"Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein? Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich? Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte untergegangen war. Weinte sonst niemand?", diese Wort hat Berthold seinem "Lesenden Arbeiter" in den Mund gelegt und trifft den Nagel auf den Kopf. Hinter jedem großen Mann steht eine starke Frau, heißt es im Volksmund und gemeint ist de facto, dass hinter allen großen Männern und Frauen auch immer pflichtbewusste und treue Helfer zu finden sind. Der gewichtigen Rolle von professionellen Gehilfen hat Dietmar Grieser dieses Buch gewidmet. Denn sie sind es, die den genialen Künstlern, Denkern und Würdenträgern das Alltägliche abnehmen, um nach dem Außergewöhnlichen zu streben.
Köchinnen, Haushälterinnen, Kindermädchen und Sekretäre berühmter Europäer stehen im Mittelpunkt von Griesers Werk und zeichnen ein etwas anderes Geschichtsbild, das heute aber immer mehr auf Interesse stößt. Es sind auch Schattenseiten an hochgeschätzten Größen, die dabei zu Tage treten, was Beethoven und Goethe sehr gut beweisen, warf der eine doch sogar Bücher und einmal einen Sessel nach einer Dienstmagd, während der andere gegen seine Köchin Charlotte Hoyer sogar Anzeige erstattete und einen üblen Leumund anhängte, nachdem diese das von ihm sehr gewissenhaft erstellte, aber völlig inakzeptable Dienstzeugnis zerrissen hat.
Faszinierend auch Fjodor Dostojewskis Verhältnis zu Elise Schmidt, einer Saisonarbeiterin in Bad Ems, wo sich Dostojewski für kurze Zeit aufhielt. Auf Seite 102 zitiert der Autor aus dem Tagebuch des Meisters: "Man beachte, daß an ihr nichts Gedrücktes, nichts Erniedrigtes ist: Sie ist lustig, keck, gesund, sieht sehr zufrieden aus und zeigt eine unerschütterliche Ruhe. Nein, bei uns arbeitet man nicht so. Bei uns wird sich keine Dienstmagd und für kein Geld zu einem solchen Galeerendienst hergeben. Außerdem wird die alles falsch machen, hundertmal vergessen, verschütten, zerschlagen, sich irren, außer sich geraten, grob werden. Hier aber konnte ich mich den ganzen Monat über nichts beklagen. Als Russe weiß ich gar nicht, ob ich es loben oder tadeln soll. Ich will wagen, es zu loben." Der große Schriftsteller war schlicht verblüfft von der Arbeitsweise des Mädchens, auch wenn sich seine Beziehung zu ihr, rein auf diese Bewunderung ihrer Arbeitsmoral beschränkte.
Die von Dietmar Grieser angeführten Biografien sind sehr zahlreich und umfassen die Diener bürgerlicher, adeliger und sogar klerikaler Herrschaften aus über 200 Jahren Geschichte. Diese variieren natürlich in Umfang und Ausführung, aber nichtsdestoweniger ist das Buch eine sehr informative Lektüre, die es versteht einen adäquaten Einblick in die Lebenswelten von professionellen Dienern zu geben. So detailreich manche Biographien auch sind, so sehr lassen andere dies vermissen, was zum Teil tatsächlich darin liegen mag, dass man kaum noch mehr darüber schreiben konnte und sich auch nur sehr wenige Quellen zu den Dienern im Umfeld eines Prominenten finden ließen. Sozialkritisches bleibt übrigens außen vor, auch wenn der Autor im Vorwort anklingen lässt, dass die Betreuung durch professionelle Gehilfen so manchen auch schon abheben gelassen hat. Ebenso wenig widmet man sich der Frage ob und inwiefern die oft lebenslange Loyalität nicht schlicht aus einer Abhängigkeit resultiert, die durch einen Mangel an alternativen entsprechenden Verdienstmöglichen begründet ist.
Fazit:
Wer waren sie, die guten Geister im Haushalt und Leben eines Thomas Mann, Ludwig van Beethoven, Johann Strauß, Herbert von Karajan, Karl Marx, Johann Wolfgang von Goethe, Pius XII., einer Christina Onassis, Elizabeth II. und Kaiserin Zita? Dietmar Grieser hat die Biografien der Dienerschaft dieser prominenten Persönlichkeiten ergründet und in diesem Werk zusammengestellt.