Die Idee zur "Kahlen Sängerin" kam Ionesco, wie er selbst einmal erzählte, als er ein Lehrbuch der Englischen Sprache las: "Gewissenhaft schrieb ich die Sätze aus meinem Lehrbuch ab, um sie auswendig zu lernen. Als ich sie aufmerksam wieder durchlas, lernte ich zwar nicht Englisch, dafür aber erstaunliche Wahrheiten: daß die Woche sieben Tage hat zum Beispiel, was ich allerdings schon wußte; oder, daß der Fußboden unten, die Decke oben ist..." Als die Lektionen schwieriger wurden, traten zwei Personen auf, Mr. und Mrs. Smith: "Zu meinem großen Erstaunen setzte Frau Smith ihren Mann davon in Kenntnis, daß sie mehrere Kinder hätten, daß sie in der Umgebung Londons wohnten, daß sie Smith hießen, daß Herr Smith Büroangestellter wäre, daß sie ein Dienstmädchen hätten, Mary, das ebenfalls Engländerin wäre ... Ich erlaube mir, Sie auf den unwiderleglichen, vollkommen axiomatischen Charakter der Feststellungen von Frau Smith aufmerksam zu machen sowie auf das durch und durch cartesianische Denkverfahren des Verfassers meines englischen Lehrbuchs. Das Bemerkenswerteste daran war ja, daß er bei der Suche nach der Wahrheit so außerordentlich methodisch vorging. In der fünften Lektion kamen die Martins, Freunde der Familie Smith; das Gespräch ging nun zwischen vier Personen hin und her, und von den elementaren Axiomen wurden komplexere Wahrheiten abgeleitet: auf dem Lande ist es ruhiger als in der Großstadt."
Dank ihres außerordentlichen Konversationstalentes und ihrer Fähigkeit im druckreifen Ausformulieren von einfachen und komplexeren Wahrheiten sind die Smiths und die Martins ganz offensichtlich Leute, wie man sie nicht alle Tage trifft. Wie gut also, dass uns Ionesco wenigstens für ein, zwei Stunden an ihrem Leben teilhaben lässt, an ihren abendlichen Unterhaltungen, ihren Gesellschaften und Gartenparties. Das paradigmatische Dienstmädchen Mary taucht natürlich ebenfalls auf, und dann sogar ein fescher Feuerwehrmann. Und die kahle Sängerin... aber mehr soll nicht verraten werden! Obwohl Ionesco sein Stück ja eigentlich als "Tragödie der Sprache" verstanden wissen wollte, ist es unglaublich lustig. Falls die Beckett'sche Behauptung stimmt, dass es nichts Komischeres gäbe als das Unglück, dann bewahrheitet sie sich hier jedenfalls in äußerst amüsanter Weise. Kurzum, ich liebe die "Kahle Sängerin"! Sehr zu empfehlen ist die herausragende und beglückend clowneske Inszenierung von Jean-Luc Lagarce, die man sich übrigens auch im Internet - auf einer bekannten Videoplattform - anschauen kann.