Das historische Buch
Zurück in die Zukunft
Roger Chartiers Buch über die Französische Revolution
Kann man ein Buch, das bereits existiert, noch einmal schreiben? Man kann, vorausgesetzt dass die intellektuellen Moden nach dem Drehtüreffekt gerade da wieder angekommen sind, wo sie schon einmal waren. Chartiers Werk entstanden in der Bücherschwemme zum 200. Jahrestag der Revolution, aber erst jetzt ins Deutsche übersetzt variiert einen geistesgeschichtlichen Klassiker der Revolutionsgeschichtsschreibung: Daniel Mornets «Les Origines intellectuelles de la Révolution française» aus dem Jahre 1933.
Fragestellungen gehen und kommen zurück; sie sind dann aber andere geworden. Indem Chartier nach den «kulturellen» anstatt nach den «intellektuellen» Ursprüngen der Revolution fragt, nimmt er postmoderne Zweifel in die Darstellung hinein, die Daniel Mornet fremd waren und die ohne den «linguistic turn» in den Geschichtswissenschaften auch nicht zu denken sind. Die Revolution sei aus der französischen Aufklärung hervorgegangen? Hat sich nicht vielmehr die Revolution einen Textkorpus, genannt «Aufklärung», zu legitimatorischen Zwecken überhaupt erst konstruiert? Im 1992 geschriebenen Nachwort bezeichnet Chartier diese These selbst als Provokation natürlich will er nicht die Existenz der Aufklärung leugnen, nur möchte er etwas genauer wissen, wie sich ein «Diskurs» in «Praktiken» umsetzt. Und umgekehrt: Wie übertragen sich soziale Mechanismen in eine explizite Ideologie? Dass eine echte Revolution ohne «Ideen» nicht denkbar ist, das nimmt Chartier als gesichert an und darin eben steckt jene neue Wendung der Geschichtswissenschaft, die nun gelernt hat, dass sie mit Strukturen oder sozialen Erklärungen allein nicht auskommt, die aber deshalb nicht zur traditionellen «history of ideas» zurück möchte.
Thesen und Forschungsstände
Chartier bietet keine zusammenhängende Darstellung der Ereignisse, er diskutiert Thesen und Forschungsstände. Ein wenig Grundwissen über die Französische Revolution und die derzeitigen Debatten der Historiker muss schon mitbringen, wer mit diesem Buche glücklich werden will. Was hat man sich unter einer «öffentlichen Meinung» vorzustellen? Das von Jürgen Habermas in «Strukturwandel der Öffentlichkeit» vorgeschlagene Konzept der im 18. Jahrhundert entstandenen «bürgerlichen Öffentlichkeit» ist für Chartier zu abstrakt-philosophisch. Man muss die Konstituierung eines «Publikums» an die Fähigkeit des Lesen-Könnens binden. Andererseits ist dann der «Weg der Druckerzeugnisse» nachzuzeichnen, ihr Kampf mit Justiz und Polizei. Aber machen Bücher wirklich Revolutionen? Chartier fährt die Ansichten von Tocqueville, Hippolyte Taine und Mornet auf: Sie alle sind der Überzeugung, dass die Texte den Leser in ihrem Sinne modellieren. Chartier stimmt zu, will aber Differenzierungen anbringen. Was sind überhaupt für Bücher im Handel? Zwei Drittel von ihnen umgehen die vorgeschriebene Druckerlaubnis; es wimmelt von Raubdrucken, Skandalchroniken, Berichten vom Luxus- und Lasterleben des Hofes. Und vor allem: die Texte der Bücher verändern sich mit den Kontexten, in denen sie gelesen werden; was in den Büchern steht, hängt mit davon ab, in wessen Hände sie geraten.
Sind die Franzosen des 18. Jahrhunderts durch diese Lektüre «entchristianisiert» worden? Schon so zu fragen setzt voraus, dass man annimmt, sie seien zuvor «christlich» gewesen. Chartier ist aber mit Jean Delumeau der Ansicht, dass man sich von diesem durchschnittlichen «Christentum» keine allzu hohe Meinung bilden darf. Diese Menschen gewiss keine Glaubenshelden werden zum einen von der atheistischen Literatur beeinflusst. Ein übriges tut die Kirche selbst, wenn sie in ihren eigenen Erneuerungsbewegungen allzu strenge Massstäbe anlegt.
Ist der König mit in die Entsakralisierung hineingezogen worden? Wenn man die Beschwerdeschriften von 1798, die «cahiers de doléance», zur Hand nimmt, trifft man vordergründig auf eine königstreue Rhetorik. Der Herrscher wird zumeist als der gute Vater dargestellt, an den man sich in der Not wendet. Es gibt aber auch einen «mauvais discours», der den König verspottet und der besagt, dass das einfache Volk sich nicht mehr als Teil einer Schicksalsgemeinschaft mit dem Herrscherhaus begreift. Ein Wertewandel wird auch deutlich, wenn man die Beschwerdeschriften der letzten Einberufung der Generalstände von 1614 mit denen von 1789 vergleicht: Sorgen um Religionsfragen spielen nun keine Rolle mehr, dagegen hagelt es Vorwürfe gegen den «seigneur» und gegen den Kirchenzehnten.
Diskursiver Stil
Haben Revolutionen kulturelle Ursprünge? Dieser Frage rückt Chartier zum Schluss noch einmal im Vergleich der englischen Revolution des 17. mit der französischen des 18. Jahrhunderts zu Leibe. Ist es «kulturell» bedingt, dass ein radikaler Bruch als wünschenswert erscheint? Der englische Diskurs stützt sich auf Religion, Recht, auf die Differenz zwischen «Hof» und «Land», «court» und «country», und auf die «Erosion der Autorität». Alle diese Elemente findet Chartier in der einen oder anderen Variante auch in Frankreich wieder: Hass auf den Hof, unterstützt durch die Gegensätze zwischen Hauptstadt und Provinz. Schliesslich kommt er wieder auf die «Rousseaus der Gasse» zurück, auf die Philosophen ohne Anstellung, auf die Dichter ohne Gönner, die all den aufgestauten Unmut in Pamphlete fassen. «Wenn ich dies feststelle, bedeutet das nicht, dass ich zu jener alten Interpretation zurückkehre, die die Ursache der Revolution in der Rachsucht einiger gescheiterter Intellektueller sah.»
Dieser Satz ist bezeichnend für das ganze Buch. Chartier erwägt die relative Berechtigung ideengeschichtlicher Interpretationen der Revolution vor dem Hintergrund einer kulturgeschichtlichen Wende der Geschichtswissenschaft. Das gibt der Untersuchung einen diskursiven Stil, ein vorsichtiges Umkreisen der derzeit erörterten Fragestellungen. Kein Zweifel: es ist ein Buch für Fachleute und für alle, die mehr wissen wollen über diesen gar nicht so einfach zu enträtselnden Zusammenhang zwischen Aufklärung und Revolution. Wie es im postmodernen Denken üblich ist, verwahrt sich der Autor gegen jede Konstruktion von Zwangsläufigkeiten. Das führt zu neuen Einsichten: War nicht das Frankreich des Ancien Régime weitgehend pazifiziert? Woher dann der plötzliche Ausbruch von Gewalt? So besehen hätte die Revolution keine «Ursprünge», sondern zehrte von ihrer Eigendynamik. Anderseits ist die These von dem absoluten Neuanfang der Revolution schon im 19. Jahrhundert angegriffen worden: Die Franzosen des Jahres 1789 gaben sich alle Mühe, anders zu sein als ihre Vorfahren und doch führten sie nur deren Werk zu Ende. Alexis de Tocqueville hat das in klassischer Form am Exempel des französischen Zentralismus dargestellt.
Mit diesem Paradox endet auch Chartier. Was bringt die Menschen dazu, «eine andere Geschichte zu machen als diejenige, die sie zu machen glauben»? Aber das ist eine geschichtsphilosophische Frage: Kant, Schelling und Hegel haben versucht, sie zu beantworten. Wollte man ihre Antworten nachzeichnen, wäre es um die schöne Postmoderne geschehen. Es ist aber interessant zu sehen, dass sie wieder vor Fragen steht, die einmal im Zeitalter der Französischen Revolution zu der heute so aus der Mode gekommenen «grossen Erzählung» geführt haben.
Heinz Dieter Kittsteiner
Wie können Ereignisse, die wie die Französische Revolution alle bisherigen Gesetzmäßigkeiten einer Gesellschaft in Frage stellen, erklärt werden? In diesem wegweisenden Buch geht es nicht um die neuerliche Rekonstruktion der Ereignisse, sondern um die Frage nach den langfristigen kulturellen Ursprüngen solcher Ereignisse. »Die Französische Revolution hatte ihre Wurzeln in dem Jahrhundert, das sie abschloß, selbst dort, wo sie sich am spektakulärsten gegen diese alte Entwicklung anzustemmen schien«, schreibt der Autor und spürt unbekannte und paradoxe Kontinuitäten auf. Der Prozeß einer »Entheiligung« der Gesellschaft, einer Erschaffung von Öffentlichkeit als kritischer Instanz, der sich in politischen Traktaten wie in Kolportageromanen über die Liebschaften bourbonischer Prinzessinen äußert, läßt das Ancien régime obsolet werden. Die Verquickung dieser Gesellschaftsgeschichte mit einer Geschichte des Lesens und der Rezeption von Texten macht dieses Buch einzigartig. Vor dem Hintergrund einer langen Forschungstradition verfolgt Chartier die Schwierigkeit, das jähe Auftreten der revolutionären Ereignisse in rationale Kategorien zu fassen. Gegen anerkannte Erklärungen provoziert er mit der These, nicht die Aufklärung mit Voltaire und Rousseau habe die Revolution ermöglicht, sondern die Revolution habe die Aufklärung aus der Taufe gehoben. Die Revolutionäre erschufen sich, so die neue Sichtweise des Autors, einen Pantheon von Autoren und einen Korpus an Ideen, in denen sie eine Vorwegnahme und Legitimierung der revolutionären Geschehnisse erblickten. Stimmen zum Buch: »Ein veritables Manifest, das nichts weniger verspricht als einen neuen Weg in die Wissenschaft und in die geschichtliche Lesart der Ereignisse.« Le Monde »Eine faszinierende Hypothese... Chartiers Buch arrangiert das bekannte Material neu, deckt Bruchlinien auf und schlägt neue Interpretationen vor.« Robert Darnton, New York Review of Books Roger Chartier, geb. 1945, ist seit 1984 Directeur d`Etudes an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales in Paris. Er hat u.a. den dritten Band der Geschichte des privaten Lebens herausgegeben. Bei Campus ist bisher erschienen: Lesewelten. Buch und Lektüre in der frühen Neuzeit (1990).