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Die Doppelhelix als Ikone
Ein symptomatisches Buch von Jeremy Narby
Die Genforschung setzt nicht nur Geldflüsse in Bewegung, sondern auch die Phantasie; nicht nur die der Wissenschafter, sondern auch die der Politiker und der Normalsterblichen. Alle sind sie sind wir in ein unabwendbares, unabsehbares und darum desto faszinierenderes Projekt verwickelt. Ohne Zukunftsträume und Bilderräume keine Biopolitik. Das ist nicht erst seit der noch immer irreführend so genannten «Entschlüsselung» des humangenetischen «Codes» so, aber mit ihr doch auffälliger geworden. Das «Gen» wird zum Zauberwort, die DNA-Doppelhelix zur Ikone, in deren Betrachtung die Wissenschaftskultur mit der Popularkultur in Teilen verschmilzt.
Bereits 1995 haben Dorothy Nelkin und M. Susan Lindee die aufdringliche Gegenwart jener Ikone im Zusammenspiel von Labor und Lebenswelt untersucht: «The DNA Mystique» so der Titel ihres Buches nährt danach drei miteinander verflochtene, wahrlich nicht kleinliche Versprechungen: im Genom die «Essenz» unserer Identität zu finden; in ihm den «Text» aufzuspüren, der das «Buch des Lebens» Seite um Seite füllt; mit seiner Erforschung schliesslich menschliches Verhalten und menschliche Lebenskurven voraussehen und beeinflussen zu können. Den solchermassen charakterisierten Geist der Zeit taufen die beiden amerikanischen Wissenschaftssoziologinnen auf den Namen «genetischer Essenzialismus». Dass er in religiöse Sphären hinüberspielt, liegt in der Natur seiner Sache.
Und doch verblüfft, wie viele Beispiele die Autorinnen zitieren können, in denen die Doppelhelix ohne Umschweife als christliche «Seele» oder wenigstens seelengleiches, heiliges und unsterbliches Etwas angesprochen wird. Was dabei allerdings nicht erstaunt (in den meisten anderen Religionen verhält es sich ähnlich): Die mutmassliche Trägerin des eigentlichen, des wahren Selbst ist multifunktionell verwendbar. Sobald sie von wissenschaftlichen Restriktionen erst einmal befreit, aus dem Reagenzglas ins wirkliche Leben des sprachlichen Universums entlassen ist, dient die symbolisierte «Erbsubstanz» sogenannten Lebensschützern ebenso wie Feministinnen, Rassisten nicht weniger als Predigern individueller Selbstbestimmung, Freunden des Zufalls genauso wie Liebhabern der Notwendigkeit.
Schamanismus
Im selben Jahr, in dem in New York «The Gene as a Cultural Icon» (so der Untertitel) erschienen ist, ging in Genf ein Buch in den Druck, das auf eigentümliche Weise mit der Studie von Nelkin und Lindee kommuniziert. Man muss es so umständlich formulieren, denn es handelt sich bei «Le serpent cosmique, l'ADN et les origines du savoir» um die Schrift eines Anthropologen oder Ethnologen, je nach Wissenschaftstradition , dessen Phantasie zwar stark, zunächst aber nicht von der Genetik und ihrer Publikumswirksamkeit angeregt worden ist. Jeremy Narby berichtet über Erfahrungen, die er, und auch das nur nebenbei, unter Schamanen im Amazonasgebiet gesammelt hat. Erfahrungen, die ihn dann jedoch unvermutet ins Heiligtum der modernen Molekularbiologie geführt haben. Die Wege, die er dabei gegangen ist, dürfte man, wenn es nicht wiederum allzu nahe läge, verschlungene Pfade nennen. Auch auf Deutsch kann man sie nun, da eine (der englischen Version von 1998 folgende) Übersetzung erhältlich ist, nachgehen.
Am Beginn stand die Irritation des eher politisch «gepolten» jungen Feldforschers, der sich seine akademischen Meriten mit einer Studie zur Ökologie der Ashaninca zu erwerben gedachte: Ein Schamane gab ihm die Auskunft, sein erstaunliches Wissen von den vielfältigen Heilpflanzen verdanke sich einem speziellen halluzinogenen Getränk ayahuasca , das er, nicht anders als seine regionalen Amtskollegen, zu sich zu nehmen pflege. Das ist und war auch 1985, als Narby es hörte, aber nicht glaubte, keine Neuigkeit in den Notizbüchern der Ethnologie. Ebenso sind die fluoreszierenden schlangenartigen Gebilde, denen die ayahuasqueros unter Einfluss der Droge zu begegnen behaupteten, länger schon aktenkundig: als Geistwesen kosmischen Ursprungs, die die Geheimnisse des Lebens verraten so die Interpretation der Initiierten. Narby hatte indes selbst einschlägige Erfahrungen zu machen zumindest begonnen. So rollte er auch auf die Gefahr hin, zu einem zweiten Carlos Castaneda zu werden den Fall auf eigene Faust auf. Der zuvor mit einer «konventionellen» Arbeit erlangte Doktortitel mag da als Freibrief gewirkt haben, der die Grenzwächter der wissenschaftlichen Selbstkontrolle freundlich stimmte.
Was der Grenzgänger mit «stereoskopischem Blick» in einer ersten Phase seiner Erkundungen wahrnimmt und für wahr halten möchte, ist eine Welt voller zauberhafter Verweisungen und Entsprechungen: Die spiralförmigen Lichtwesen der schamanistischen Innenwelt deuten auf ein Zeichen unvordenklicher Herkunft, auf das Symbol der kosmischen Schlange, das quer über den Erdball transkulturell verbreitet ist, selbst dort, wo Schlangen in der natürlichen Umwelt gar nicht vorkommen. Die lebenspendende Schlange ihrerseits korrespondiert augenfällig, insbesondere in ihrer häufig auftretenden Variante als Doppelschlange, dem Bild, das die Molekularbiologie sich (und uns) von der Struktur des «Lebensmoleküls» der DNA macht. Ähnlichkeiten findet der Detektiv sogar in der sprachlichen Struktur: Die Gesänge, mit denen nach deren eigener Erläuterung die Schamanen der Yaminahua im peruanischen Amazonien die Geistwesen, die ihnen erscheinen, nachahmen, ist eine bizarre Bildersprache. Sie wird von ihren Urhebern «tsai yoshtoyoshto» genannt: «gewundene-gewundene Sprache» («language-twisting-twisting»). Für Narby ein deutlicher Hinweis auf den «Doppel-Doppel-Text» der sich um sich selbst windenden DNA . . .
Visionen
Mit derlei Analogien, zur Beruhigung sei's gesagt, ist noch nichts ausgemacht; schliesslich gibt es nichts, das nicht in mindestens einer Hinsicht mit etwas anderem vergleichbar wäre. Analogien aber sind, andererseits, nicht per se «unwissenschaftlich»; ohne ein «so wie» kommt keine Wissenschaft aus. «Mystisch» jedoch scheint es zuzugehen, wenn der wagemutige Autor von Analogie auf Kausalität, von Beschreibung auf Erklärung umstellt und seine These präsentiert; er nennt sie vorsichtshalber eine «spekulative», seine eigentliche ist sie dennoch: In jenen Zuständen «erweiterten» Bewusstseins werde die DNA «selbst» wahrnehmbar; erklärbar sei dies durch die sogenannte Biophotonen-Theorie, nach der alle lebenden Zellen tierische, menschliche wie pflanzliche eine ultraschwache Strahlung im Spektrum des sichtbaren Lichts aufweisen. Geht man noch einen beträchtlichen Schritt weiter und deutet (mit dem deutschen «Pionier» der Biophysik, Fritz-Albert Popp) Bewusstsein als ein elektromagnetisches Feld, das aus der Summe solcher Emissionen hervorgehe, so öffnet sich das Tor zu einer wahrlich universalen, einer nicht den Christenmenschen und auch nicht «dem» Menschen exklusiv vorbehaltenen Biosphäre: Sie vereint nicht nur alles, was DNA-Doppelspiralen in sich trägt, sondern besitzt zudem noch Bewusstsein ein Bewusstsein, das in empfangsbereiten Schamanen gewissermassen zu sich käme.
Bekommt der Leser es nun also doch mit parawissenschaftlichem Spiritismus, mit Scharlatanerie zu tun? Hält er schlicht ein warnendes Beispiel dafür in der Hand, was dem dilettierenden Laien geschieht, in welches Dickicht blühenden Unsinns dieser gelangt, wenn er, um seine Neugierde zu befriedigen, die wissenschaftlich befestigten Wege verlässt? Ganz so einfach ist es nicht. Zum einen entbehrt manches der bunten Steinchen, aus denen Narby sein Mosaik einer Ehrfurcht vor dem Leben zusammensetzt, keineswegs der wissenschaftlichen «Sicherung». (Der «wissenschaftliche Apparat» des Buches ist umfangreich. Auch die «Biophotonen» haben bereits Eingang in die Protokolle der scientific community gefunden, ohne sich allerdings einer allseits geteilten Sinngebung zu erfreuen.) Zum anderen ist die «akzeptierte» Wissenschaft ihrerseits nicht frei von Hypothesen, die aufs Ganze spekulieren. Der Darwinismus, auch und gerade in seiner molekulargenetischen Version, wäre dafür kein schlechtes Beispiel. Eben ihn nimmt auch Narby ins Visier, und er vergewissert sich dabei der Schützenhilfe Poppers. Der Philosoph des Kritischen Rationalismus klassifizierte den Darwinismus als ein «metaphysisches Forschungsprogramm», das auf der Basis unbewiesener und unbeweisbarer Annahmen operiere.
Letzte Prämissen der Wissenschaft würden damit zu ersten Sätzen des Glaubens; das hätten sie mit parawissenschaftlichen Axiomen und sogar mit antiwissenschaftlichen Affekten gemein. So liefen denn die Linien aller Formen des Fürwahrhaltens in dem einen Punkt des Glaubens zusammen? Und die Versenkung aller also Gläubigen in die Ikone der Doppelhelix hätte ihre Berechtigung? Fragte sich immerhin noch, ob dieser Geist der Zeit zu Zuversicht Anlass gäbe oder zu Verzweiflung.
Uwe Justus Wenzel
"Das Wagnis, das wir mit der Droge eingehen, besteht darin, daß wir an einer Grundmacht des Daseins rütteln." Ernst Jünger, Drogen und Rausch
Seine visionären Erfahrungen bei Schamanen im südamerikanischen Urwald schildert Jeremy Narby, ein kanadischer Anthropologe. Unter dem Einfluss von Drogen eröffnet sich ihm das Wissen der Indianer: Imaginativ, fantastisch, ganzheitlich symbolisiert als Schlange eröffnen die Drogen- und Trancerituale eine Bewusstseinserweiterung, die zu den Ursprüngen des Lebens, des Kosmos und der modernen Wissenschaften, insbesondere der Molekularbiologie führt.Äußerst skeptisch reagiert der Anthropologe Jeremy Narby, als er von der bewusstseinserweiternden Wirkung halluzinogener Drogen hört, von denen "Ayahuasca" mittlerweile als Designerdroge gehandelt wird. Diese Droge versetzt in Trance, beeinflußt und verändert Wahrnehmung und Erkennen. Narby nimmt an den Tranceritualen teil; es eröffnet sich ihm eine völlig unbekannte, bilderreiche Wissenskultur. Von Schamanen gelehrt ist dieses mündliche Wissen noch nie schriftlich fixiert worden. Jeremy Narby unternimmt den ersten Schritt, das einzigartige Wissen über Drogen, Gifte und Heilpflanzen, für das sich besonders westliche Pharmakonzerne interessieren, zu erschließen.
Inbegriff und häufigstes Symbol für die Einsicht in die Natur, ihren Aufbau und ihre Wirkung ist die kosmische Schlange. Sie symbolisiert die Doppelhelix, das Modell der Gen-Struktur, und steht für das biologische und kosmische Wissen des Menschen überhaupt. Die Schlange verkörpert seit Urzeiten zwei Symbole: Heilung und Tod, Kosmos und Chaos, Verständnis und Vernichtung des Lebens. In südamerikanischen Mythen verkörpert die Schlange das Wissen vom Leben; sie verbindet Natur und Kosmos miteinander.
Jeremy Narby, geboren 1959 in Montreal, wuchs in der Schweiz und in Kanada auf. Studium der Geschichte in England, später der Anthropologie in den USA. Verbrachte zwei Jahre bei Studien im peruanischen Amazonasgebiet bei verschiedenen Indianerstämmen. Lehrt in Stanford Anthropologie; lebt in der Schweiz, Kanada und den USA.