Mit diesem Buch kehrt Bourdieu nicht eigentlich zu früher aufgeworfenen Fragen zurück, er beantwortet sie hier jedoch in einer schärferen Diktion, die ziemlich genau mit seinem zunehmenden politischen Engagement ab Mitte der 1990er Jahre zusammenfällt. Einer meiner Vorrezensenten hat es bereits erwähnt: der Faden, der in "Die männliche Herrschaft" aufgenommen wird, wurde in den ersten Feldstudien in Algerien entsponnen. Wie Bourdieu nicht müde wird zu betonen, war gerade jene außergewöhnliche Experimentalsituation bei den Kabylen derart prägsam, dass erst danach ein schärferer, ethnologischer Blick auf die eigene, westliche Kultur möglich wurde.
Ich würde dieses Buch durchaus als empirische Einzelstudie zu einem Machtphänomen neben vielen in der heutigen Gesellschaft beschreiben. Bourdieus Theorie hat sich stets als kritische Praxeologie verstanden, die nicht allein registrierbare empirische Phänomene sondiert, sondern durch das Aufzeigen von eingeschliffenen, sog. "inkorporierten", also bis in die Haltung, die Sprache und die Gestik verinnerlichten Verhaltensformen als erworbene darzustellen, die wieder abgelegt werden könnten, wenn es die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die Regeln des jeweiligen sozialen Feldes zulassen würden. Wer sich durch "Die feinen Unterschiede" gearbeitet hat, kann hier aufatmen, da nicht noch einmal ein derart umfänglicher und reflektierter Umgang mit der Empirie und ihrer Deutung erzeugt wird. Das Instrumentatrium und einige zentrale Begriffe wie u.a. Habitus, Feld, Modus Operandi & Modus Operatum usf. werden vorausgesetzt, gleichwohl gibt Bourdieu zu Beginn einen leicht verständlichen Überblick über den systematischen Zusammenhang dieser Begriffe (z.B. auch über die symbolische und in der Folge geschlechtliche Zuschreibung von Wörtern der Alltagssprache).
Zur Geschichte und Genese: Tatsächlich hat sich Bourdieu stets schwer getan, einen Intiationspunkt anzugeben, von dem ab bestimmte Ereignisse (z.B. die Ausbildung eines Geschlechterstereotyps mitsamt Rollenverständnis) historisch unumkehrbar wurden. Und gegen Bourdieu wurde dabei auch dessen eigene vermeintliche Tendenz zum Objektivismus (also der Verdinglichung von an sich relativen Begriffen wie "Habitus") in Anschlag gebracht. Jedoch ist es hierbei wichtig zu sehen, dass die Verwendung des Begriffsystems zunächst in einer rein modellhaften Konstellation von ihm exerziert wird: die totale bzw. ungefilterte männliche Herrschaft sei ebenso wenig überall und jederzeit vorfindlich wie z.B. die Konstanz der Reproduktionsmechanismen im akademischen Feld (Routinen der Berufung und Lobpreisung einzelner Wissenschaftler, bestimmter Fakultäten usf.). An dieser Stelle spricht sich die empirische Habitus/Feldtheorie gegen einen "Hyperempirismus" (Bourdieu) aus. In der Soziologie wird er daher immer gern dem Poststrukturalismus zugeordnet, was in diesem Falle bedeutet: Ablehnen einer stringenten Metatheorie, aus der sich alles schematisch ableiten ließe, bei gleichzeitiger Kritik eines reinen Positivismus und Behaviouralismus. Bourdieu ist insoweit "Poststrukturalist", als dass er das Denken in asymmetrischen Gegenbriffen wie Subjekt/Objekt verwirft und für ein Dazwischen eintritt, das feldspezifisch stets neu ausgehandelt werden kann. Dass einzlene soziale Felder (z.B. Universität, Ökonomie oder auch Sport) dennoch sehr träge sind und ein Wandel der internen Macht- und Herrschaftsstrukturen kaum voran geht, liegt nicht zuletzt an Mechanismen und wirksamen Interessen, deren Zusammensetzung ausführlich in "Die feinen Unterschiede" ermittelt und illustriert werden. An dieser Stelle verwirft Bourdieu Marx auch gar nicht, sondern setzt dessen Analyse des Kapitalismus voraus. Die von Bourdieu empirisch angepasste Klassentheorie (er arbeit mit drei sozialen Klassen: Unterschicht, Kleinbürgertum und Herrschender Klasse) wird auch in "Die männliche Herrschaft" vorausgesetzt.
Als unbefangener Leser würde man sich wünschen, dass Bourdieu mehr Sorgfalt auf die Darstellung der klassenspezifischen Zugangsweisen zur Herrschaft legt. Weil dies nur andeutungsweise erfolgt, kann das Werk daher als theoretischer Rückfall missdeutet werden, was es jedoch nicht ist. Es handelt sich um eine Einzelstudie, die eigentlich noch um etliche weitere (u.a. zur Kunstproduktion) hätte ergänzt werden sollen, wäre Bourdieu nicht so rasch verstorben. Es bleibt unabhängig davon anknüpfungsfähig im Rahmen von Foucaultscher Machtanalytik (man vergleiche die Arbeiten Foucaults zu "Sexualität und Wahrheit") wie auch Judith Butlers, auch wenn die Letztgenannten eine überhistorische Kategorienkritik liefern. "Die männliche Herrschaft" ist Gesellschaftskritik und fordert jeden Leser und jede Leserin auf, die affirmativen und gewaltvollen Momente der alltäglichen Kommunikation (nicht erst der physischen Dominanz) kritisch zu reflektieren, ohne dabei allein die Rolle des Herrschers umzukehren. Insoweit ist auch die Vergabe von Bewertungssternen eher fehl am Platz. Da aber Aufmerksamkeit für ein Buch gerade auch über diesen Modus gestärkt oder gar erst erzeugt werden kann, vergebe ich notgedrungen auch fünf Sterne um anzuzeigen, dass ein Griff zum Buch etliche Einsichten in die Funktionslogik von Herrschaft gibt, wo man Herrschaft gar nicht vermutet bzw. diese heute als (im Geschlechterverhältnis) als weitgehend liberalisiert gilt.