Als Kursleiter, der oft mit Promovierenden arbeitet, lese ich berufsbedingt auch Ratgeber für die Erstellung von Doktorarbeiten. Dabei fiel mir vor kurzem dieses nicht mehr ganz aktuelle, bislang aber in keiner neueren Auflage erschienene Buch für angehende Doktoren der Medizin und Zahnmedizin in die Hände. Da ich selbst in den Naturwissenschaften promoviert habe, war ich erstaunt, wie sehr sich die Anforderungen an Dissertationen in den Wissenschaften offenbar unterscheiden. Glaubt man zumindest den Aussagen der Autoren, so liegen die Hauptprobleme für PromovendInnen der Medizin darin, kompetente Betreuer und die relevante Literatur zu finden (S. 11, 39), wie wohl eines der häufigeren Probleme der Doktorväter bzw. -mütter ist, schlampig verfasste Typoskripte vorgesetzt zu bekommen (S. 56). Erstaunt haben mich auch Sätze wie "Das Lesen von Primärliteratur steigert die Kritikfähigkeit erheblich" (S. 18), da ich die Auswertung von Primärquellen bei Doktorarbeiten bisher für unumgänglich gehalten habe. Außerdem fiel mir die mehrfach wiederkehrende Verwendung des Begriffs 'Semesterferien' auf, ohne die sich medizinische Dissertationen anscheinend innerhalb eines Jahres fertig stellen lassen (S. 20).
All diese Dinge sind zumindest in meinem Fach undenkbar, denn ohne Kenntnis des Forschungsstandes und damit der aktuellen Literatur wird man in den Naturwissenschaften gar nicht erst mit einer Dissertation beginnen können, wie man auch den Begriff 'Ferien' in der Promotionsphase, die mindestens drei Jahre dauert, besser vergessen sollte. Und natürlich sind bei bereits formal fehlerhaften Texten erhebliche negative Auswirkungen auf deren Bewertung zu erwarten. Daher habe ich Zweifel, ob das Buch wirklich ein guter Ratgeber ist. Es liefert zwar Hinweise, wie man Literatur sucht, wissenschaftliche Arbeiten aufbaut und worauf man bei empirischen Arbeiten achten muss, doch das alles auf einem aus meiner Sicht sehr oberflächlichen Niveau.
Nun wissen wir aus öffentlichen Diskussionen, dass die alltäglichen Arbeitsbelastungen von Doktoranden der Medizin wahrscheinlich höher sind als die von Doktoranden anderer Wissenschaften. Dennoch sind gewisse Mindeststandards bei allen Dissertationen unumgänglich. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum seit Jahren immer weniger Ärzte ihr Studium mit dem Doktortitel abschließen. Deshalb ist meine Empfehlung an die Mediziner, sich weitere Hilfen aus anderen Ratgebern zu besorgen oder einmal ein Seminar zum Thema 'Wissenschaftliches Arbeiten' zu besuchen, damit es ihnen nicht so geht wie jenem Doktoranden, der im Anhang des Buches schildert, wie sich der Abschluss seiner Dissertation nicht zuletzt aufgrund seiner eigenen Vermeidungsstrategien immer weiter hinauszögerte. Darin dürften sich übrigens auch manche Promovierende anderer Fächer wiedererkennen.