlich den Handelnden ihre Unredlichkeit ohnehin zumindest größtenteils bewusst ist - dann entfällt der Erkenntnisschritt und wir stehen gleich vor dem zweiten Problem.
Das Buch ist zum Denken anregende, anspruchsvolle Lektüre und gesellschaftswissenschaftlich interessierte LeserInnen werden darin auf ihre Rechnung kommen. Ich hoffe, dass dieses Buch einen Anstoß geben wird, die Öffentlichkeit auf die jedenfalls kommende Auseinandersetzung mit dem Thema 'neue Werte' einzustimmen. Die Prominenz der Autoren ist dafür eine gut eingesetzte Investition; die oft auf implizite Definitionen zurückgreifende Darstellung weniger - ein Glossar, in dem die Autoren die wichtigsten Begriffe definieren und erklären, könnte hier helfen. Und ich unterstütze die im Anhang veröffentlichten persönlichen und unternehmerischen Grundsätze für eine neue Redlichkeit, die die vorgeschlagenen neuen Werte widerspiegeln, selbst wenn ich hier noch einige Diskussionen kommen sehe.
Bloß: wie wir dahin kommen, dass diese Grundsätze auch angenommen und praktiziert werden - diese Antwort oder wenigstens Ideen dazu, also Wege zur Umsetzung ihrer Vorschläge, bleibt uns das Autorenduo leider schuldig. Obwohl es der im Vorwort erhobene Anspruch, '...Möglichkeiten zu zeigen, wie wir der neuen Unredlichkeit begegnen können...' eigentlich in Aussicht gestellt hat. Es wäre der wichtigste Teil dieses Werkes gewesen.