Ich klappe das kleine Buch zu, ganz leise. Soeben habe ich mich von der "hässlichsten Frau der Welt" verabschiedet. Die Lebensgeschichte der Julia Pastrana ist erzählt. Es gibt nichts mehr hinzuzufügen, alles ist gesagt. Und trotzdem lässt es mich nicht los...
Julia Pastrana ist nicht irgendwer. Julia Pastrana ist die hässlichste Frau der Welt. Sie ist DIE AFFENFRAU. Klein, behaart und ... eine Attraktion. Mit ihr lässt sich viel Geld verdienen, eine Aktie, die nur steigen kann. Denkt sich Theodore Lent, der mit ihr durch Europa tingelt. In England stösst die kleine Rosie dazu, ein Waisenkind aus der Innerschweiz auf dem Weg nach Amerika. Lent benutzt sie dazu, um Julias Auftritte noch sensationeller zu machen. Anfangs als kleines ängstliches Mädchen, später als Burlesque-Tänzerin. Gleichzeitig ist Rosie aber auch Julias Dienerin, Vertraute, Freundin. Beide verbindet die Liebe zu Theodore Lent. Und machen alles, was er will, wann er es will. Denn
"Die Pastrana ist nie unpässlich.
Die Dienerin ist nie unpässlich.
Lents Truppe tritt auf und tritt ab.
Es wollen einundzwanzig Millionen Briten in ihrer Freizeit unterhalten werden."
Und nicht nur die Briten - ganz Europa. Julia wird nicht nur vom breiten Publikum begafft, bald steht sie auch im Mittelpunkt wissenschaftlichen Interesses. Dabei "will Julia keine Sonderheit sein. Nur ein Mensch. Eine gewöhnliche Frau. Eine wie die anderen."
Margrit Schriber hat mit diesem kleinen Buch ein Meisterwerk geschaffen, an dem der Leser noch lange zu knabbern hat. Wortgewaltig, mit einfachen Sätzen transportiert sie sehr viele Emotionen, die den Leser ins Mark treffen. Und das, obwohl man den Erzählstil als dokumentarisch beschreiben könnte. Sachlich schildert sie die Geschichte der beiden Frauen, ihre Liebe zu einem Egomanen und das Zurschaustellen seiner "Exponate". Jedes Wort, jeden Satz hat Margrit Schriber unzählige Male hin und her gewendet, damit es perfekt ist. Das ist ihr zweifelsohne gelungen. Kein Wort zu viel, keins zu wenig. Auch die gut recherchierten Fakten hat sie nicht zusätzlich ausgeschmückt, das alles bleibt der Phantasie des Lesers überlassen.
"Blumen, die Du in die Luft wirfst, nimmt der Wind. Nichts geht verloren. Irgendwann pflückt irgendwer unsere Worte und unsere Blumen aus dem Wind."
Genau das hat Margrit Schriber getan. Sie hat die Geschichte der hässlichsten Frau der Welt dem Vergessen entrissen. Sie hat Julia Pastrana ein Denkmal gesetzt. Einer Frau, deren Mumie bis heute in den Katakomben eines norwegischen Institut lagert.
"Ihr ganzes Leben ist sie als minderes Geschöpf behandelt worden. Als Monster einer Freakshow. Sie hat es ertragen. Sie hat sich nie beklagt. Aber ihren letzten Weg will sie als ein Mensch zurücklegen. In Würde."
Das ist ihr bis heute verwehrt geblieben. Aber vielleicht kann ja das Buch dieser wunderbaren Schweizer Autorin das ändern. Ich würde es mir wünschen...