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Die katholische Kirche habe zudem in den 30ern und 40ern weitestgehend mit den Nazis kollaboriert, ihre wenigen Proteste seien zaghaft gewesen, verspätet und hätten hauptsächlich auf den Erhalt des eigenen Rufes abgezielt.
Nach dem Krieg habe die Kirche einzelne christliche Widerstandskämpfer für den Aufbau eines Mythos vom allgemeinen Widerstand der Kirchen mißbraucht, den Antisemitismus in ihren Lehren nur unzureichend bekämpft und eine moralische, politische oder gar finanzielle Wiedergutmachung nur unzureichend betrieben.
Das sind die Kernthesen Daniel Jonah Goldhagens, die er in seinem neuesten Buch vorstellt und diskutiert. Es ist ausdrücklich nicht als Geschichtsbuch, sondern als moralische Untersuchung gemeint: Es geht um die Schuld einer Institution und die Frage, ob sie dieser Schuld gerecht wurde und Wiedergutmachung geleistet hat.
Dieser Ansatz schmälert den Wert von Goldhagens Buch ungemein: Statt die Fakten für sich sprechen zu lassen und das Urteil dem Leser zu überlassen, schreitet er selbst zur Verurteilung und vernachlässigt die Beweisauflage. Da er nur zum Teil Originalquellen nutzt, sondern sich weitgehend auf die Werke anderer Historiker stützt, haben sich ein paar Fehler ins Buch eingeschlichen. Einer, eine falsche Bildunterschrift, gab Kirchenvertretern dann auch einen Hebel, dem Verlag die weitere Auslieferung der unkorrigierten Ausgabe bei Strafandrohung untersagen zu lassen.
Dabei sind die beiden ersten Kernthesen Goldhagens unter Historikern kaum strittig: Der kirchliche Antisemitismus beginnt mit den frühesten schriftlichen Zeugnissen der Christenheit, wurzelt im biblischen Gottesmord-Vorwurf und der Kollektivschuld-These, derzufolge die Juden den Sohn Gottes ermordet und sich und ihre Nachkommen willentlich dafür verflucht hätten. Dieses Bild wird bis heute tradiiert, es führte im Mittelalter und in der Neuzeit zu zahlreichen Pogromen, die außerhalb des christlichen Kulturbereichs kein Gegenstück haben.
Daß der kirchliche Widerstand und die kirchliche Unterstützung von Juden meist auf Initiative Einzelner gegen die Mehrheit und die Obrigkeit der katholischen Kirche zustandekam, ist unter kirchlich nicht gebundenen Historikern ebensowenig strittig wie die starke Unterstützung, die die Nazis durch die Kirche ideell und politisch faktisch bekam.
Über beide Themen informieren andere Bücher aber weitaus differenzierter, genauer und fehlerfreier als Goldhagens Buch, Konrad Riggenmanns "Kruzifix und Holocaust" sei als Beispiel genannt.
Goldhagen erkennt an, daß die katholische Kirche seit dem 2. Vatikanischen Konzil große Fortschritte gemacht und die Verständigung mit den Juden gesucht hat. Viele einzelne Katholiken haben sich mit der Schuld ihrer Kirche auseinandergesetzt und suchten eine ernsthafte Veränderung. Während Goldhagen die Schritte als respektabel und tiefgreifend anerkennt, aber insgesamt noch für unzureichend hält, ist er optimistisch, was eine gründliche Reform der Kirche betrifft.
Goldhagen verweist dabei auf die positiven Beispiele anderer, protestantischer Kirchen, die ebenfalls Mitschuld an der Verbreitung spezifisch christlichen Antisemitismus trügen und sich dieser Mitschuld ernsthaft gestellt hätten. Er hält es für möglich, daß auch die katholische Kirche antisemitische Reste in Lehre und Praxis überwinden könnte.
Dabei ist dem Autor klar, daß es hier um nicht weniger geht als um eine Korrektur des gesamten Selbstverständnisses der katholischen Kirche, eine Neuschreibung oder doch weitgehende Distanzierung wesentlicher Teile des "Neuen Testaments" und die Aufgabe des Absolutheitsanspruches des katholischen Christentums.
Ob und in wiefern das möglich ist, wie stark die Umkehr seien müßte, behandelt Goldhagen nur oberflächlich. Ob man dieses Vorhaben für intellektuell redlich vertretbar hält, und ob die analogen protestantischen Unternehmungen es sind, oder ob ein im Sinne Goldhagens reformiertes Christentum überhaupt noch eines ist, muß der Leser selbst beurteilen. Es wird davon abhängen, ob der Leser Goldhagens Auffassung teilt, daß die Moral, und nicht die metaphysischen Ansichten und Versprechungen, der Kern des Christentums und besonders der katholischen Lehre sind.
Ein Buch, das auf gern verdrängte Tatsachen aufmerksam macht, viel Stoff für hitzige Diskussionen bietet, mutig und klar Stellung bezieht, aber in punkto historischer Zuverlässigkeit und argumentativer Geschlossenheit leider noch einige Mängel aufweist. Gute 3 Sterne, knapp an 4 vorbei.
Trotzdem wird mit diesem Buch deutlich, wie medienwirksam Herr Goldhagen seine Veröffentlichungen am gestörten Verhältnis der Deutschen zu ihrer Nation oder ihren Glaubensgemeinschaften inszeniert. Wäre es bei seiner ersten Veröffentlichung geblieben, hätte man ihm noch ernsthaftes wissenschaftliches Interesse attestieren können. Dieses Interesse war leider schon früher, wie von der Historikerin Ruth Bettina Birn durch Kenntnis der Quellen Goldhagens nachgewiesen wurde, durch Einseitigkeit gekennzeichnet.
Die Tatsache, dass die in ihrem eigenen "Priesterblock" im KZ Dachau inhaftierten katholischen und evangelischen Geistlichen nur durch das Beharren auf ihren Glaubensgrundsätzen dem Ende entgegensahen, scheint ebenfalls nicht in die geistige Welt Herrn Goldhagens zu passen.
Die wahre Hybris wird durch 450 Änderungsvorschläge an "unbequemen Bibelstellen" offensichtlich. Würde sich jemand dazu versteigen dem Islam den Koran "nachzubessern", oder gar den Hindus die unteren Kasten zu emanzipieren, könnte die Unsinnigkeit kaum größer sein. Es mutet völlig unverständlich an, wie Toleranz mit Ignoranz eingefordert werden kann. Gleichwie, hier hat der Verfasser den "Impact Factor" seines zweiten Buches auf dem Markt genau berechnet.
Herr Goldhagen gibt vor wissenschaftliche Erkenntnisse zu liefern. Dies wird durch die aggressive Geltungssucht seiner auf intuitiver Abscheu vor Grausamkeiten und Rassismus basierten Beweisführung in Frage gestellt und relativiert das Buch in meinen Augen zu einem medienwirksamen "Schocker".
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