In dieser kulturanthropologischen Darstellung der Entwicklung des menschlichen Denkens beleuchtet Tomasello phylogenetische, geschichtliche und ontogenetische Aspekte der Anthropogenese, legt aber den Schwerpunkt auf die kognitive Ontogenese von Kleinkindern im Alter von 0-7 Jahren, wobei er massiv auf empirische Studien rekurriert. Der Ansatz ist naturalistisch aber nicht reduktionistisch. Seine These: "Die menschliche Gemeinschaft stellt die adaptive Umgebung dar, in der sich die menschliche Kognition phylogenetisch entwickelte." ( S. 10)
Ausgehend von der Überlegung, daß die menschliche Kultur in einer evolutionär vergleichsweise kurzen Zeit entstand, sucht der Autor nach dem verursachenden Faktor. Angeborene 'geistige Module' scheidet er aus und verteidigt dagegen die Annahme: Eine einzelne evolutionäre Anpassung, die zu einem beliebigen Zeitpunkt der Menschheitsentwicklung erfolgt sein konnte, erzeugte den biologischen Mechanismus der sozialen bzw. kulturellen Weitergabe. Diese Anpassung ermöglichte den Vorgang kumulativer kultureller Evolution in der Art eines 'Wagenhebereffektes' - erfundene, eingeführte und über viele Generationen tradierte Neuerungen gingen nicht wieder verloren.
Alle Formen menschlichen Lernens beruhen auf der Fähigkeit der Menschen, Artgenossen als ihnen ähnliche Wesen zu verstehen, die ein intentionales und geistiges Leben haben wie sie selbst. ("Theorie des Geistes") Diese Fähigkeit baut jedoch auf den kognitiven Fertigkeiten der Primaten auf: Raumorientierung, Umgang mit Gegenständen, Werkzeugen, Quantitäten, Kategorien, sozialen Beziehungen, Kommunikation und sozialem Lernen.
Schimpansen verstehen nicht, daß ihre Artgenossen intentionale und geistige Zustände haben, ebensowenig die zwischen Ursachen und Folgen vermittelnden Kräfte (das 'warum' der Beziehungsfolge). Tomasello vermutet, daß sich die Anpassung vor ca. 200.000 Jahren herausbildete, und zwar zu dem Zweck, zuverlässige Vorhersagen und Erklärungen des Verhaltens von Artgenossen zu ermöglichen. Das daraus hervorgehende intentionale und kausale Denken erlaubte die Manipulation bzw. Unterdrückung vermittelnder Kräfte und durch das Verstehen des Verhaltens anderer Personen wirkungsvolle Formen kulturellen Lernens und der Soziogenese, wodurch - im Laufe langer historischer Zeiträume - Sprache, Mathematik und die kaskadierende menschliche Kultur entstanden.
Das Verstehen des Anderen beginnt bereits in einem Alter von neun Monaten, und zwar durch einen tiefgreifenden Identifikationsprozeß innerhalb eines Raumes 'gemeinsamer Aufmerksamkeit'. Mit zwei Jahren sind Kleinkinder dann in der Lage, die intentionalen Angebote von Gegenständen zu 'entkoppeln', 'symbolische Spiele' zu spielen und sich selbst von außen zu sehen. Sie lernen die Verwendung kommunikativer Symbole in einem Prozeß der 'Imitation durch Rollentausch'. Tomasello erläutert ausführlich die intersubjektive und perspektivische Funktion der Sprache sowie den Aneignungsweg, den Kleinkinder gehen: Holophrasen > Verbinselkonstruktionen > Abstraktionen (Kategorisierung, Schemabildung, Analogien, Metaphern) > kohärente Narrative > Perspektivität und repräsentationale Neubeschreibung, die zu explizitem, bewußtem und sprachlich ausdrückbarem Wissen führt. Seiner Theorie zufolge lernen Kinder Sprache ausschließlich in der sozialen Interaktion, und zwar durch Imitation. Das betrifft nicht nur den kommunikativen Aspekt der Sprache im engeren Sinne, sondern auch das moralische Verstehen und sogar das kausale Verständnis physischer Ereignisse.
Der Autor erarbeitet seine These mit großer wissenschaftlicher Sorgfalt. Er formuliert zurückhaltend und wird nie apodiktisch. Sein Stil ist klar und auch für Laien gut verständlich. Lesern, die ein stärkeres Interesse an den phylogenetischen Aspekten der Anthropogenese haben, lege ich zur Vertiefung und Erweiterung dringend folgende Werke von Steven MITHEN ans Herz: "The Prehistory of the Mind. A search for the origins of art, religion and science" (1996) und "The Singing Neanderthals. The Origin of Music, Language, Mind and Body" (2006)