"Marketing 3.0: From Products to Customers to the Human Spirit" heißt der Originaltitel von Philip Kotlers neustem Buch. Und auch wenn "Marketing 3.0" eine der bekannten Leerformeln dieser Branche ist, trifft das Original den Inhalt besser, weil das Wort "Spirit" darin vorkommt. Der amerikanische Marketingpapst sagt denn auch gleich im Vorwort, dass die neue Dimension darin bestehe, menschliche Ängste und Wünsche wahrzunehmen, die in Kreativität, Kultur, Erbe und Umwelt wurzeln. Wenn der Guru solches sagt, ist dies für mich eine besondere Genugtuung, werden doch Ansätze wie Storytelling und Neuromarketing von der offiziellen Lehre noch immer belächelt. Oder anders gesagt: Solange am Bild vom Homo oeconomicus verbissen festgehalten wird, wird die neue Dimension in den Ausbildungsstätten nicht wahrgenommen. Und ich kann mich noch an die Diskussion nach einem Referat erinnern, in der mir ein Zuhörer sagte, zuerst müsse Philip Kotler den Segen erteilen, bevor solche Konzepte akzeptiert werden. Da bin ich ja gespannt, was die Absolution des Marketingpapstes alles auslöst.Und wann.
Obwohl Philip Kotler einen Teil seiner früheren Theorien ebenfalls auf den Prüfstand stellt, hütet er sich davor, ein neues Vokabular zu übernehmen. Im ausführlichen Register sucht der Leser daher vergeblich nach Begriffen wie Brain Script, Metapher, Neuromarketing, Storytelling, Emotionen oder Rituale. Mit dieser Vermeidungsstrategie befindet er sich in guter Gesellschaft, weigert sich doch auch Prof. Dr. Dr. Heribert Meffert, den Wortschatz der traditionellen Marketinglehre auszuweiten. Das ist umso bedauerlicher, als an der Harvard Business School ein Gerald Zaltman seinen Studenten die Erkenntnisse der Neurowissenschaftler schon lange zumutet. Ganz so neu ist die neue Dimension also nicht.
Philip Kotler trägt den Inhalt in drei Teilen vor. In "Trends" heißt er seine Leser zuerst im Marketing 3.0 willkommen, erklärt es, macht dann eine kurze Retrospektive auf die letzten 60 Jahre des Marketings und erläutert, warum die Zukunft horizontal und nicht mehr vertikal ist. Am Schluss des ersten Teils erfährt der Leser, dass Marketing 3.0 die Vermarktung von Sinn bedeute. "Strategie" lautet der Titel des zweiten Teils. Wie kann die Mission beim Verbraucher vermarktet werden, wenn die Verbraucher die neuen Besitzer der Marke sind? Was sind Werte und wie beeinflussen sie gemeinschaftliches Verhalten? Wer sind die Vertriebspartner im Marketing 3.0, wenn Kooperationszwang herrscht? Wie bringt man Nachhaltigkeit und Shareholder-Value zusammen? Und welche wirtschaftlichen Argumente sprechen für Marketing 3.0? Nach den Antworten auf solche und andere Fragen folgt der dritte Teil "Anwendungen". In ihm werden verschiedene Schritte zum soziokulturellen Wandel vorgestellt, Entwicklungen in den Schwellenländern unter die Lupe genommen, ökologische Nachhaltigkeit und Zielgruppen für grünes Marketing besprochen. Im 10. Kapitel gibt es dann eine Zusammenfassung in zehn Glaubenssätzen.
Mein Fazit: Schön, wenn auch der Marketingpapst zur schnelleren Verabschiedung des Homo oeconomicus beiträgt. Und da sein Wort in der Branche so viel gilt, ist damit zu rechnen, dass neue Ansätze wie Storytelling oder Neuromarketing künftig auch in die Lehrpläne der Ausbildungsstätten aufgenommen werden. Fünf Bewertungssterne erhält Philip Kotler von mir, weil er Neues aufnimmt, mit Bekanntem verbindet und so den Weg für eine neue Dimension im Marketing freimacht.