Neue Zürcher Zeitung
Tote auf Pauschalurlaub
Christian Mährs Roman «Die letzte Insel»
Mirakel und Phantastisches haben es leicht in Kinderbüchern und in der Malerei. Da müssen Lausbuben und Fabelwesen nicht unter dem Diktat der Wahrscheinlichkeit leben. Peter Pan kennt eine «Insel, die es nicht gibt», und den fliegenden Bräutigamen von Chagall glaubt man ihre Schwerelosigkeit. Schwerer haben es die Wunder in solcher Literatur, die sich als Kunst für die Grossen versteht. Da sollte eine trittfeste Sprache die wunderlichen Akte absichern, selbst wenn sie als Träume deklariert werden könnten. Dies ist nicht immer der Fall in Christian Mährs Roman «Die letzte Insel». Was da in einem Urlaubsparadies im Atlantik an metaphysischem Spuk rund um die Pauschaltouristen geschieht, wird mit zu vielen schalen Sätzen garniert, von der Standardsorte «Sie trank den Kaffee aus und verliess das Hotel». Der stilistische und der fabulierende Ehrgeiz halten einander nicht die Balance.
An Fabulierlust fehlt es Christian Mähr wahrlich nicht. Auch hat er die sprachliche Simplizität des Romans plausibel abgesichert: Der Held und Ich-Erzähler ist nicht nur ein dicklicher Urlauber, sondern auch Autor von einem Dutzend recht erfolgreicher Unterhaltungsromane, der nun in einer Schreibkrise steckt. Seine Freundin eskortiert ihn durch den üblichen Touristenalltag, aber bald erscheinen Zeichen und Wunder. Eine «Insel, die es nicht gibt», taucht auf, die auf keiner Landkarte verzeichnet ist, die nur für fünf Auserwählte sichtbar ist. Von dorther kommt schliesslich eine Invasion der Toten, die sich auf den Badestränden tummeln. Sie werden nur von den fünf Auserwählten gesehen und gehen durch die anderen Feriengäste «hindurch», stecken sie mit einem tödlichen Fieber an, so dass bald die Helikopter der Armee zur Seuchenbekämpfung über dem Pauschalparadies knattern. So dass der Leser sich fragt, ob er nicht doch an einen der Dutzendromane des larmoyant erzählenden Helden geraten ist.
Die atlantische Ferieninsel wimmelt von Figuren aus der österreichischen Gegenwart, vom Millionenbetrüger bis zur Sensationsjournalistin, wie sie selten die Wirklichkeit und häufiger die Boulevardpresse gebiert. An denen reibt sich die grantig müde Ironie des Erzählers, und das ist noch der anregendere Aspekt seiner Misanthropie. Aufreizend langweilig wird es, wenn er die Metaphysik gar zu sehr strapaziert, ohne sich selbst sprachlich anzustrengen, wenn er sich missmutig unter den Gästen aus dem Jenseits umhört. Da «sagte der junge, tote Mann» irgendwas, und dann «mischte der ältere tote Mann sich ein». So plätschert die Form dahin, bis der Inhalt wieder mit einem Spezialeffekt aufwartet, etwa mit dem Auftreten eines mysteriösen Sängers mit «gewissen Fähigkeiten», die an die Taten des Heilands heranreichen.
Nicht die Sprache des Erzählers Christian Mähr vollbringt das halbe Wunder, dass der Roman dennoch bis zum Schluss anregt. Es ist die Neugier auf die unberechenbaren Wendungen der Handlung, die zum Weiterlesen treibt, auf die Tricks und Einfälle, selbst wenn sie nach Schund und Hollywood aussehen. Es ist auch die Lust an der kuriosen literarischen Katastrophe, die zum Durchhalten anstachelt, die Hoffnung und der Zweifel, dass der Autor doch noch die Kurve kriegt. Aber nach so viel Übernatürlichkeit gibt es bei diesem Buch natürlich kein Nachleben jenseits der letzten Seite, kein Nachblättern, kein Suchen und Wiederfinden von bewundernswert kunstvollen oder einfachen Textpassagen. Die Mirakel wurden alle anderswo verpulvert.
Franz Haas
Kurzbeschreibung
Ich sehe was, was du nicht siehst. Was wie ein Kinderspiel beginnt, endet gefährlich: Die letzte Insel. Ein Buch zum Augenreiben.
"Natürlich gibt es keine Inseln, die es nicht gibt." Dennoch taucht vor den Augen einiger Urlauber eine Insel im Atlantik auf, die keine Karte verzeichnet: das sagenhafte San Borondon. Seltsamerweise können nur wenige die Insel sehen - eine kurios zusammengewürfelte Gruppe macht sich auf die Überfahrt, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Einer von ihnen kehrt nicht zurück.
Christian Mähr erzählt, gestützt auf eine kanarische Legende, die Wundergeschichte eines Eilands zwischen Toteninsel und Paradies. Die letzte Insel führt mit lapidarer Komik eine unbekannte Nebenwelt vor Augen. Erst ihr bedrohliches Geheimnis erschüttert die Gelassenheit des Erzählers: Wenn das Schicksal der bekannten Welt auf dem Spiel steht, reicht Ironie allein nicht aus. Er muss die Sache selbst in die Hand nehmen.