"Wir sind eine - bezogen auf Sexualität - hysterisierte und narzisstisch beziehungsgestörte Gesellschaft. Deshalb blühen die Geschäfte mit Sex-Ersatz wie Prostitution, Pornografie und einem Sexmarkt mit 'Spielzeugen' und Potenzmitteln." Solch eine fatale Bilanz zieht der Psychiater, Psychoanalytiker und Chefarzt der Psychotherapeutischen Klinik im Evangelischen Diakoniekrankenhaus Halle Hans-Joachim Maaz.
In seinem neuesten Buch hat sich Maaz mit der Lust beschäftigt und meint, dass eine sexualisierte Gesellschaft - wie die gegenwärtige - eine Form der Lust- und Beziehungsstörung signalisiert. "Was an individueller Hingabe und Liebe nicht mehr gelingt, das soll durch äußere Attribute und hysterisierte Geilheit ausgeglichen werden. Ein solcher Ersatz zeigt immer die Tendenz zu süchtiger Steigerung der Darstellungen und dem Gerede und Getue und vor allem ein nicht zur Entspannung führendes sexuelles Erleben.", so der Autor in einem Interview. Aber gerade die sexuelle Zufriedenheit hat ungeheuer positive Auswirkungen auf den ganzen Menschen und sein Sozialverhalten. Das Intime, so Maaz, ist als Basis für die Qualität einer Gesellschaft zu verstehen.
Ganz so einfach scheint das "das Ding mit der Lust" jedoch nicht zu sein. Die Lustmöglichkeit ist genauso wie die Möglichkeit zu sprechen oder Gefühle zu entwickeln eine anthropologische Tatsache. Ihre Entfaltung muss erlernt und geübt werden. Denn zu viele äußere - Erziehung, gesellschaftliche Normen, moralische Werte -, aber auch innere Einflüsse - Ängste, Unsicherheit oder Minderwertigkeitsgefühle - wirken auf Lustentfaltung und Lusterfahrung.
Das Hauptanliegen des Buches ist, die innerseelischen und beziehungsdynamischen Gründe der Lustbehinderung zu verstehen. Hans-Joachim Maaz nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. In einer offenen Atmosphäre und mittels einer unverklemmten, "schamlosen" Sprache, die jedoch niemals Seriosität und den fundierten wissenschaftlich-psychologischen Hintergrund vermissen lässt, versucht er den Leser zu animieren, einmal tief in sich zu schauen, sich zu reflektieren und eine ganz individuelle erotisch-sexuelle "Sprache" zu erlernen, "die aus der Selbsterfahrung erwächst und eigene Wahrnehmungen, Wünsche, aber auch Unangenehmes kommuniziert".
In mehreren Kapiteln erörtert Maaz die wesentlichen Inhalte einer "Lustschule". Diese beinhalten - grob umrissen - die wesentliche Verbesserung der Sexualität durch Beziehungserleben (aber auch deren Behinderung) und die Einsicht, dass Sexualität körperlich (muskulärer Freiraum für energetische Ladung), psychisch (Konfliktbefreiung) und beziehungsdynamisch (Zurücknahme von Übertragungen aus belastenden frühen Beziehungserfahrungen mit den Eltern) gelernt werden muss.
Als Ratgeber im herkömmlichen Sinn, von denen es mittlerweile unzählige auf dem Markt gibt, ist das Buch allerdings nicht zu verstehen, sondern es richtet sich an die Leser, die bereits erlebt und verstanden haben, dass nur eine ständige persönliche Reflektion und sich mit anderen Menschen in Beziehung zu setzen der richtige Weg ist und nicht das ständige Konsumieren von medialen Angeboten, nach denen dann gehandelt wird. Denn, so der Autor, "das Anrichten der Speisen und ihre Zusammenstellung zu einem Menü bleiben dem Geschmack, der Phantasie und der Experimentierfreude des jeweiligen Kochs überlassen."
Fazit:
"Die neue Lustschule" von Hans-Joachim Maaz bietet eine lohnende und sinnvolle Orientierung für ein lust- und liebevolles Leben. Deren "Anwendung" oder Umsetzung bleibt eine lebenslange Aufgabe, die sich jedoch ohne Zweifel lohnen kann. Denn: "Je mehr guter Sex, desto weniger Neurose - je weniger Neurose, desto besser der Sex." (H.-J. Maaz). Ein empfehlenswertes, intelligentes Buch, ein Plädoyer für die Lustschule, auch wenn der Autor - und das sei als einziges Manko zu vermerken - die Intimrasur als Absurdität und Abnormalität abstempelt.