Vorab muss ich erwähnen, dass ich das Buch zwei mal gelesen habe, das erste Mal als junger Teenager. Ich hatte es mir damals aus der Bücherei ausgeliehen und hätte ich in dieser Zeit eine Rezension geschrieben, dann käme dieser Roman bei mir auf volle fünf Sterne. Jetzt gebe ich zweieinhalb:
Das zweite Mal war schon nicht mehr so schön zu lesen. Die langatmige Einführung in Torys Familiengeschichte zu Beginn des Buches hätte die Autorin besser auf später verschoben, denn der Leser sollte meiner Meinung nach erst einmal einen Bezug zum Protagonisten herstellen, danach können derartige Details erst interessant werden. Mir ist gleich aufgefallen, dass Torys Einstellungen und Werte für eine junge Frau des 19. Jahrhunderts höchst verblüffend sind... Und im Laufe der Geschichte wurde mir klar, dass die Autorin keine Ahnung vom 19. Jahrhundert hat. Von Piraten erst recht nicht, aber dazu will ich noch kommen.
Ein naives Mädchen (wohlgemerkt, Halbindianerin, wie in jedem zweiten Satz erinnert werden muss) flüchtet aus dem Mädchenpensionat, kommt dann plötzlich zu der Überzeugung, dass sie als Seemann eine ganz gute Figur abgeben würde, sie hatte ja Brüder und weiß schließlich, wie sich Männer verhalten...Tory geht als blinder Passagier an Bord des erstbesten Schiffes und dann geht sie auch schon los, die Fahrt in die Freiheit... Ihre unbegreiflich perfekte Auffassungsgabe und ihr magisch anmutendes Geschick machen Tory alias Tom Jones rasch zu einer ausgezeichneten "Seefrau". Wenn es nach der Autorin geht, war die historische Segelschifffahrt also offenbar leichte Arbeit, sie war komplett erlernbar in nur etwa zwei Wochen, und wozu um Himmels Willen braucht man einen Steuermann oder solche Berufsgruppen, wenn ein 16-jähriges Ding aus einem Pensionat gleich am Steuerrad stehen kann? Der verschämte Hinweis auf ihre angebliche Unwissenheit in Sachen Navigation hätte nicht mehr kommen brauchen. Warum wird Tory denn nicht gleich Kapitän? Es hätte ohne weiteres in die Geschichte gepasst, doch man soll es nicht glauben, denn es wird noch schlimmer...
Sie werden von Piraten angegriffen und Tory wechselt die Seiten. Sie hat mal wieder großes Glück, denn die Piraten sind sehr ehrbare, nette und fürsorgliche Kerle. Tory Lightfoot, wie sie sich nun nennt, erlernt ein paar Tricks, wie sie sich in einem Gefecht verhalten kann, ohne jemandem weh zu tun. Und so übersteht sie alle Gefechte, wen mag es an dieser Stelle noch wundern, fast ohne einen Kratzer. Die Feinde sind halt auch Gentlemen. Ein gutaussehender blonder Pirat befreit sie endlich von der Last der Jungfräulichkeit, doch wie der Zufall es will, verliebt sie sich in den ehemaligen Gaukler Jack. Die Liebesgeschichte nimmt ihren Lauf, allerdings erst so richtig, als das Buch schon fast zu Ende ist.
Ich habe selten ein Buch gelesen, das dermaßen miserabel recherchiert ist und auch noch so unrealistisch anmutet wie ein Märchen. Ich frage mich auch, welches Lektorat so was nicht kritisieren würde. Es wird ein völlig falsches Bild von der Piraterie gezeichnet, die hier mit Romantik pur und absoluter Freiheit gleichgesetzt wird. Doch eines muss man Lisa Jensen lassen, der Roman ist im Bezug auf die Liebesgeschichte tatsächlich sehr kreativ und romantisch. Die Landschaft der Karibik erscheint sehr farbenprächtig. Aber das war auch schon alles. Sie kennt sich leider nicht aus mit der Zeit, in der die Geschichte spielt, weder mit der Seefahrt noch mit der Piraterie, oder mit der oft zitierten christlichen Religion. Da bleibt dann nicht mehr viel übrig. Sie hätte besser einen modernen Roman geschrieben. Oder gar keinen.
Meine Tipps: Wer die Schönheit der Karibik erleben möchte, sollte einen guten Reisefüherer kaufen, oder besser, hinfliegen.
Und wer fantastische, bezaubernde Geschichten lesen möchte, besorgt sich ein Märchenbuch oder ein lustiges Piratenabenteuer für 4-6jährige!