| ||||||||||||||||||||||||
Produktinformation
|
Wo immer man ein Literaturblatt aufschlug: Jubel über den neuen Star. Und die Kritiker blieben mit ihrer Begeisterung nicht allein. Das Buch wurde gekauft. Nach wenigen Monaten, zum Jahreswechsel 1988/89, waren schon rund 150 000 Exemplare gedruckt, der Titel kam auf die Bestsellerliste. Zwar gab es auch die eine oder andere Gegenstimme so sprach Joachim Kaiser in der Süddeutschen Zeitung dem Roman gerade das ab, was ihm landauf, landab nachgerühmt wurde: Sprachmächtigkeit, stilistische Bravour , aber dem nachhaltigen Erfolg des Buches konnte das nichts anhaben. In der deutschen Literatur der achtziger Jahre, resümierte 1990 der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger (in der damals von ihm herausgegebenen Anderen Bibliothek war das Werk publiziert worden) stehe der Roman wie ein Findling da.
Ransmayr ist Jahrgang 1954, Die letzte Welt sein zweiter Roman. Die große Aufmerksamkeit der Kritiker für dieses Buch war kein Zufall: Der Autor galt nach seinem Romandebüt mit dem sprechenden Titel Die Schrecken des Eises und der Finsternis als eine Art Geheimtipp; dieses Buch kam 1984 heraus und hatte bereits hervorragende Kritiken. Thema ist eine Nordpolexpedition im 19. Jahrhundert, die im ewigen Eis stecken zu bleiben droht (die Geschichte basiert auf historischen Begebenheiten). Viele Motive des neuen Romans sind in diesem ersten schon angelegt, etwa das Spiel mit den Aufzeichnungen, die verlorenzugehen drohen. Einer der Teilnehmer der Expedition schreibt, als kaum noch Hoffnung auf Rettung ist, in sein Notizheft (ein authentisches Zitat, das Ransmayr übernommen hat): Mein ganzes Sinnen und Trachten geht nur darauf aus, die Journale derart deponieren zu können, dass sie im kommenden Jahr aufgefunden werden
Ransmayr, der sich lange Zeit mit dem Gedanken trug, Ovids Metamorphosen, das Buch der Mythen und Verwandlungen, neu zu übersetzen, mag sich eines Tages gefragt haben: Was würde fehlen, wenn dieses Werk der Weltliteratur nie geschrieben worden oder verschollen wäre? Abwegig ist dieses Gedankenspiel keineswegs, denn der Dichter Ovid (43 v. Chr. bis um 18 n. Chr.) wurde verbannt, er musste sein geliebtes Rom verlassen, aus Schmerz und Empörung darüber verbrannte er demonstrativ eine Abschrift seiner Metamorphosen. Genug historischer Stoff, um ein neues Spiel der Verwandlungen in Gang zu setzen.
Bei Ransmayr wird Ovid, mit seinem Beinamen Naso genannt, wegen einer politischen Unbotmäßigkeit bis ans Schwarze Meer gejagt. Von seinen sagenumwobenen Metamorphosen existieren hier im Roman nur Gerüchte, bald heißt es daheim in Rom, der Dichter sei gestorben. Sein Freund Cotta macht sich auf, um Autor und Werk im fernen, gottverlassenen Tomi nachzuspüren. Er gerät in eine bizarre Szenerie, und er wird, wie es scheint, selbst Teil der sagenumwobenen Dichtung, ein Verwandelter. Das alles ist in einer sehr kunstvollen, kristallklaren und marmorkalten Sprache gezeichnet; von Wärme und Wohlbehagen keine Spur. Ransmayrs Roman ist eine abgründige Endzeitvision: Bücher verschimmelten, verbrannten, zerfielen zu Asche und Staub; Steinmale kippten als formloser Schutt in die Halden zurück, und selbst in Basalt gemeißelte Zeichen verschwanden unter der Geduld von Schnecken. Die Erfindung der Wirklichkeit bedurfte keiner Aufzeichnungen mehr.
Wie von weit her betrachtet, aus einer fernen Zukunft, kommt diese Letzte Welt daher als ob bei einer Zeitmaschine die Feinabstimmung nicht richtig funktioniert hat: Echos aus verschiedenen Epochen überlagern sich. Der historische Ort ist nicht exakt zu bestimmen. Ein Rom am Beginn unserer Zeitrechnung, in dem es Telefone gibt? Eine Stadt namens Tomi, neben der der Olymp aus dem Boden wächst? Wann war das? Wann wird das sein? Auch die Zeiten sind in steter Verwandlung begriffen.
Im Grunde enthält der Anfang des Romans schon das Bauprinzip der Letzten Welt: Ein Orkan, das war ein Vogelschwarm hoch oben in der Nacht; ein weißer Schwarm, der rauschend näher kam und plötzlich nur noch die Krone einer ungeheuren Welle war, die auf das Schiff zusprang. Kein Zustand ist von Dauer, oder wie es bei Ovid (in der Prosaübersetzung Michael von Albrechts) heißt: Es gibt im ganzen Weltkreis nichts Beständiges. Alles ist im Fluss, und jedes Bild wird gestaltet, während es vorübergeht. Ja, auch die Zeiten gleiten in ständiger Bewegung dahin, nicht anders als ein Strom. Denn stillstehen kann weder der Fluss noch die flüchtige Stunde, sondern wie die Woge von der Woge getrieben wird und im Herankommen zugleich gedrängt wird und die Vorgängerin verdrängt, so fliehen die Zeiten und folgen zugleich. Stets sind sie neu; denn was vordem gewesen ist, das ist vorüber; es wird, was nicht war, und jeder Augenblick entsteht neu.
Ransmayr, der im österreichischen Wels geboren wurde, arbeitete zunächst als Reporter, und er hat die Form der Reportage auch späterhin gepflegt, nachdem er als Romanschriftsteller längst Erfolge verzeichnen konnte. Er ist alles andere als ein Stubenhocker, dessen Werke lediglich im Umgang mit anderen Büchern entstehen. Er geht hinaus, spricht mit Menschen, liebt aber auch die Einsamkeit, die Natur fernab der Zivilisation; er braucht Raum und Zeit, um seine Bücher entstehen zu lassen. Lange Wanderungen sind ihm wichtiger als die ständige Präsenz auf dem Buchmarkt. Auf die Frage nach dem nächsten Roman antwortete er drei Jahre nach Erscheinen der Letzten Welt fast ein wenig unwirsch: Darauf können Sie lange warten. Ich habe keine Ambition, so schnell in irgendeine Art von Öffentlichkeit zurückzukehren. Es gibt doch keinen größeren Luxus, als Zeit zu haben und mit einer Arbeit auch über Jahre hinweg allein zu sein. Der Ovid in seinem Roman, so erklärte mir Ransmayr 1991 in einem der seltenen Interviews, die er autorisiert hat, sei alles andere als ein Held, sondern ein luxussüchtiger, beifallsüchtiger Mann. Sein Naso sei einer, der unter Sonnenschirmen in der Nähe der großen Stadien sitzt und verzückt dem Aufrauschen des Beifalls lauscht und dieses Rauschen als Musik empfindet. Aber die Wahrheit, die Größe seiner Dichtung bleibe von seiner Eitelkeit ¬einer kindischen, maßlosen Eitelkeit unberührt.
In Ransmayrs Roman hält Publius Ovidius Naso seine Rede im neuen, aus Kalkstein und Marmorblöcken aufgetürmten Stadion Roms, zur Zeit des Kaisers Augustus. Rund 200 000 Römer verfolgen die aufrührerische Parabel von der Pest, vom Volk, das vergeht und durch Heere von Ameisen wieder körperliche Gestalt gewinnt, als Sklavenvolk aufersteht, eine Rede über die Bewohner von Aegina dem römischen Volk nicht unähnlich, wie Naso am Ende eigens betont. Zwar hat Augustus, der Herr des Römischen Reiches, die Ansprache verschlafen und beschenkt den Dichter wie die Lobredner mit silberbeschlagenem Zaumzeug, doch am Hof beginnt eine Zeit der Dossiers und Aktenvermerke. Von Augustus gibt es auch später keinen Kommentar zu Ovids Rede. Eine undeutliche Handbewegung am Fenster, durch das er ein Nashorn in seinem Garten beobachtet: Das ist alles, was von ihm kommt. Diese Handbewegung aber wird am Hof beredet und interpretiert. Eine Deutung setzt sich durch und verfestigt sich zum Strafspruch: Verbannung für Naso, den Dichter an die Grenze des Reiches, jenseits aller Zivilisation.
Jahre später macht sich Cotta auf die Reise. Die Schiffspassage nach Tomi ist beschwerlich, erschöpft taumelt Cotta an Land. Die Suche nach dem Dichter gestaltet sich schwierig. Ja, man habe von ihm gehört, ihn gesehen, sagen die Bewohner, die Tereus, Fama oder Arachne heißen, doch mehr ist aus ihnen nicht herauszubekommen. In der Ruinenstadt Trachila findet Cotta die erste Spur, ein Steinmal, an dessen Spitze ein beschrifteter Stofffetzen hängt. Aber lässt sich auf Cottas Wahrnehmungen überhaupt bauen? Merkwürdige Verwandlungen geschehen um ihn her. Er selbst scheint ein anderer zu werden. Oder wird auch er, fern von Rom, ganz einfach verrückt? Am Ende wird Tomi für ihn zu einer menschenleeren Welt, einer Stadt, die unter der Vegetation zu verschwinden beginnt.
Ransmayrs Roman geht frei mit den historischen Fakten und literarischen Vorbildern um. Der römische Dichter Ovid hat natürlich niemals in Mikrofone gesprochen, er hat gewiss auch keine aufrührerischen Reden gehalten. Er stand die meiste Zeit seines Lebens mit dem Kaiserhaus auf gutem Fuß. Wäre er nicht Dichter geworden es hätte ihm eine politische Karriere gewinkt. In den Metamorphosen, seinem Hauptwerk, feiert er den regierenden Augustus als Krönung der Menschheitsgeschichte, als Kaiser, der es verdiene, ein Gott zu werden. Freilich wäre Ovid ohne Weiteres imstande gewesen, eine große Rede zu halten: Er hatte wie jeder Römer eine gründliche rhetorische Ausbildung erhalten.
Und Ovid ist auch tatsächlich verbannt worden im Jahre 8 unserer Zeitrechnung, nach Tomi ans Schwarze Meer (dem heutigen Constanta). Warum, weiß man nicht genau. Offiziell hieß es, dass Ovids Liebeskunst Augustus, der die Ehe aufgewertet wissen wollte, missfallen habe das freizügige Werk war allerdings schon Jahre zuvor erschienen. Fast gleichzeitig mit dem Dichter wurde eine Enkelin des Kaisers verbannt; das führte zu der Vermutung, Ovid könne womöglich etwas über deren Lebenswandel ausgeplaudert haben. Seit vielen Jahren hatte der Dichter als prominenter und geachteter Mann in Rom gelebt, bevor ihn das Urteil traf: keine regelrechte Verbannung, da er Haus und Vermögen behalten durfte aber doch der endgültige Abschied von der geliebten Stadt.
Und so war es wohl eher eine Verklärung, wenn Goethe in seinen Maximen und Reflexionen schrieb: Ovid blieb klassisch auch im Exil: Er sucht sein Unglück nicht in sich, sondern in seiner Entfernung von der Hauptstadt der Welt. Einer der wenigen in Rom, die dem Verbannten die Treue hielten, war sein Freund Cotta Maximus Messalinus. Nachgereist freilich ist er dem Dichter nicht.
Der Roman Die letzte Welt beginnt mit der fiktiven Reise Cottas nach Tomi. Schon der erste Satz gibt das Tempo vor, schon hier klingt unaufdringlich das Motiv der Verwandlung an (der Vogelschwarm, der eine Welle ist). Was vorher geschehen ist, die Verbannung Nasos, wird in Rückblenden eingefügt. Ovid selbst taucht, außer in den Erinnerungen Cottas und der Bewohner von Tomi, im Roman nicht auf. Einmal scheint es zwar, als hätte Cotta ihn gefunden doch das ist eine Täuschung, von Ransmayr großartig in Szene gesetzt.
Der Verlust ist der Ausgangspunkt dieses Romans. Cotta sucht Gewissheit über das Schicksal seines Freundes, sucht Spuren des Dichters, ein wenig gewiss auch das Abenteuer, gelangweilt von der Metropole Rom. Gesucht wird hier vor allem ein Buch, ein Buch, von dem nur wir wissen, dass es existiert. Wer Die letzte Welt mit der Lektüre der Metamorphosen im Hintergrund liest, vermag zu erkennen, dass im Laufe von Cottas Suche die Grenzen zwischen dem Suchenden und dem Gesuchten verschwimmen.
Es gibt keine Auflösung, nur ewige Verwandlung in diesem Roman, neue Rätsel auf jeder Stufe, immerwährenden Verlust und Neugewinn. Ein Buch über das Ende aber welches Ende? Ein Buch über den Fluss der Zeit doch eine Bewegung in welcher Richtung? Ein Buch über den Verlust der Dichtung und neue Dichtung! Am Ende bleiben lauter Fragen: Hat sich der Kreis geschlossen? Sind wir wieder am Anfang? Ist der Film rückwärts gelaufen? Der Olymp überragt erneut die Welt, jener Berg, den Götterzorn zu Beginn von Ovids Metamorphosen, noch vor der Geburt der Menschheit, zertrümmert hat. Die Welt wird wieder Natur, und der Bürger Roms, der Verrückte, der Suchende, verschwindet in ihr.
Auch der Schriftsteller Ransmayr ist einer, der gern verschwindet, sich aus dem Getriebe der Welt (und des Literaturbetriebs) zurückzieht. Und wie er es vor 15 Jahren angekündigte, hat er sich für seine Romane viel Zeit gelas¬sen. Erst 1995, sieben Jahre nach der Letzten Welt, erschien sein traumverloren-zeitenthobenes Nachkriegs¬fres¬ko Morbus Kitahara, und noch einmal elf Jahre sind vergangen, bis er im Herbst 2006 wieder mit einem Roman zur Stelle ist: Der fliegende Berg. In der Zeit dazwischen publizierte er kleinere Prosabücher mit Reden und autobiografischen Texten wie Die dritte Luft (1997) oder Geständnisse eines Touristen (2004) und ein Theaterstück (Die Unsichtbare), das 2001 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt wurde.
Öffentliche Auftritte sind ihm anders dem Ovid seines Romans ein Greuel: Er sei ja kein Prediger, kein Redner, sondern eben Schriftsteller, sagte er schon 1991 in unserem Gespräch. Er bevorzuge das Gegenteil davon, für ihn ist das der Erzählraum, in dem der Schriftsteller mit sich und seiner Sprache, seinen Geschichten allein ist und sich alle Zeit, alle erforderliche Zeit, nehmen kann, um das, was er sagen will, zum Ausdruck, zur Sprache zu bringen, zu seiner Sprache. Am Ende einer solchen Anstrengung steht vielleicht ein Roman, eine Erzählung, irgendeine literarische Arbeit, die im günstigsten Fall eine Art Museum lichter Momente ist, die sich über die Jahre hin eingestellt haben. Und Ransmayr fügte rasch hinzu: Aber wie viele lichte Momente hat man schon!
Nachwort von Volker Hage zu Die letzte Welt. SPIEGEL-Edition Band 25 -- Der Spiegel -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
In "Die letzte Welt" lässt der Autor den Römer Cotta nach Tomi reisen, um dort nach Spuren des dorthin verbannten Ovid zu suchen. Ihn selbst findet er nicht, dafür gerät er aber zunehmend in die Welt des Ovid selbst. Er trifft Figuren aus dessen "Metamorphosen" und entfernt sich immer mehr von der Realität, während er tiefer und tiefer in die künstliche Welt Ovids eintaucht.
Wie in den anderen Werken Ransmayrs fasziniert auch hier die Sprache, die den düsteren Grundton der Erzählung hervorragend vermittelt und bereits allein den Leser zu fesseln weiß. Die Beschreibung der trostlosen Landschaften um Tomi, der unwirtlichen Gegebenheiten und der verschrobenen Einwohner des Örtchens am Ende der Welt ist einzigartig und würde in einer anderen Formulierung viel verlieren.
Sehr hilfreich ist auch das angehängte ovidische Repertoire, das den mit Ovids Werk nicht vertrauten Leser in dessen Geschichten und Figuren einführt und die Vermischung der Geschichten Ransmayrs und Ovids erst deutlich macht. Somit dient "Die letzte Welt" auch als Lehrbuch, welches die Bedeutung von Ovids Werk im alten Rom veranschaulicht. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
Als Beispiel hierfür möchte ich noch anmerken, daß es mir und meinen damaligen Mitschülern schon bei der ersten Begegnung mit dem Werk dieses Schriftstellers, als wir im Deutschunterricht "Die Schrecken des Eises und der Finsternis" lasen, ähnlich erging. Obwohl unter 26 Schülern nur zwei das Buch rundweg begeistert aufnehmen konnten und mehr als die Hälfte die Lektüre als "schrecklich" empfand, beschäftigten sich alle sehr intensiv und kontovers mit Ransmayr. Gerade die Mitschüler, die mit dem Stil und dem Inhalt ihre Schwierigkeiten hatten, wie etwa mit der bei oberflächlicher Beschäftigung spannungslos erscheinenden Handlung oder der Menge an eigener Phantasie die das Lesen noch erfordert, konnten durch die unwissenschaftliche und unkonventionelle Diskussion, die sich daraus ergab, die entscheidenden Hinweise finden, die der ganzen Klasse einen tiefen Zugang zu einem so spröden Werk ermöglichten. In dreizehn Jahren Schule habe ich so etwas bei keinem anderen Autor erlebt.
Doppelt gelesen hält wohl besser.
|
Das Forum zu diesem Produkt
Fragen stellen, Meinungen austauschen, Einblicke gewinnen Aktive Diskussionen in ähnlichen Foren
Kundendiskussionen durchsuchen
|
Ähnliche Foren
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|
|