Was für ein kurzweiliger, und doch hintersinniger, Genuss! Das ist für mich Unterhaltungsliteratur im allerbesten Sinne. Dennoch finde ich, dass man dieses Buch, auf sich allein gestellt, nur schwer verstehen kann - oder, anders ausgedrückt, es entgehen einem Informationen, wenn man es nicht als Teil einer Reihe betrachtet.
Der mehr als verschrobene Psychiater Dr. Ichiro Irabu aus Tokio hat die Literaturszene schon in zwei vorherigen Bänden gründlich aufgewirbelt: in "Die seltsamen Methoden des Dr. Irabu" und "Die Japanische Couch", wobei der Autor sogar für letzteres einen Literaturpreis in Japan erhielt. Ach, ich kann sie so gut verstehen, die Japaner. Dieses so auf Etikette und Hierarchien bedachte, strebsame Volk kann gar nicht anders, als angesichts der schrillen Persönlichkeit dieses literarischen Charakters und seiner bisweilen haarsträubend komischen Methoden in schallendes Lachen auszubrechen - auch wenn sich der Humor für einen Westler manches Mal erst auf den zweiten Blick erschließt.
Da ist erst einmal der Arzt an sich. Es wird durch die Beschreibungen nicht ganz klar, ob er seinen Doktorgrad wirklich erworben hat, oder ob er nur im Untergeschoss dieser ominösen Klinik residieren darf, weil Papi im Vorstand sitzt. Doch das ist eigentlich auch völlig unerheblich, und trägt eher zur Würze der Handlung bei. An Irabu scheiden sich einfach die Geister, vor allem die seiner Patienten: er ist dick, vorlaut, stellt sich oft einfältig, er ist verfressen und auf Statussymbole bedacht, er freut sich an Streichen wie ein kleines Kind, er ist ein Spritzen-Fetischist, und er unterhält ein eigentümliches Verhältnis irgendwo zwischen Abhängigkeit und Antagonismus zu seiner Sprechstundenhilfe Mayumi.
In den ersten beiden Bänden sind die Geschichten kürzer, und sehr bunt gewürfelt. Pro Band 6 oder 7 Geschichten sorgen für starke Heiterkeitsausbrüche. Die Patienten kommen eigentlich nie freiwillig zu Irabu, sondern werden durch kuriose Notlagen dazu gezwungen - weil ihn dann doch irgendjemand empfiehlt, oder weil sie einfach nicht mehr weiterwissen. Es sind Menschen aus allen Schichten der japanischen Gesellschaft, und insofern kann man sie auch als einen repräsentativen Querschnitt verstehen, den der Autor vor den Lesern ausbreitet - sie sind "Typen" viel eher als Charaktere. Die Symptome reichen von Handy-Sucht über eine Dauer-Erektion bis hin zu zwanghaftem Schwimm-Training. Wie gesagt, es sind kuriose Notfälle des Alltags, die Irabu mit sehr außergewöhnlichen Methoden stets zu heilen weiß.
Als ich dann in der Buchhandlung las, dies sei der dritte und letzte Band der Reihe, dachte ich mir, dass sich der Autor dann bestimmt etwas Besonderes für diesen Band hat einfallen lassen. Und richtig. Die Unterschiede sind zunächst eher oberflächlicher Natur: hier sind es nur vier Geschichten, und alle sind wesentlich länger. Fast schon Novellen, keine Kurzgeschichten mehr - besonders die letzte, "Bürgermeisterwahl". Zweitens sind die vier ratsuchenden Personen hier doch nicht ganz so zufällig ausgesucht wie die "Helden des Alltags" aus den vorherigen Bänden. Mir scheint es, es sind speziell vier Menschen porträtiert worden, die Japan konkret darstellen sollen, wie es heute ist - vier Charaktere, die erstens einmal wirklich ausführlich als solche porträtiert werden, und die aus genau den vier Bereichen stammen, die die japanische Öffentlichkeit zur Zeit umtreiben: ein Zeitungsmagnat und Besitzer einer Baseballmannschaft, ein Emporkömmling aus der IT-Branche, eine erfolgreiche Schauspielerin, und ein mittlerer Verwaltungsangestellter.
Was ganz neu ist, ist das Konzept, alle vier Geschichten miteinander zu verbinden. In jeder Geschichte wird auf die vorherige Bezug genommen - der Protagonist erfährt zum Beispiel, Irabu habe vorher den-und-den behandelt. Oder er sei für die Heilung von XY berühmt. Und in der letzten Geschichte erleben wir etwas noch nie Dagewesenes: Irabu verlässt sein stickiges Untergeschoss, und wird als Vertretung auf eine Insel vor der japanischen Küste versetzt. Doch auch dies hat seine Haken: bei der Bewerbung hatte sein Papi die Finger im Spiel, und der hat natürlich verschwiegen, dass Irabu Neurologe und kein Allgemeinmediziner ist... Wie sich Irabu nun mit kränkelnden Alten und sich bekriegenden Politikern mitten im Wahlkampf umgeht, das ist wieder einmal haarsträubend, komisch, und drastisch. In eine andere Umgebung versetzt, fällt dem Leser noch viel mehr auf, wie sehr Irabu sämtliche Vorstellungen von Etikette und Methodik sprengt. Man lacht quasi schon aus Hilflosigkeit!
Mehr möchte ich über die einzelnen Fälle gar nicht sagen. Man erklärt ja schließlich auch keine Witze. Nur einige weitere Besonderheiten möchte ich noch erläutern. Wie bereits erwähnt, sind diese Geschichten einfach epischer. Ein oberflächlicher, auf reine Unterhaltung bedachter Leser könnte sich eventuell sogar langweilen. Aber ich persönlich finde, die ausführlichen Darstellungen aus den Lebenswelten der Helden sind notwendig, um wirklich zu verstehen, wie originell und hintersinnig Irabus Methoden sind. Denn er lässt die Menschen ganz konsequent mit ihren Obsessionen auflaufen, und konfrontiert sie genau mit dem, was sie nicht hören wollen. Zweitens hat mich in diesem Band ungeheuer gefreut, dass der "running gag" mit der obligatorischen Spritze so vielfältig variiert wird! Einmal kommt sogar ein Blecheimer zum Einsatz, der einem unwilligen Patienten schlicht auf den Kopf geschlagen wird. Und - zur Freude vieler Leser, die sich das schon in den vorherigen Bänden wünschten - hier tritt Mayumi endlich einmal stärker hervor. Sie bekommt eigene Szenen, wir erfahren mehr über sie. Und sie trägt sogar manchmal etwas zur Heilung bei.
Für welche Leser ist dieses Buch also geeignet? Sicherlich besser für Leser mit Vorkenntnissen über die japanische Gesellschaft. Auch wären für eine der Geschichten Grundkenntnisse über das japanische, dreigeteilte Schriftsystem von Vorteil. Man sollte sich gefasst machen auf lange Schilderungen von alltäglichen Abläufen aus den Leben der Protagonisten - die jedoch immer wieder drastisch umschwenken, sobald Irabu ins Spiel kommt. Man sollte trockenen Humor und "running gags" mögen. Man sollte ein Faible für Anti-Helden haben. Und man sollte damit leben können, dass die letzte Geschichte quasi "offen" endet. Ein wahrer "Knalleffekt" für dieses Buch - im ganz wörtlichen Sinne... Ach, ich werde Sie vermissen, Dr. Irabu! Sie haben mir einige unvergeslliche Stunden bereitet. Und Mayumi wünsche ich alles Gute für ihre Karriere als Rock-Musikerin...!