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Die jüdische Mutter (Bibliothek Suhrkamp)
 
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Die jüdische Mutter (Bibliothek Suhrkamp) [Gebundene Ausgabe]

Gertrud Kolmar

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Neue Zürcher Zeitung

Sand in den Schuhen Kommender

Gertrud Kolmar als Prosadichterin

In ihrer Einsamkeit wurde sie mit Annette von Droste und Emily Dickinson verglichen. Als jüdische Dichterin steht sie neben Else Lasker-Schüler und Nelly Sachs. Während diese jedoch früh emigrierte, jene durch Selma Lagerlöfs Fürsprache den Ausweg nach Schweden fand, lautet das letzte Zeichen der zu Lebzeiten kaum bekannten Lyrikerin: «Chodziesner / Gertrud Käthe Sara / Geb. am 10. 12. 94 in Berlin . . . 32. Osttransp. v. 2. 3. 43 (erl. II Nr. 179).» Die Verschollene, erledigte Nummer 179, ist bis heute nicht ganz aus dem Schatten herausgetreten, der sie an diesem Tag verschlang und der sie schon umgab, als sie noch ihren Dichternamen tragen durfte: Gertrud Kolmar.

Sprechende Rätsel

«Die Fahrende», eins ihrer Gedichte aus «Weibliches Bildnis», enthält die katastrophische Vorausschau: «Schwere eherne Gitter rasseln fern meinen Namen / Meine Schritte bespitzelt lauernd ein buckliges Haus.» Die Dichterin, die Jüdin, die Zauberin; die Erzieherin, die Kindlose, die alte Jungfer; die Müde, Sinnende, Verworfene – in diesem Zyklus hat Gertrud Kolmar die Facetten ihrer Identität versammelt. Schillernde Vervielfältigungen, Rollen, Masken, Metamorphosen beherrschen ihr Schreiben. Tiere sind stumme Gestalten des Andersseins, wappenverschwiegene, sprechende Rätsel, Kleider, Chiffren: «In diesem Kleide möcht ich eine Mutter sein. / In diesem Kleid, drum Träume fahren . . .» Die Gedichte spannen dichte metaphorische Räume auf, Orte traumhafter Verwirklichungen, einem unscheinbaren häuslichen Dasein fern literarischen Kreisen abgetrotzt.

Ungeachtet der fast surrealen Bilderfülle sind Gertrud Kolmars Gedichte kaum einem späten Expressionismus zuzurechnen. Wegen ihrer Geschlossenheit, Formstrenge und durchgestalteten Bildführung als «naturgewachsener Klassizismus» charakterisiert, erinnert ihre Lyrik, eher symbolistisch, an die dunklen Franzosen von Baudelaire bis Rimbaud. In einem Brief an ihren Cousin Walter Benjamin, der für die Veröffentlichung einiger Gedichte sorgte, nennt sie – nach einer skeptischen Bemerkung zu Georg Heym – als Leitbilder den späteren Rilke, Werfel, die «Poèmes barbares» des französischen Parnass-Dichters Leconte de Lisle, Paul Valéry und Rimbaud sowie Miltons «Paradise Lost». Dennoch ist die einheitlich gespannte, dynamische Metaphernsprache Kolmars autonom und einzigartig.

Erst als die Bedingungen 1933 unerträglich wurden, wich mit der dichterischen Freiheit das Motiv der Verwandlung einem akuteren, stärker identifikatorischen Schreiben. Der Robespierre-Zyklus, der den blutigen Revolutionär als messianische Märtyrer- und Rächerfigur feiert, und die Gedichtreihe «Das Wort der Stummen» reflektieren die beginnende Barbarei als Klage und Aufschrei: «O könnt ich wie lodernde Fackel in die finstere Wüste der Welt / Meine Stimme heben . . .» Zugleich kehrte die Dichterin zu ihrem Namen Chodziesner zurück.

Zerrissenheit

«Irgendwann wird es Zeit . . . / Schmalen Vorrat zu sichten, zögernd heimzugehen, / Nichts als Sand in den Schuhen Kommender zu sein» schliesst die «Fahrende». Viele haben sich dafür eingesetzt, dass Gertrud Kolmar mehr bedeutet als Sand in den Schuhen der literarischen Tradition. Zuletzt der Göttinger Wallstein-Verlag, der nun unter dem Originaltitel «Die jüdische Mutter» eins ihrer beiden erhaltenen Prosastücke neu herausgegeben hat. Vorausgegangen sind eine umfangreiche Studie zu Leben und Werk und eine vollständige Sammlung der überlieferten Briefe. Beides hat Johanna Woltmann besorgt, die zudem in Marbach eine Fülle von Materialien archiviert hat. Ihre Werk-Biographie zeichnet das jüdische Leben im Berlin der historischen Umbrüche kundig und einfühlsam nach, widmet sich mit vorsichtigen psychoanalytischen Deutungen dem Werdegang der Dichterin, gibt ausführlich belegte, analytisch-beschreibende Interpretationen ihrer Lyrik – und trägt mit alldem viel zum Verständnis des 1930 entstandenen Textes bei. Denn «Die jüdische Mutter» ist so mitreissend wie befremdlich: ein unbeherrscht wirkender Prosaversuch, tiefschürfend, melodramatisch und seltsam inkonsistent.

Ein Herbstabend im Berliner Vorortland. «Das Laubgeäst rauschte zuweilen auf, und einzelne Tropfen schütterten, rasselten nieder: Gepladder, kleine Trommelmusik. Und aus einem Röhrchen floss unaufhaltsam sickriges Spieldosenklingen» . . . die Lyrikerin erzählt. Martha Wolg, die jüdische Witwe, kehrt von der Arbeit zu ihrer fünfjährigen Tochter Ursa zurück. Eine Vorahnung: «Und das Kind umhüpfte sie wie ein Flämmchen, das bald doch erlöschen soll.» Tags darauf wird Ursa entführt. Erst nach einer durchwachten Nacht ruft die Mutter die Polizei, findet dann jedoch selbst das Kind, missbraucht und schwer verletzt. Im Krankenhaus erwacht, ist es ein Bündel aus Apathie und Schrecken.

Als Martha dem Kind aus Mitleid eine tödliche Dosis Schlafmittel einflösst, hat man – erschüttert, atemlos – erst ein Drittel des Buches durchflogen. Was kann noch folgen? Marthas Suche nach dem Mörder mündet in die nach einem Mann, der ihr «Werkzeug» sein könnte. Aus der Mutter des toten Kindes wird die Geliebte eines Jüngeren. Als er sie verlässt, muss sie nicht nur ihre Liebe zu dem Mann eingestehen, den sie nur benutzen wollte, sondern auch die entscheidendere Lebenslüge: Sie selbst ist die Mörderin. Martha stürzt sich in die Spree: «Ich habe dich einmal getötet, du Freude; Gott ist gerecht: Wer dich anrührt, muss sterben.» In dem Gedicht «Die Drude», in dem eine Zauberin die begehrten Männer magisch an sich reisst, heisst es von den Kindern: «Sie tragen ein Kraut, das ich nicht erwürgen kann.»

Eine im Wortsinn herzzerreissende, von ungeheurer Zerrissenheit geprägte Erzählung. Ambivalent ist das Motiv Kindsmord/Selbstmord, ambivalent das Thema Rache/Liebe, ambivalent die Sexualität, hier als Gewalttat, dort als Pfand und Unterwerfung. Martha, selbst eine Zerrissene, ist streng und scheu, zugleich aufbrausend und sinnlich. Mit gleicher Unbedingtheit lebt sie die einander ausschliessenden Liebesformen, die besitzergreifende zum Kind, die leidenschaftliche zum Mann – Niobe und Medea. Hinzu kommt die seltsam verkehrte Entwicklung dieser Formen. Wo «natürlicherweise» eine Geburt die Geliebte zur Mutter macht, führt hier ein Tod von der Mutter zur Geliebten. In der Handlung, die alle archetypischen Frauenrollen durchspielt: Mutter, Tochter, Geliebte und Hure, lassen sich die Vorzeichen mühelos vertauschen, Opfer in Täter, Schuld in Sühne verwandeln.

Man muss nicht um den Zusammenhang von Liebe und Selbstopfer in Kolmars Lyrik wissen, um im Morden Todeswünsche zu sehen, nicht die Sehnsucht nach kindlicher Unterordnung in manchen Liebesgedichten kennen («In deinen Armen liegts wie ein Kind»), um auf den Verdacht zu kommen: Hier ist unterschwellig die Rede von einem Kind, das die Mutter verliert. Die biographischen Hinweise bestätigen den Charakter dieser Metamorphosen. Gertrud Kolmar schrieb den Text 1930, wenige Monate nach dem Tod der Mutter, die dem Kind früh einen Rollentausch zumutete: Die Geburt der zweiten Tochter Margot riss Gertrud aus dem Kinderdasein und zwang ihr die Rolle der fürsorglichen Älteren auf. Der erste von Kolmars unglücklichen Liebesversuchen mündete in eine Abtreibung, diese in einen Selbstmordversuch.

1930 war aber auch das Jahr, in dem die Nationalsozialisten in den Reichstag einzogen: Hintergrund für eine Besinnung auf das Jüdische, die – ebenso ambivalent – antisemitische Klischees wie Sinnlichkeit, Magie, Stolz und Kälte zitiert, in der Person auflöst oder ins Offensive verkehrt: «Wir sind nicht hochmütig, leider nicht; aber wir könnten es sein . . . auch dieser Feind hier wird uns nur töten, wenn wir uns selbst verderben . . . Wir müssen nur wieder in uns hineingehen; dahin kann uns keiner verfolgen . . .»

Wer «Die jüdische Mutter» liest, erlebt das Scheitern von Gertrud Kolmars tollkühnem Versuch, das innere Chaos ohne die Zügel des Verses zu gestalten. Was in ihrer Lyrik zu konsistenten Einheiten zusammengeschlossen ist, begegnet hier in Bruchstücken – Nachtfalter und schwarzer Samt, Augensterne, Rose, tröstender Zweig, Kröte, Elch und Kondor, dunkles Wasser und farbiger Himmel.

Ganz Gedichte – «Die Jüdin», «Die Einsame», «Verwandlungen» – tauchen in Prosa wieder auf. Ohne die gebundene Form jedoch sinkt die lyrische Sprache ins Zeitgebundene, oft bloss Konventionelle: «Aus irdner, türkisblau glasierter Schale stiegen zwei schlanke, sehr edle Tulpen, hochmütige Häupter, bronzefarb mit orangenen Schatten. Zwei Königsschwestern aus zaubrischem Reich, dessen Sprache wir nicht mehr kennen» . . . Gertrud Kolmar kannte die Sprache. «Die jüdische Mutter» jedoch trägt Zeichen einer Obsession, die sich ihrer Magie verweigerte. Was darin, meist abgesunken, funkelt, führt hin zu den Gedichten – oder zu ihnen zurück. Denn der Text – mehr als ein biographisches Dokument, weniger als ein Werk – spricht von dem Schmerz, der sich mit den Gedichten in dunkel leuchtende Schönheit verwandelte.

Dorothea Dieckmann -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .

Perlentaucher.de

Pressenotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 18.03.2000
Diese Geschichte um eine Mutter, deren Tochter umgebracht wurde und die sich auf die Suche nach dem Mörder macht, hat Hiltrud Häntzschel tief beeindruckt. Sie verweist auf das politische Klima des Jahrs 1930, als Kolmar diese Erzählung schrieb - veröffentlicht wurde sie zuerst 1965. "Spätexpressionistisch" sei Kolmars Prosa in ihrer "bildgesättigten, vibrierenden Sprache". Häntzschel bewundert, mit welcher Präzision und obsessiven Nähe Kolmar aus der Perspektive der Heldin schreibt.

© Perlentaucher Medien GmbH
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .

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