Die junge niederländische Autorin Rosita Steenbeek hat sich für ihren Debütroman die Liebe und ihre unterschiedlichen Spielarten zum Thema erkoren.
Suzanne, eine Holländerin, reist nach Rom und lernt dort den älteren Roberto kennen, Sizilaner, Psychiater und Playboy. Er führt sie in das römische 'Dolce Vita' ein. Bald darauf begegnet sie dem Schriftsteller Eduardo (Alberto Moravia), der sie wiederum mit dem berühmten Regisseur Marcello Leoni (Federico Fellini) bekannt macht.
Das spannende an diesem biografischen Roman ist, dass die Autorin aus dem Nähkästchen plaudert, denn sie hat eine kleine Nebenrolle bei Fellini in seinem Film Ginger und Fred gespielt und war eng mit ihm befreundet. Darüber hinaus hat sie eine freundschaftliche Beziehung zu Alberto Moravia bis zu seinem Tod gepflegt, wobei Fellini und Moravia voneinaner wussten. Das Buch atmet Rom aus allen Poren und es ist aufregend, die großen alten Männer aus der frechen und unverkrampften Perspektive einer jungen Frau zu sehen. --Manuela Haselberger
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Unfreiwillig freimütig
«Die letzte Frau» von Rosita Steenbeek
Federico Fellini schätzte noch in den Zeiten der Überreife die Frauen, je flexibler und unbedarfter sie waren. Er entdeckte Susanna Tamaro, deren moralinsaure Herzschmerzplatitüden als Megabestseller über uns hereingebrochen sind. Ungefähr zur selben Zeit, als er der Welt diesen zweifelhaften Segen bescherte, trat eine weitere Dame bei ihm auf, deren Konterfei uns nun folglich auf einem Buchrücken entgegenprangt, der ein weiteres Danaergeschenk umschliesst. Direkt unter ihrem signalhaft femininen Lächeln wird seine Untat zitiert: «Hab keine Angst zu erzählen, was du erlebt, was du erfahren hast . . . Diesen Rat gab Fellini 1990 der jungen Rosita Steenbeek. Das Ergebnis ist das hier vorliegende freimütige Début.» Laut Klappentext hat sie ausgerechnet Susanna Tamaros Bücher ins Holländische übersetzt. Dazu erfährt man, dass sie Artikel schreibt, schauspielert und eine kleine Rolle in «Ginger und Fred» bekam, wahrscheinlich der Anfang des hier zu besprechenden Übels.
Steenbeek schreibt über sich selbst, unverkennbar: «Er schob mein Haar beiseite und legte seine Wange an meine. Wie sehr er mich anzog. Aber ich wagte nicht, dem nachzugeben . . . Welcher Star ist das? fragte der Taxifahrer. Das ist eine niederländische Journalistin. Ich dachte, eine Schauspielerin. Sie ist viel zu klug für eine Schauspielerin.» Lassen wir offen, ob es sich bei diesem Adjektiv um ein gezieltes Selbstmissverständnis des (allerdings studierten) «Stars» oder um ein Missverständnis des Regisseurs Leoni handelt, unter dessen Namen Fellini hier spricht. Bleiben wir besser bei «freimütig» unfreiwillig freimütig. Der Roman offenbart eine peinliche Verwechslung. Als summarische Aufzählung der Avancen berühmter, bejahrter und finanzstarker latin lovers zeigt er, wie eine äusserst bereitwillige, anerkennungssüchtige junge Ausländerin die Verehrer beim Wort nimmt und sich tatsächlich für die interessante, faszinierende, weltkluge Persönlichkeit von obsessiver erotischer Ausstrahlung hält, die ihr die berüchtigten fadenscheinigen italienischen complimenti vorspiegeln. Ohne einen Funken von Selbstzweifel, -ironie oder auch -achtung lässt sie sich, als gelte es, sämtliche frauenverachtenden Vorurteile auf ewig festzuklopfen, brav von jedem mächtigen älteren Herrn heranpfeifen, der sie in seine Wohnung kriegen will. Das geht dann so:
«So, was willst du von mir? fragte er und setzte sich neben mich. Ich erklärte mein Anliegen: Nicht ich war es, die etwas von ihm wollte, sondern ein niederländischer Regisseur . . . Sag Edoardo zu mir, ja? Er drehte sich ganz zu mir um und fragte: Aber du, was tust du . . .? Tja, lachte ich und genoss seine direkte Art. Ich habe Literatur studiert und spiele ab und zu am Theater oder im Film. Und was ich weiter will . . . Ja, weiter schauspielern, zeichnen, Artikel für Zeitungen schreiben. Bei Frauen läuft das alles viel unbewusster ab. Sie wollen sehr viel, wissen aber nie genau, was.» Und warum nicht ein Buch schreiben? So jedenfalls ging es los mit Alberto Moravia, der hier Edoardo heisst, eine Begegnung, die zu dem «berühmt gewordenen Fernsehinterview im Rijksmuseum Amsterdam» führte, mit dem der Klappentext wirbt.
Noch schlimmer ist die Entlarvung durch den Stil, der vernichtend auf die ungebrochene Bekennerin zurückfällt und Argumente ad personam geradezu provoziert. Wenn die Wirkungen ihrer Zärtlichkeit so beschrieben werden: «Er genoss meine Streicheleinheiten und stöhnte leise»; das Einschlafen so: «Ich tauchte sofort ins Unterbewusste»; eine Szene im Nachtklub: «Wir tanzten bittersüss auf Strangers in the Night»; wenn ein Kapitel beginnt: «Das Sommerfestival brach über uns herein»; ein Theaterabend so: «Die zerstörerische Eifersucht von Medea lag über dem Theater und sorgte für Totenstille» dann mag man haufenweise Übersetzungsschnitzer vermuten. Aber Andrea Busch arbeitet hier vermutlich «kongenial». Man lasse nur die folgenreiche Erstbegegnung mit Leonie alias Fellini wirken:
«Das Taxi setzte mich vor einem beeindruckenden Tor ab. Bevor ich klingelte, warf ich einen Blick in den Spiegel. Meine Lippen waren blutrot wie die der Frauen in seinen Filmen. Das Klappern meiner Absätze hallte in der hohen Eingangshalle wider, in der sich eine weitere Tür öffnete. Da stand er also. Mit seinen grossen dunklen Augen schaute er mich aufmerksam an . . .» und die literarische Trivialität lässt sich nur noch als emotionale Dummheit lesen. Hier hält sich eine Folien-Frau für die unwiderstehlich schillernde Geliebte grosser Männer à la Anaïs Nin oder Alma Mahler. Da solche bedeutungslosen Bücher allenfalls als Indikatoren für eine nur an Leser(innen)quoten orientierte Verlagspolitik interessant sind, bleibt nur der fromme Wunsch, Rosita Steenbeek möge als übersetzte und verlegte Autorin wirklich die «letzte Frau» dieser Sorte sein bei Ammann und auch anderswo.
Dorothea Dieckmann