Es ist nicht so sehr die Ausgangssituation - Autounfall mit dramatischen Folgen, Hauptprotagonist schuldlos schuldig -, sondern die Erzählweise Péjus, die mich mitgerissen hat, und hier vor allem die Unzahl von Anspielungen - literarischer, mythologischer, psychologischer, philologischer und philosophischer Art. Auch wenn sich dem Leser nicht alle erschließen, so ist er dennoch in den Bann gezogen von der Kraft und Schönheit der Worte, von einer romantisch-unheilvollen Stimmung sowie einem (postmodernen?) Netz aus Metaphern und Querverbindungen, das sich durch die Erzählung zieht. Assoziative Ketten wie diese: "Körpermasse - Bergmassiv - Dichte - Nebel - Einsamkeit - Eingesperrtsein - Kerker - Kartause - Schweigegelübde - Meditation - Labyrinth" dröselt man im Nachklang noch länger auf.
Es gibt kaum eine Entwicklung in diesem Roman, es ist ein Auf-der-Stelle-Treten, ein Stochern im Nebel, der niemals aufreißt. Drei Personen, drei verschiedene Einsamkeiten. Die Protagonisten versuchen zwar, ihr Heil zu finden, wissen aber nicht, wie und stolpern von einem falschen Ausweg aus ihrem persönlichen Labyrinth zum nächsten. Vollards Flucht ist die Literatur, deren Hohelied Péju hier singt. Gleichzeitig wird aber deutlich: Sie kann nicht Heil, nicht Lebensersatz sein. Vollard ist gefangen, in seiner Biographie, seiner Einsamkeit, in den Bergen, in seinem Körper, in der Nicht-Mitteilbarkeit seiner Gefühle.
Der Roman hat mich neugierig gemacht, einmal selbst zur Großen Kartause bei Grenoble in die französischen Alpen zu fahren, die Péju so sehr inspiriert zu haben scheint. Es gibt auch einen sehr stimmungsvollen Dokumentarfilm aus dem Kloster zur Großen Kartause ("Die Große Stille").
Sprachlich dicht und voller Metaphern, und dennoch in einfachen Worten, daher bei Interesse und vorhandenen Grundkenntnissen (Schulfranzösisch) auch im Original ("La Petite Chartreuse") zu empfehlen.
Den zweiten ins Deutsche übersetzten Roman von Pierre Peju, "Schlaf nun selig und süß", kann ich auch nur wärmstens empfehlen!