Ist es nicht Geldverschwendung, ein Buch zu kaufen und nur ein Drittel zu lesen? In diesem Fall würde ich es jedem Kunden raten. Warum?
"Die 'O' hat mir erzählt", besteht aus drei Teilen:
Da findet sich das Interview der Autorin mit einer Verlegerin für erotische Literatur, die berühmt-berüchtigte "Geschichte der 'O'" und der an- bzw. abschließende Teil "Rückkehr nach Roissy" - gut soweit kann man es auch der Kurzbeschreibung entnehmen. Aber auf jeden separaten Teil eingegangen ist noch niemand, wie es mir scheint.
Zuerst zum Kern, der Geschichte der 'O': Meiner Meinung nach ist das eine gut gemachte Erzählung. Nicht mehr, nicht weniger, obschon das bei einem solchermaßen skandalträchtigen Buch überraschen mag.
Dem Lesegenuß abträglich sind nur das ein wenig träge Tempo und -für die meisten Leser zumindest- die Detailverliebtheit der Autorin beim Beschreiben von Kleidung.
Die ganze Geschichte, wie auch das Thema, sind sehr zeitlos und ich hatte durchaus allein vom Stil her das Gefühl, einen Literaturklassiker zu lesen.
Fazit - ich halte diesen Teil des Buches für überaus lesenswert: Eine schöne Liebeserklärung, die die meisten Leser wegen der Art, auf die sie erklärt wird, doch ziemlich fordern wird. Was nur gut sein kann.
Weniger prickelnd ist dagegen das dem vorgeschobene Interview: Zum einen mag es den Mythos von Pauline Réage ein wenig entstellen, zum anderen wirkt ihr literarisches Schaffen nicht mehr so beeindruckend, wenn man feststellt, daß der Fokus von Madam Réage wohl doch nicht nur dort lag, wo viele Fans ihn sehen wollen. Das mag aber auch daran liegen, daß Madam Réage in der Zwischenzeit ein wenig gealtert ist.
Mich persönlich verstimmt aber die Interviewführung viel mehr: Hier habe ich das Gefühl, daß die interviewende Régine Deforges allzeit bemüht ist, sich selbst und ihre Arbeit für die Befreiung der erotischen Literatur in den Mittelpunkt zu stellen. Insofern würde ich raten, diesen Teil entweder völlig zu ignorieren oder wenigstens zuletzt zu lesen - wobei letztere Möglichtkeit -ganz ehrlich- nur die Zweitbeste ist.
Und dann gibt es noch die "Rückkehr nach Roissy". Hier wechselt der Stil von der persönlichen Erzählweise zu etwas, das ich zusammenfassen würde als Versuch, der ganzen im Hintergrund existierenden Geheimgesellschaft einen neuen Rahmen zu geben.
Zudem wird die an sich schon abgeschlossene Geschichte auf ein (weiteres) Ende zugeführt, das sich vom Stil vom ersten unterscheidet und damit auch dem Klassiker der "Geschichte der 'O'" einen ganz neuen Anstrich gibt. Ich dachte die ganze Zeit "Ian Fleming"... irgendwie wirkt dieser Teil wie ein dünnes Film-Skript, das ohne hinzugefügte Special Effects nicht zu beeindruckend weiß.
Zudem bin ich nicht sicher, ob diese später entstandene Geschichte wirklich den Flair und die Intention des früheren Vorbildes trifft. Na gut, ehrlicher: Ich halte es für völlig daneben.
Damit kehre ich zur Aussage vom Anfang zurück: Ein empfehlenswertes Buch. Die "Geschichte der 'O'" thematisiert zwischenmenschliche Beziehungen anders, als manch einer das erwarten mag und genau das macht diese Geschichte so lesenswert. Die beiden zusätzlichen Teile würde ich allerdings meiden... auch wenn sie mehr als ein Drittel des Buches ausmachen.