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Und wie diese Geschichten erzählt werden! Antunes hat eine Erzählweise gefunden und zur Perfektion gebracht, die ohne Beispiel ist: er schreibt Sätze über dreieinhalb Buchseiten, Sätze, in denen sich mehrere Erzählebenen, Vergangenheit und Zukunft, Realität und Fiktion, direkte Rede und Gedankengänge - nur durch Kommata getrennt - überlagern und ineinander verweben, in einer Weise, dass man bei der ersten Begegnung mit diesem Stil ratlos und überfordert das Buch zur Seite legen oder genauer: an die Wand werfen möchte.
Aber man tut es nicht (sollte es nicht tun), denn dieses Buch zieht einen in seinen Bann. Man merkt mit jeder Seite, mit jedem Satz, dass hier nicht einer einfach anders schreibt, um aufzufallen, sondern dass hier ein Autor ist, der wie besessen schreibt und der sich mit dem selbstverständlichen Recht des besonderen Talents über die hergebrachten Formen hinwegsetzt, so, wie z.B. Picasso sich über die Gesetze der Perspektive hinweggesetzt hat. Das Weiterlesen wird zur Sucht und man taucht ein in diese Welt, in der es nur Traurigkeit, Unglück und Verzweiflung zu geben scheint und findet sich am Ende selbst gefangen in dieser alles durchdringenden Traurigkeit.
Es ist vielleicht absurd, aber manchmal kann ein Buch zu gut sein, um fünf Sterne zu erhalten, jene fünf Sterne, die ich nur Büchern zuordnen will, die mir besonders viel bedeuten und(!) die ich immer wieder lesen möchte. Aus diesem Grund muss ich Antunes hier Unrecht tun und nur vier Sterne vergeben, denn die Leseerfahrung war so intensiv und verstörend, dass ich zum ersten Mal froh bin, dass es auch weniger geniale Autoren, einfache Geschichten und fröhliche Bücher gibt, die einen Atem holen lassen. Ein solches werde ich im Anschluss lesen, bevor ich mich mit Sicherheit weiteren Büchern von Antunes zuwende. Aber wenn mich jemand nach einem Nobelpreiskandidaten fragen würde, wüsste ich einen Namen.
Das Thema von Antunes ist die Salazar-Zeit. Auch wenn die Diktatur zum Zeitpunkt der Handlung bereits vorbei ist, spürt man die Auswirkungen auf das Leben der Menschen noch immer. Die große Gemeinsamkeit der Personen in diesem Buch (und auch allen anderen Büchern, die ich von Antunes kenne) ist, daß alle Unglücklich sind. Die Personen und Ihr Leben sind todtraurig, manchmal aber auch gleichzeitik grotesk, wie z. B. der ehemalige Geheimpolizist, der nun versucht, mit einem "Fernkurs in Hypnose" Geld zu verdienen und der das Fliegen von hypnotisierten Menschen als das Transportmittel der Zukunft anpreist. Dabei ist das Buch so wunderschön geschrieben, daß man sich trotz des Elends beinahe wünscht, in dieser Welt Leben zu dürfen.
Fazit: Unbedingt lesen und sich vor allem am Anfang nicht entmutigen lassen. Es wird mit jedem Kapitel und mit jedem Buch von Antunes einfacher. "Das Handbuch der Inquisitoren" vom selben Autor ist übrigens genauso genial wie "Die natürliche Ordnung der Dinge".
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