Hilfe! Als Mann stelle ich bei der Lektüre des Buches fest, wie oft ich selbst durch "weiblich" zugeschriebenes Verhalten mir im Weg stehe. Das Buch zeigt in streckenweise recht bissiger, aber humorvoller Weise auf, wie die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau zwar formallrechtlich weitgehend verwirklicht ist, jedoch das wahre Leben noch immer oft verfehlt. Am Anfang und am Schluss des Buches bringt Thea Dorn in Essay-Form ihre eigenen Erfahrungen und Gedanken ein. Der grosse mittlere Teil gibt die Vorstellung von elf Frauen sowie je ein Interview mit denselben durch Thea Dorn wieder. Dabei pflegt Thea Dorn einen Diskussionsstil und nicht einen reinen Abfragestil. Die Leserin und der Leser spürt so auch die Interviewerin selbst, ohne dass diese sich aber in der Vordergrund drängen und die interviewten Frauen erdrücken würde (was wohl bei der Mehrheit derselben auch kaum möglich ware). Die zwölf Frauen (Thea Dorn und die Interviewten) sind allesamt in den 60er- und 70er-Jahren des 20. Jahrhundert geboren worden und haben deshalb die 68er-Bewegung nicht aktiv miterlebt. Sie haben sehr verschiedene Berufe (Köchin, Bergsteigerin, Berufsberaterin, Anwältin, Minensucherin, Fernsehmoderatorin, usw.), wobei die im Kultur- und Medienwesen Berufsaktiven recht stark vertreten sind, wohl weil Thea Dorn sich selbst in diesem Umfeld betätigt. Ein Teil dieser Frauen sind Mütter, andere nicht. Die familiäre Herkunft ist recht gemischt. Gemeinsam haben alle, dass sie beruflich und gesellschaftlich aktiv sind (was nicht heissen muss, dass sie nicht in der Lage wären, ihren eigenen Haushalt unter Kontrolle zu halten) und dass sie sich zur gesellschaftlichen und geschlechterspezifischen Themen ihre eigenen Gedanken machen und diese auch formulieren können. Und sie sind allesamt auch fähig, eigene Schwächen zu erkennen und zu diesen zu stehen. Auf diese Weise zeigen sich zwölf starke Frauen.
Obwohl selbständige Frauen und ihre Erfahrungen und Gefühle Thema des Buches bilden und die Männer über weite Strecken nicht eben gut wegkommen, empfinde ich das Buch keineswegs als männerfeindlich. Im Gegenteil scheint mir die grosse Gruppe von Frauen, die resignieren, die eben gerade als schwach erscheinen möchten, um geliebt zu werden oder Herausforderungen und Schwierigkeiten im Leben ausweichen zu können, wesentlich frontaler angegriffen zu sein. Letztlich verstehe ich das Buch als Aufruf zu einem eigenständigen, eigen- und sozialverantwortlichen Leben allgemein, ob dies nun Frauen oder Männer betrifft.